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Lilien, Klatschmohn und Seerosen in Stein gebrannt

Gelbe Lilien, roter Klatschmohn, weiße Seerosen, grüner Gingko: Wie eine Zierleiste sieht die Ausstellung auf Regalen an den Wänden im Büro von Tomas Grzimek aus. Von Steffi Prutean

Der 56-Jährige ist Geschäftsführer der Firma Golem Kunst- und Baukeramik GmbH Sieversdorf (Oder -Spree). Die Firma, vormals ein ABM-Projekt, produziert Jugendstil-Fliesen mit Motiven der vorletzten Jahrhundertwende.
"Es gibt noch viele Gründerzeitbauten und noch mehr Hausflure, in denen die Fliesen oftmals in den 50- bis 60er-Jahre teilweise abgeschlagen wurden", berichtet Grzimek. Seit Mitte der 90er-Jahre fertigte die Firma Jugendstil-Fliesen für Hausflure sowie Steinzeug-Fliesen für Kirchen und öffentliche Gebäude. Da die Produktion kleiner Stückzahlen aufwändig ist und die Motive fast nie wiederkehren, beschloss Grzimek, bestimmte Motive als Repliken aufzulegen. Sie sind an der Größe als Kopien zu erkennen. "Das ist notwendig, da Originale relativ hoch gehandelt werden und unsere Fliesen den Originalen ansonsten täuschend ähnlich sind", erläutert Grzimek.
Die Mitarbeiter mussten Werkzeuge anfertigen, Modelle bauen, Motive umsetzen, farbige Glasuren und ihre Wirkung nach dem Brennvorgang ausprobieren. "Stück für Stück haben wir immer ein Motiv mehr ins Programm genommen, neben den Ornament-Fliesen, auch Bordüren, Ecklösungen und Sockel-Fliesen hergestellt", erzählt der Keramiker. Die Fliesen sollten mit sehr engen Fugen verlegt werden; die Originale reihten sich in den Gründerzeithäusern fugenlos aneinander.
Die Firma mit mehr als 30 Mitarbeitern fertigt Formsteine und Elemente zur Sanierung von Denkmälern. Zu ihren Objekten gehören der Zentralfriedhof in Wien, das Hundertwasser-Haus in Magdeburg, das Schweriner Schloss, Harrods Place in London sowie die Musterfassade der Bauakademie in Berlin. Der Jahresumsatz liegt bei 1,6 und 1,8 Millionen Euro. Etwa ein Drittel erwirtschaftet das Unternehmen in Großbritannien.
Neben den Fliesen produziert die Firma Steinzeug-Fliesen für Fußböden in Serie. Sie entstehen aus gepresstem Tongranulat - eine Technik, die die Herstellung mehrfarbiger, intarsierter Ornamentfliesen erlaubt. "Solche Fliesen sind unverwüstlich." Steinzeugfliesen wurden seit 1870/80 hergestellt. Rund 50 Jahre später gerieten sie außer Mode. Golem wandte sich der Technik bewusst zu, da solche Fabrikate für Restaurierungen benötigt wurden. "Jetzt sind wir dabei, auch neue Entwürfe zu machen." Kunden können Bäder und Küchen einrichten wie vor 100 Jahren oder vorhandene Flächen vervollständigen.
Ihre Kollektion stellt die Firma im eigenen Geschäft in Berlins Hackeschen Höfen aus. "Der Laden war ein Experiment", erinnert sich Grzimek, Mitbegründer von Golem. "Es war unklar, ob es einen Markt dafür gibt." Inzwischen wuchs das Geschäft. Jugendstil-Fliesen werden für bis 20 Euro verkauft. "Unser Vorteil ist, dass wir bundesweit die einzigen sind, die Jugendstil-Fliesen als umfassendes Standardprogramm anbieten", sagt Verkaufsleiter Tobias Klaus. Oft kämen Touristen nach der Berlin-Führung nochmals in das Geschäft. "Ein Herr aus Kanada machte eine Europatour und auf Grund eines Fernsehberichts einen Abstecher nach Deutschland zu den Hackeschen Höfen, um unsere Fliesen zu kaufen."