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| 10:54 Uhr

Krankenkasse warnt
Magersucht in Brandenburg auf neuem Höchststand

 Eine junge Frau schaut sich am 02.08.2016 in Berlin das Instagram-Profil von Nutzerin Amalie Lee auf dem Display eines Smartphones an. Auf Instagram dokumentiert Lee, die an einer Essstörung leidet, ihren Weg zurück - ihre Heilung.
Eine junge Frau schaut sich am 02.08.2016 in Berlin das Instagram-Profil von Nutzerin Amalie Lee auf dem Display eines Smartphones an. Auf Instagram dokumentiert Lee, die an einer Essstörung leidet, ihren Weg zurück - ihre Heilung. FOTO: Monika Skolimowska / picture alliance / dpa
Potsdam. Die Zahl der Jugendlichen, die unter Magersucht leiden, hat in Brandenburg einen neuen Höchststand erreicht. Laut einer Erhebung der Krankenkasse Barmer gibt es in keinem anderen Bundesland einen so deutlichen Anstieg.

Wie die Krankenkasse am Dienstag mitteilte, waren 330 Barmer-Versicherte im Jahr 2016 wegen Anorexie in ärztlicher Behandlung. Zum Vergleich: 2011 waren es 199. Das entspricht einer Zunahme von 65,8 Prozent innerhalb von fünf Jahre. „In keinem anderen Bundesland sind die Anorexie-Diagnosen so stark angestiegen wie in Brandenburg“ berichtet Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Krankenkasse, und warnt: „Magersucht ist keine Begleiterscheinung der Pubertät, sondern eine schwere Erkrankung. Bleibt sie über einen längeren Zeitraum unbehandelt, drohen sogar unheilbare Zahnschädigungen, Nierenschäden oder Osteoporose.“

Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen sind junge Frauen. Männliche Jugendliche sind die Ausnahme. „Die Dunkelziffer dürfte bei beiden Geschlechtern jedoch weit höher liegen. Es gehört zum Charakter einer Essstörungen, dass die Betroffenen ihr Problem negieren und erst zum Arzt gehen, wenn ernsthafte Folgeerscheinungen, wie Kreislaufprobleme oder das Ausbleiben der Menstruation auftreten“, so Leyh.

Eine typische Zeit für die Entwicklung einer Magersucht ist die Pubertät. Bei den Teenagern steht der Selbstwert ohnehin auf dem Prüfstand und ein geringes Selbstwertgefühl ist genauso wie ein negatives Körperbild ein Risikofaktor für eine Essstörung. Ausgelöst wird die Krankheit zum Beispiel von kritischen Lebensereignissen, Misserfolgen oder Hänseleien.

Extremer Gewichtsverlust ist ein sehr offensichtliches Anzeichen für eine Essstörung. Eltern sollten aber schon hellhörig werden, wenn sich bei ihrem Kind alles nur noch ums Thema Essen dreht. Betroffene ziehen sich manchmal auch zurück, wirken verändert. Um dann reagieren zu können, ist ein gutes Verhältnis zum Kind Voraussetzung, betont Andreas Schnebel, Diplom-Psychologe und Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE) in München. Er leitet die Organisation ANAD, die Beratung und Therapie anbietet.

Frühzeitig zu reagieren, kann bestenfalls verhindern, dass sich eine Essstörung manifestiert. Aber: Einen Betroffenen davon zu überzeugen, dass er ein Problem hat, ist alles andere als einfach. Diese Erfahrung macht auch Professor Herpertz. Oft werden Kinder von ihren Eltern geradezu in die Ambulanz der Bochumer Klinik gezerrt. „Das zeichnet essgestörte Menschen aus, dass sie sehr lange Verläufe aufweisen, ehe sie in Therapie gehen.“

Dabei gibt es viele Hilfsangebote in Deutschland: von einer Beratung über ambulante Einzeltermine bis hin zu Wohngruppen oder einem Klinikaufenthalt. Wichtig ist aber auch eine gute Nachsorge. „Wenn man eine Essstörung hatte und erfolgreich therapiert wurde, kann man leicht wieder reinrutschen“, sagt Lydia Lamers von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Unterschiedlichste Auslöser können dazu führen, dass die Krankheit erneut auftritt. „Essen ist eben jeden Tag allgegenwärtig.“

(bob)