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Licht und Schatten bei Lutherfest

Besucher stehen auf der Installation "Zwischen Himmel und Erde" auf der Weltausstellung in Wittenberg. Das Kunstprojekt soll "Stege zur Erkenntnis" bieten. 16 Wochen lang präsentieren sich bei der Schau 80 Aussteller.
Besucher stehen auf der Installation "Zwischen Himmel und Erde" auf der Weltausstellung in Wittenberg. Das Kunstprojekt soll "Stege zur Erkenntnis" bieten. 16 Wochen lang präsentieren sich bei der Schau 80 Aussteller. FOTO: dpa
Wittenberg. In Wittenberg läuft derzeit ein großes Konfirmandencamp. Es ist erfolgreich – doch bei der "Weltausstellung Reformation" scheint die Kirche 20 Millionen Euro in den Sand zu setzen. Benjamin Lassiwe / iwe1

Oldenburgs Bischof Jan Janssen ließ sich auf Händen tragen. Als er Ende vergangener Woche das große, von 1400 Jugendlichen frequentierte Konfirmandencamp in der Lutherstadt Wittenberg besuchte, zeigte er den Teenagern aus seiner Landeskirche, was Vertrauen heißt: Er ließ sich von ihnen hochheben, zum "Crowdsurfing" über ihren Köpfen. Und alle Beteiligten hatten dabei erkennbar jede Menge Spaß.

Was auch nicht überraschend ist, denn das große Zeltlager am Rande der Lutherstadt ist eines der großen Erfolgsprojekte im Reformationsjahr 2017: Zehn Wochen lang kommen hier Konfirmanden aus ganz Deutschland für jeweils eine Woche zusammen - wenn das Lager im August seine Tore schließt, werden 15 000 Jugendliche in Wittenberg gezeltet haben. Altersgerecht beschäftigen sie sich mit biblischen Texten, lernen die Lutherstätten kennen und treffen auf Gleichaltrige aus ganz Deutschland. "Es geht darum, den Horizont zu erweitern", sagt Janssen. Die Konfirmanden sollen andere Jugendliche aus anderen Gemeinden begegnen, nicht nur den eigenen Kirchturm sehen. "Wenn man das Camp besucht, spürt man einen fröhlichen Geist auf Basis des Glaubens", sagt auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm.

Anderswo in Wittenberg ist das derzeit weniger der Fall. Seit Mitte Mai nämlich läuft in den Wallanlagen rund um die Stadt auch die große "Weltausstellung Reformation": Landeskirchen, ökumenische Partner aus dem In- und Ausland, kirchliche Werke und Einrichtungen präsentieren sich mit Pavillons und Ständen den Menschen, die auf den Spuren Luthers Wittenberg besuchen. Zum Beispiel die Evangelische Landeskirche Anhalts: In zwei Überseecontainern stellt sie ihre Kirchengebäude und ihre Arbeit vor, sogar eine Nachbildung des Heiligen Grabes aus der ottonischen Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode könnten sich die Besucher dort ansehen. Doch es gibt keine Besucher: "In fünf Stunden kamen gerade einmal 20 Menschen vorbei", sagte Hartmut Winter, der am Freitag Standdienst hatte.

Ähnlich sieht es an den meisten anderen Ständen aus. "Wir schätzen, dass jeden Tag nur 250 Leute auf dem Gelände sind", sagt Pfarrer Fabian Voigt, der die Präsentation der Kirche in Hessen und Nassau verantwortet. Mit dem Segensroboter "BlessU-2" hatte die Landeskirche schon im Vorfeld der Weltausstellung für Aufsehen gesorgt, 500 000 Euro hatte man in die Präsentation investiert - "zum Beispiel in den Wachschutz, den wir hier jeden Abend haben."

Natürlich hätten weniger Besucher auch Vorteile: "Die seelsorgerlichen Gespräche, die wir hier am Stand haben, werden intensiver", sagt Voigt. Doch eine gewisse Enttäuschung kann in Wittenberg derzeit niemand verhehlen - schließlich war einst die Rede von 1000 Besuchern am Tag. "Statt für Wittenberg zu werben, hat man pseudointellektuelle Plakate geklebt, die die Menschen kaum verstehen", sagt Voigt. Im Gespräch äußern viele Helfer jedenfalls ein und denselben Eindruck: Die Menschen, die nach Wittenberg fahren, wollen die Lutherstätten sehen - und keine Weltausstellung. Sie sehen sich das Lutherhaus und die Thesentür an der Schlosskirche an. Manche besuchen noch das Historienpanorama von Yadegar Assisi oder die Ausstellung "Luther und die Avantgarde". Aber das war es dann auch schon.

Mit dem Ergebnis, dass die EKD und der Trägerverein des Reformationsjubiläums möglicherweise viel Geld umsonst ausgegeben haben. Denn rund 20 Millionen Euro kostete die Weltausstellung, sagt Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Trägervereins. Bislang seien 4000 Dauerkarten und 40 000 Tageseintrittskarten verkauft worden. 100 000 bräuchte der Trägerverein, damit sich die Ausstellung finanziell trage.

"Es ist alles nicht so voll, wie wir es gerne hätten", bestätigt auch Schneider. Veranstaltungen in den Pavillons seien oft leer, manchmal fielen sie auch aus, weil schlicht nicht genügend Besucher zusammenkommen. Nun wollen die Veranstalter große Pflastersteinaufkleber installieren, um die Besucher aus der Innenstadt zu den Höhepunkten der Weltausstellung zu lotsen. Und die Werbung soll noch einmal intensiviert werden. "Wir hoffen, dass es sich noch einmal ändert, wenn in den Bundesländern die Sommerferien beginnen", sagt auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Dann könnten auch Menschen, die von weiter herkämen, die Ausstellung besuchen.

Zum Thema:
Die Weltausstellung ist eine Freiluftausstellung im Zentrum Wittenbergs mit Installationen, Info-Pavillons und verschiedenen Schauen wie einem riesigen 360-Grad-Panorama und moderner Kunst in einem alten Gefängnis. Sie war am 20. Mai eröffnet worden und läuft bis zum 10. September. Heute wird Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in der Ausstellung erwartet.