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| 18:14 Uhr

Polizei
Manipulierte Lkw als tödliche Fallen

Manipulierte Fahrtenschreiber und AdBlue-Geräte
Manipulierte Fahrtenschreiber und AdBlue-Geräte FOTO: LR / Bodo Baumert
Cottbus/Potsdam. Die Zahl der Verkehrstoten, die durch Lkw-Fahrer auf Brandenburger Autobahnen versucht wurden, steigt dramatisch an. Die Polizei versucht, mit Kontrollen dagegenzuhalten. Ein Katz-und-Maus-Spiel. Von Bodo Baumert

Für Lkw, die auf deutschen Autobahnen unterwegs sind, gibt es Vorschriften: Ruhezeiten, Sicherheitsbestimmungen, technische Warnsysteme, Rußfilter. All das kontrolliert die Polizei, wenn sie zur Lkw-Kontrolle bittet. All das lässt sich aber auch umgehen – und dabei werden die Methoden der Trickser immer raffinierter.

Ein Lkw der steht, kostet Geld, einer der fährt, verdient Geld. Die Rechnung, die die Speditionen und ihre Fahrer aufmachen ist nachvollziehbar. Allerdings enthält sie eine Unbekannte. Und das sind die anderen Fahrer, die auf den Autobahnen unterwegs sind – und die den Kosten- und Zeitdruck im Zweifel mit ihrem Leben bezahlen. Die Zahl der Unfälle mit Personenschaden, die im ersten Halbjahr 2018 in Brandenburg durch Lkw-Fahrer versucht wurden, ist um 15 Prozent gestiegen.

Anfang Juni etwa war bei einem folgenschweren Unfall auf der A 13 der Fahrer eines Kleintransporters schwer verletzt worden. Der Fahrer eines Sattelschleppers hatte die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Der Laster brach durch die Mittelleitplanke und landete auf der Gegenfahrbahn. Dort krachten nacheinander ein Kleintransporter und zwei weitere Lkw gegen den Sattelschlepper.

Am Montag erst hat ein ähnlicher Unfall für stundenlangen Stau auf der A4 in Ostsachsen gesorgt. Ein Fernfahrer hatte den Abstand nicht eingehalten.

Teilweise ist menschliches Versagen Schuld an solchen Unfällen. Teilweise sind es aber auch Manipulationstricks. Mit denen ist Polizeihauptkommissar Thomas Dobkowicz täglich konfrontiert, wenn er mit seiner Sonderüberwachungsgruppe Lkw zur Kontrolle aus dem Verkehr winkt. 30 bis 40 Minuten kann so eine Durchsicht durch die Polizei dann dauern, denn um herauszufinden, ob ein Fahrzeug manipuliert wurde, ist viel Sachkenntnis und ein genauer Blick nötig. Dobkowicz berichte beispielsweise von einem Fahrtenschreiber, den er nach Schweden zum Hersteller schicken musste, um herauszufinden, dass dieser tatsächlich manipuliert wurde – so raffiniert ist die eingesetzte Technik mittlerweile.

Bei den Fahrtenschreibern geht der Trick beispielsweise so: Durch einen technischen Einbau wird dem Gerät signalisiert, dass das Fahrzeug steht. Folglich wird die vorgeschriebene Ruhezeit aufgezeichnet. Tatsächlich rollt das Fahrzeug aber, der Fahrer versucht, trotz Übermüdung ans Ziel zu kommen. „Stellen Sie sich vor, Sie fahren neben so einem Lkw mit ihren Kindern im Auto“, warnt Dobkowicz. Zwölf solcher manipulierten Fahrtenschreiber hat allein seine Gruppe in diesem Jahr schon gefunden. Drei weitere Gruppen gibt es im Land. „Und die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Dobkowicz. Denn nur die wenigsten Lkw können tatsächlich kontrolliert werden.

Einen besonders dreisten Fall hat der Polizeihauptkommissar in einem anderen Lkw entdeckt. Auf den ersten Blick schien alles in Ordnung. Durch einen Tipp belgischer Kollegen war Dobkowicz allerdings gewarnt. Ein wie ein handelsüblicher USB-Anschluss fürs Radio wirkender Schlitz im Armaturenbrett stellte sich als gefährliche Manipulation heraus. „Als wir einen handelsüblichen USB-Stick hineingesteckt haben, hat der Lkw einen Satz nach vorne gemacht und sämtliche Warnsysteme sind angeschlagen“, berichtet der Experte. Denn der Anschluss ging keineswegs zum Radio sondern direkt zur Steuereinheit. Mit einem entsprechenden USB-Stick konnten Sicherheitssysteme einfach ausgeschaltet werden. „Jetzt stellen Sie sich mal vor, ein Fahrer steckt da gedankenverloren seinen Musik-Stick rein. Sofort wird das Fahrzeug unkontrollierbar“, klagt Dobkowicz.

 Neuester Trend der Lkw-Trickser sind die sogenannten Adblue-Anlagen zur Abgasreinigung. Die sind sehr wartungsintensiv, was Zeit und Kosten für die Speditionen erhöht. Wird bei der Wartung geschleift, bremst das System den Lkw automatisch aus – es sei denn, man schaltet das System ab. Entsprechende Geräte sind im Internet erhältlich. Das Ergebnis: Lkw-Abgase gelangen ungefiltert in die Luft. Die Tricks von VW und anderen Dieselherstellern sind ein Klacks dagegen.    

Solche Abschaltfunktionen sind natürlich verboten. Dennoch kann die Polizei ausländische Fahrer dafür nur schwer belangen. „Derzeit geht das nur über den Umweg der Maut“, sagt Dobkowicz. Die gilt aber nur für Autobahnen und Bundesstraßen. Die Strafen sind zudem kaum dazu geeignet, Täter abzuschrecken.

Die Polizei versucht dennoch, Präsenz zu zeigen und den Fahrern und Speditionen auf die Finger zu schauen. Ende Mai etwa wurden bei einer groß angelegten Kontrollaktion Dutzende Fahrzeuge an den Autobahnen kontrolliert. Von 104 gestoppten Lkw wiesen 67 Mängel auf, die die Polizei zu beanstanden hatte.

Aufgrund der Personalkürzungen bei der Polizei sind Lkw-Kontrollen in den vergangenen Jahren allerdings zurückgefahren worden. Es fehlt schlicht an Personal. „2017 haben wir aber eine Trendumkehr eingeleitet. Wie kontrollieren wieder mehr“, betont Polizeisprecher Torsten Herbst.