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| 12:47 Uhr

Anstieg der Gewaltkriminalität
Mehr Flüchtlinge als Täter – und als Opfer

Ein Flüchtling sitzt  in einem Unterkunftszelt am Internationalen Jugendübernachtungscamp am Kapuzinerhölzl in seinem Bett.
Ein Flüchtling sitzt in einem Unterkunftszelt am Internationalen Jugendübernachtungscamp am Kapuzinerhölzl in seinem Bett. FOTO: Tobias Hase / dpa
Hannover/Cottbus. Eine neue Studie aus Niedersachsen erklärt, wie Flüchtlinge für den Anstieg der Gewaltkriminalität in Deutschland verantwortlich sein sollen. Wie ist die Lage in Brandenburg und Sachsen? Von Bodo Baumert

Ein syrischer Minderjähriger steht in Cottbus vor Gericht, weil er eine Rentnerin ermordet haben soll. Gegen einen syrischen Friseur wird verhandelt, weil er seine Chefin in Herzberg angegriffen hat. Ein weiterer Prozess am Landgericht beginnt in der kommenden Woche. Ein Syrer soll in Cottbus seine Frau bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben, um sie zu töten. Für Populisten reicht das als Argumentation: Die Flüchtlinge sind Schuld an der steigenden Gewalt in Deutschland. Aber ist das wirklich so? Und wenn ja, wo liegen die Gründe? Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat genauer hingeschaut und eine Untersuchung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt.

Was haben die Forscher für Niedersachsen herausgefunden? In ihrer Untersuchung zur Gewaltkriminalität präsentieren die Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem Zahlen für das Bundesland Niedersaschsen. Dabei beschränken sie sich auf Flüchtlinge, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Niedersachsen gekommen sind. Für die Jahre 2015 und 2016 verzeichnet die Polizeistatistik eine Zunahme der Gewaltkriminalität um 10,4 Prozent. Eine Analyse der aufgeklärten Fälle zeigt, dass der Anstieg zu 92 Prozent auf Flüchtlinge zurückzuführen ist. Fast jede achte Gewalttat in dem Land rechnet die Polizei einem Migranten zu.

Was sagt das BKA zur Lage in Deutschland? Die aktuellsten Zahlen zu Kriminalität und Zuwanderung bietet das Bundeskriminalamt (BKA). Es hat im Oktober ein Lagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ für das erste Halbjahr 2017 veröffentlicht. Insgesamt wurden demnach von Januar bis Juni 133 800 Straftaten registriert, bei denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst wurde. Das ist ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Allerdings handelt es sich um vorläufige Zahlen, die deshalb mit Vorsicht zu genießen sind. In der Mehrheit der ermittelten Fälle handelt es sich um Vermögens- und Fälschungsdelikte wie etwa „Beförderungserschleichung“, also Schwarzfahren. Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit machen etwa ein Viertel der ermittelten Fälle aus. Zuwanderer sind aber auch häufig Opfer von Gewalttaten. In 46 100 Fällen war das laut BKA im ersten Halbjahr 2017 der Fall. Im Bereich der Rohheitsdelikte sind in 81 Prozent der Fälle Flüchtlinge sowohl Opfer als auch Täter, häufig finden die Körperverletzungen in den Flüchtlingsheimen statt. Im Bereich Mord und Totschlag durch Zuwanderer sieht die Lage so aus: Bei 27 vollendeten Taten wurden insgesamt 30 Personen getötet, darunter 20 Zuwanderer, fünf deutsche Staatsangehörige, ein Staatsangehöriger eines EU-Staates sowie drei Staatsangehöriger eines Nicht-EU-Staates.

