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| 14:31 Uhr

Interview mit Martina Münch
„Gute Lösungen, keine Schnellschüsse“

Stiftungsratsvorsitzende und Kulturministerin Martina Münch (SPD) versichert: „Bei der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor werden wir das Orchester einbeziehen.“
Stiftungsratsvorsitzende und Kulturministerin Martina Münch (SPD) versichert: „Bei der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor werden wir das Orchester einbeziehen.“ FOTO: dpa / Soeren Stache
Wie geht es weiter am Staatstheater? Die Vorsitzende der Brandenburgischen Kulturstiftung antwortet auf brennende Fragen.

Das ganze Ausmaß der Vorwürfe gegen den Führungsstil des Generalmusikdirektors am Staatstheater hat den Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder) völlig überrascht, gab er nach seiner außerordenlichen Sitzung bekannt. Wie kann das sein? Im RUNDSCHAU-Interview antwortet darauf und auf andere brennende Fragen Stiftungsratsvorsitzende und Kulturministerin Martina Münch (SPD).

Martina Münch, gab es denn gar keine Warnsignale aus dem Staatstheater? Der Cottbuser Kulturamtsleiter Bernd Warchold hat erst jüngst im Bildungsausschuss gesagt, dass Sie sich als Ministerin mindestens zweimal im Jahr mit Personalvertretern getroffen haben.

Münch In meinen Gesprächen mit Personalvertretern hat dieses Thema nie eine Rolle gespielt. Ansonsten gab es immer mal wieder vereinzelte Signale, dass es im Ensemble auch schon mal sehr emotional zuging. Wo viele Musikerinnen und Musiker miteinander arbeiten und um künstlerische Höchstleistungen ringen, ist das ein Stück weit wohl völlig normal. Das bestätigte mir auch der Vorstand. Die Dimension der Vorwürfe, die in den vergangenen Wochen in mehrseitigen Schreiben der Opernsolisten und Musiker dargelegt wurde, war von außen in keiner Weise wahrnehmbar und kam für mich und für alle anderen aus dem Stiftungsrat völlig überraschend. Darüber sind zuvor weder ich noch die anderen Mitglieder des Stiftungsrates informiert worden.

Nach Anhörung aller Seiten hat sich nun auch der Stiftungsrat dafür ausgesprochen, den Vertrag mit Evan Christ aufzulösen. Der Vertrag ist aber gerade erst bis 2024 verlängert worden. Wie geht es jetzt weiter? Wie wird ein neuer hochkarätiger Orchesterleiter gefunden, und was kostet das den Steuerzahler?

Münch Der Stiftungsrat unterstützt die Stiftung bei der Auflösung des Vertrages mit Evan Christ. Derzeit wird geprüft, zu welchen Konditionen das möglich ist – das hat Priorität. Zu den finanziellen Auswirkungen kann man derzeit keine Aussagen machen. Bei der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor werden wir das Orchester einbeziehen. Das wird sicher eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, und diese Zeit werden wir uns auch nehmen. Bis dahin werden der Erste Kapellmeister sowie Gastdirigenten das Programm übernehmen – dafür hat die Stiftung schon die Weichen gestellt.

Intendant Martin Schüler hat die volle Verantwortung für die entstandene Situation übernommen und angekündigt, zum Ende der Spielzeit 2017/2018 von seinen Ämtern zurückzutreten, um den dringend erforderlichen Neustart am Staatstheater Cottbus möglich zu machen. Viele Menschen bedauern das, hoffen sogar auf einen Rücktritt vom Rücktritt. Ist das noch möglich? Oder könnte Martin Schüler wenigstens als Operndirektor dem Staatstheater erhalten bleiben? Auch hier kommen sicher Kosten auf die Stiftung zu…

Münch… wie gesagt, es wäre absolut unseriös, zum jetzigen Zeitpunkt über Kosten zu spekulieren. Ich persönlich hätte mir sehr gewünscht, dass Martin Schüler sich diesen Schritt noch mal überlegt. Er hat schließlich das Staatstheater seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit seiner Leidenschaft und seinen Ideen und Inszenierungen geprägt und zu einem Publikumsmagneten gemacht. Aber er hat für sich eine sehr klare Entscheidung bezüglich seiner Ämter als Intendant und als Operndirektor getroffen und diese auch so vor dem Stiftungsrat vorgetragen und überzeugend begründet. Diese Entscheidung haben wir im Stiftungsrat mit großem Bedauern und Respekt zur Kenntnis genommen und letztlich akzeptiert. Ich bin dankbar, dass Martin Schüler wenigstens bis zum Ende der Spielzeit an Bord bleibt und bis dahin auch weiterhin Verantwortung für das Staatstheater übernimmt.

Wie werden jetzt die Weichen gestellt, dass sich die Wogen wieder glätten, und geeignete Nachfolger für die Führungsspitze gesucht? Wie viel Zeit wird es brauchen? Setzen Sie auf Interimslösungen?

Münch Wir werden in der nächsten regulären Sitzung des Stiftungsrats über das weitere Verfahren zur Nachbesetzung beraten. Nach den vergangenen Wochen mit ständig neuen Ereignissen und Entwicklungen haben wir keine einfache Situation am Staatstheater. Es ist ganz wichtig, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt erst mal wieder zur Ruhe kommen können. Dafür haben wir im Stiftungsrat die Weichen gestellt – so soll es künftig unter anderem eine Beschwerdestelle am Staatstheater geben, vielleicht ist auch eine externe Moderation notwendig. Unser Ziel ist es, dass das Arbeitsklima am Staatstheater wieder verbessert, verloren gegangenes Vertrauen zurückgewonnen und die außerordentliche hohe künstlerische Qualität des Theaters gesichert wird. Möglicherweise brauchen wir auch Interimslösungen. Wichtig ist: Wir wollen gute Lösungen, keine Schnellschüsse.

Ein Abgeordneter hat es als Geburtsfehler bezeichnet, dass kein Vertreter der Belegschaft des Staatstheaters im Stiftungsrat sitzt. Gibt es Überlegungen, das zu ändern?

Münch Ich persönlich halte es für wichtig, den Personalrat einzubeziehen. Deshalb habe ich auch bisher schon die Personalvertreter nach den Sitzungen des Stiftungsrates informiert. Ich gehe davon aus, dass wir auf der nächsten Stiftungsratssitzung über eine dauerhafte Vertretung des Personals im Rat sprechen werden.

Die Fragen an Martina Münch
stellte Ida Kretzschmar