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Mehr als nur ein Defibrillator

Die beiden Mitglieder im neugegründeten Verein "Löbau lebt" René Seidel (l.) und Jörg Krause schauen aus einem leerstehenden Kiosk in Löbau, der bis zum Tag der Sachsen im September saniert sein soll.
Die beiden Mitglieder im neugegründeten Verein "Löbau lebt" René Seidel (l.) und Jörg Krause schauen aus einem leerstehenden Kiosk in Löbau, der bis zum Tag der Sachsen im September saniert sein soll. FOTO: dpa
Löbau. Der neu gegründete Verein "Löbau lebt" will frischen Wind in die Stadt bringen. Die großen Träume müssen aber vorerst noch warten. Miriam Schönbach

Vielleicht stecken ein bisschen Trotz und ein wenig Rebellion im Vereinsnamen: "Löbau lebt" nennt sich die Initiative, die frischen Wind in die Stadt bringen will. Ihr Enthusiasmus scheint ansteckend zu sein. "Wir haben das Gefühl, dass die anderen Vereine wieder aufblühen", sagt René Seidel und schließt einen baufälligen Kiosk am Nicolaiplatz auf. Eine ältere Frau läuft grüßend vorbei: "Hallo! Löbau lebt!", ruft sie.

Seidel und sein Begleiter Jörg Krause schauen sich an. Immer häufiger werden die Macher des jüngsten Löbauer Vereins - seit Beginn des Jahres findet er sich im Vereinsregister - auf der Straße erkannt. "Kein Wunder", würde mancher sagen. Schließlich zählt die Stadt laut letzter Zählung des Statistischen Landesamts in Kamenz überschaubare 15 000 Einwohner. Nach der Wende lebten am Löbauer Berg noch rund 18 000 Menschen. Wie so viele im östlichsten Sachsen sind die meisten gen Westen gezogen.

Die vage Idee für den Verein entstand durch einen Freundeskreis in den vergangenen zwei Jahren. Es ging ihnen aber nicht darum, angesichts Abwanderung, zunehmender Überalterung und fehlender Perspektiven in den Abgesang auf die Stadt mit einzustimmen. "Statt zu meckern, wollen wir lieber etwas machen. Wir wollen die Menschen sammeln, die sich engagieren wollen und auch praktisch mithelfen", sagt Seidel. Der 29-Jährige ist Löbauer. Nach dem Abitur geht er zum Studium ins nahegelegene Zittau. Heute arbeitet der Diplom-Übersetzer für Englisch und Tschechisch als Fachbereichsleiter Sprachen an der städtischen Volkshochschule.

Lediglich für ein Auslandssemester hat es Seidel nach Manchester gezogen. Er kam auch wegen der familiären Atmosphäre in der Stadt zurück nach Löbau. "Du brauchst nur vor die Tür zu gehen und siehst schon einen Bekannten", sagt er. Auch an diesen Nachmittag eilen Mütter mit Kindern, Senioren und hastende Menschen zwischen Drogeriemarkt, Fleischer und Bäcker, sich grüßend zunickend, durch die Straßen.

Doch dieses belebte Bild bietet die Stadt meist nur am Tag. "Spätestens um 18 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. In unserer Stadt gibt es nicht mal mehr eine Kneipe, wo wir uns abends treffen könnten", sagt Krause. Stattdessen würden viele Löbauer nach Görlitz, Bautzen oder Zittau fahren. Gleichzeitig würden Gäste Löbaus aufgrund fehlender Angebote einen Bogen um die Innenstadt machen. Großereignisse, wie die Landesgartenschau oder der Tag der Sachsen wirken lediglich wie ein Defibrillator, der das Herz der Stadt auf Zeit wieder zum Schlagen bringt.

Ein älterer Herr beugt sich erzählend zu den "Löbau lebt"- Machern durchs Fenster in den Kiosk. Seidel und Krause hören ihm zu, wie er einst hier auf dem Weg zur Arbeit Zigaretten holte. Die Mini-Immobilie soll ein Vereinsprojekt werden. Ihren großen Traum von einem soziokulturellen Zentrum mit einem Platz für Theater, Ausstellungen, Austausch zwischen den Generationen, ja auch einer kleinen Kneipe, ist zunächst zu den Akten gelegt. Stattdessen setzen sie jetzt die kleine Variante auf ein paar Quadratmetern um.

Bis zum Tag der Sachsen im September soll der einstige Fahrkartenverkauf unter Denkmalschutz saniert sein. Mit einer Crowdfunding-Aktion sollen frischer Putz, ein neues Dach und vieles mehr finanziert werden.

Der Kiosk soll vor allem Anlaufpunkt für die Löbauer werden, auf Augenhöhe, vielleicht auch Ausgangspunkt für kulturelle Aktionen. Ideen haben die jungen Macher genug und einbezogen werden alle. "Wir wollen eine Gruppenbewegung sein, weggeschickt wird niemand", sagt Seidel. Bei einem Jugendforum am 3. und 4. März will der Verein "Löbau lebt" Schüler an einen Tisch holen. Mit Freude beobachtet Franziska Schubert die Gruppe. "Der Initiative gelingt es, die Leute wieder mitzunehmen und für ihr Lebensumfeld zu begeistern. Sie wirkt wie ein Katalysator", sagt die Lausitzer Landtagsabgeordnete der Grünen und zieht Vergleiche zu "Zittau kann mehr" oder "Klartext" in Weißwasser. Jeweils beide Gruppen stellen inzwischen den Oberbürgermeister ihrer Stadt.

Seidel und Krause schmunzeln über die Idee. "Es wäre toll, wenn sich zur Oberbürgermeisterwahl mehrere Kandidaten finden würden, damit die Bürger auch eine Wahl haben", sagt Krause, der Pflegehelfer im Diakoniewerk Großhennersdorf ist. Die nächste Wahl steht 2022 ins Haus. Jetzt geht es erst einmal um die Sanierung des fortan kleinsten soziokulturellen Zentrums der Oberlausitz, ein paar Absprachen für drei Kinovorführungen am 12. Mai im Rahmen des "Neiße-Filmfestivals" und vor allem darum, immer bei Puste zu bleiben - für den frischen Wind in Löbau.