Wie ist die Lage in Brandenburg? Die jüngsten Kriminalitätszahlen für Brandenburg beziehen sich auf das Jahr 2016. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) weist für 2016 einen Anstieg der Rohheitsdelikte um etwa zehn Prozent aus. Straftaten gegen das Leben sanken hingegen um 15 Prozent. Insgesamt wurden in Brandenburg 15 000 nicht-deutsche Tatverdächtige ermittelt, der überwiegende Teil von ihnen wegen unerlaubten Aufenthaltes. Bei Körperverletzung wurde allerdings auch ein sehr hoher Anstieg nicht-deutscher Tatverdächtiger ermittellt. Sie sind demnach für 18 Prozent aller Gewaltfälle 2016 verantwortlich. Die größte Gruppe der nicht-deutschen Tatverdächtigen stellte 2016 Polen (vor allem aufgrund KfZ-Diebstählen), gefolgt von Syrien und Russland.

Wie ist die Lage in Sachsen? In Sachsen weist die PKS für 2016 in einem Drittel aller Fälle nicht-deutsche Tatverdächtige aus. Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche haben um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Von den 37 000 nicht-deutschen Tatverdächtigen hat der Großteil gegen Bestimmungen des Aufenthalts- oder Asylgesetzes verstoßen. Unter den nicht-deutschen Tatverdächtigen befanden sich 8023 Asylbewerber. Im Bereich der Körperverletzungen hat sich die Zahl der ausländischen Tatverdächtigen verdreifacht. Die Mehrheit der Taten wird aber weiter von deutschen Verdächtigen begangen. „Gewaltkriminalität gehörte nicht zu den Präferenzdelikten nicht-deutscher Tatverdächtiger“, heißt es in der PKS.

Was sind die Gründe für den Anstieg? In ihrer Studie verwiesen die Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem zunächst auf den allgemeinen Anstieg der Flüchtlingszahlen, der auch zu einem höheren Anteil der Flüchtlinge an den Straftaten führt. Dies könne den Anstieg allerdings nicht vollständig erklären. Weitere Gründe sind laut der Studie:

1. Die Alters- und Geschlechtszusammensetzung der Flüchtlinge: „In jedem Land der Welt sind die männlichen 14- bis unter 30-jährigen bei Gewalt- und Sexualdelikten deutlich überrepräsentiert“, heißt es in der Studie. Da unter den Flüchtlingen viele junge Männer sind, ist auch der Anteil der potenziellen Täter hier höher. „Zu beachten ist hierbei, dass der Anteil der männlichen Flüchtlinge, die dieser Altersgruppe der 14- bis unter 30-jährigen angehören, im Vergleich der verschiedenen Herkunftsgruppen stark divergiert. Er liegt offenbar umso höher, je gefährlicher und anstrengender der Fluchtweg ist“, so die Studie.

2. Die Aufenthaltsperspektiven: Betrachtet man die Herkunft der Flüchtlinge, ergibt sich ein heterogenes Bild. Kriegsflüchtlinge aus den Ländern Syrien, Irak und Afghanistan sind im vergelich zu ihrer Gesamtzahl nur gering unter den Tatverdächtigen zu finden. Die vergleichsweise wenigen Flüchtlinge aus dem Maghreb jedoch wesentlich häufiger. „Wir haben herausgefunden, dass die Nordafrikaner eben von vornherein ja klar gemacht bekommen haben: Ihr habt hier keine Chancen, ihr müsst alle wieder nach Hause. Während man den Kriegsflüchtlingen sehr schnell signalisiert hat: Ihr könnt bleiben, ihr bekommt einen festen Status. Und dann bemühen die sich natürlich, ja nichts falsch zu machen. Keine falsche Bewegung, in Anführungszeichen. Und verhalten sich brav und angepasst im Vergleich“, erklärte Studienautor Christian Pfeiffer im ZDF.

3. Falsche Männlichkeitsvorstellungen: „Die Flüchtlinge stammen überwiegend aus muslimischen Ländern, die von männlicher Dominanz geprägt sind. Repräsentativbefragungen haben gezeigt, dass junge männliche Zuwanderer aus solchen Kulturen sogenannte gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen in weit höherem Maß verinnerlicht haben als gleichaltrige Deutsche“, schreiben die Autoren der Studie. Ein Mann, der sich nicht wehrt, ist ein Feigling. Die Studie spricht von einer „Machokultur“.

4. Das Fehlen der Frauen: Ein wichtiger Aspekt des Problems sei auch, dass Flüchtlinge in Deutschland häufig in Männergruppen lebten - ohne Partnerin, Mutter, Schwester oder andere weibliche Bezugsperson, wie es in der Studie heißt. „Überall wirkt sich negativ aus: der Mangel an Frauen“, sagt Kriminologe Pfeiffer dazu. Dieser Mangel erhöhe die Gefahr, dass junge Männer sich „an gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen orientieren“, heißt es in der Studie. „Die Forderung nach einem Familiennachzug findet hier ihre kriminologische Begründung.“

5. Das Anzeigeverhalten: In einer Dunkelfeldstudie haben die Forscher aus Niedersachsen herausgefunden, dass fremd aussehende Menschen häufiger anzeigt werden. „Die Anzeigebereitschaft der Opfer von Gewalttaten fällt etwa doppelt so hoch aus, wenn Opfer und Täter sich vor der Tat noch nie begegnet sind oder wenn sie verschiedenen ethnischen Gruppen angehören.“ Auf der anderen Seite würden Migranten deutsche Täter erheblich seltener an als andere Täter anzeigen. „Wir vermuten dahinter ein generelles Misstrauen gegenüber der Polizei“, so die Studien-Autoren.

6. Die Opfer: Nicht nur unter den Tätern tauchen Flüchtlinge in der Polizeistatistik auf, verstärkt sind sie auch Opfer. Zwei Drittel der Opfer von Gewalttaten durch Flüchtlinge sind selbst Ausländer, sie die Erhebung für Niedersachsen. „Bei den Raubdelikten waren die polizeilich registrierten Opfer dagegen zu 70 Prozent Deutsche. Möglicherweise haben die Täter bei ihnen eine höhere Beute erwartet“, heißt es in der Studie.

Was sind die Folgen? Studienleiter Pfeiffer forderte im ZDF die Politik auf, Konsequenzen aus der Analyse zu ziehen: „Ich denke, es ist Anlass, jetzt die neuen Koalitionsgespräche für eine neue Perspektive in der Flüchtlingspolitik zu nutzen, nämlich riesig viel Geld für ein Rückkehrprogramm zu investieren. Ich erfinde mal eine Milliarde.“ Als Mittel gegen Gewalttaten von Flüchtlingen mahnen die Kriminologen zudem eine bessere Prävention an. Unter anderem solle es bessere Angebote wie etwa Sprachkurse, Sport und Praktika sowie Betreuungskonzepte für junge Flüchtlinge geben.

Roger Höppner, Vvizepräsident der Polizei in Brandenburg, hat bereits im Herbst bei einer Tagung mit Wissenschaftlern und Hilfsorganisationen eine neue Studie zur Lage in den Flüchtlingsheimen gefordert. „Wir brauchen eine genaue Erhebung der Zustände“, so Höppner. 2014 hab es schon einmal eine solche Studie gegeben. Eine neue sei überfällig. Denn neben der Gewalt bereiten den Sicherheitsbehörden auch mögliche islamistische Gefährder sorgen. Diesen möchte man ähnlich begegnen wie dem rechten Extremismus im Land: mit Repression, aber eben auch mit Prävention. Nur dafür braucht es genaue Kenntnisse der Lage.

Heinz-Joachim Lohmann, Studienleiter der Evangelischen Akademie in Berlin, macht bei der gleichen Tagung noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Es gibt bisher keinerlei Opferberatung in den Flüchtlingsheimen.“ Dabei wäre gerade das notwendig, wenn es dort zu Gewalt und anderen Delikten komme.