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Lausitzer haben wohlbehalten Atlantik überquert

Am Äquator kam Neptun an Bord. "Hauptsache Spaß", schrieb Klaus-Peter Jaschke zu diesem Foto.
Am Äquator kam Neptun an Bord. "Hauptsache Spaß", schrieb Klaus-Peter Jaschke zu diesem Foto. FOTO: Ingrid Jaschke
Cottbus/Brasilien. Die beiden selbsternannten „Seevagabunden“ aus der Lausitz haben es geschafft: Vor einigen Tagen haben Klaus-Peter Jaschke und seine Frau Ingrid - beide Jahrgang 1954 - ohne große Probleme den Atlantik überquert. Wie bereits berichtet, befindet sich das Paar seit September 2015 mit ihrer „Hembadoo“, einem modern ausgestatteten Schiff für Langzeitsegler, auf Weltreise. Frank Hilbert

Während der 26 Tage dauernden Atlantik-Überquerung legten die beiden Segler rund 4000 Kilometer zurück - und schrieben fleißig ins Online-Logbuch. Hier einige Auszüge:

Es ist der 3. April und Ausklarieren im afrikanischen Banjul ist angesagt. In Richtung Atlantik müssen wir in den ersten Stunden mit Hilfe des Motors gegen 20 Knoten Wind (fast 40 km/h) und gegen die Wellen fahren. Wenigstens hilft die Strömung des auslaufenden Wassers. Kaum hatten wir die Strömung verlassen und den Kurs auf Süd geändert schlief der Wind gänzlich ein und wir brauchten den Motor erst gar nicht stoppen.

Die erste Nacht brach an, auf dem Bildschirm kein AIS-Signal eines anderen Schiffes, wir dachten wir sind allein (Anmerkung der Redaktion: AIS - Automatisches Identifikationssystem, das durch den Austausch von Navigations- und anderen Schiffsdaten die Sicherheit und die Lenkung des Schiffsverkehrs verbessert). Doch plötzlich strahlte uns ein grüner Laser an und wie auf Kommando gingen überall auf den Piroggen der Fischer die Lichter an, wir waren völlig umzingelt und wir hoffen nur, dass wir nicht in ein Netz fahren. Am nächsten Tag hatten wir die Piroggen hinter uns gelassen, aber dafür war der Bildschirm voll mit AIS-Signalen, zeitweise waren bis zu 23 Schiffe um uns herum, das sah aus wie in der Straße von Gibraltar. Gut, dass wir auch ein AIS-Signal senden und die Schiffe uns sehen, denn wir kreuzen die Schifffahrt-Route der afrikanischen Westküste in einem sehr schrägen Winkel.

Der Motor läuft mittlerweile den dritten Tag, endlich können wir ihn stoppen und es herrscht Ruhe an Bord. Wetterkarten begucken und schlafen. Wir machen keine Rausche-Fahrt aber immerhin fünf Knoten.

Am 9. April schrieb die Crew: Mittlerweile haben wir uns an den Wachwechsel gewöhnt und am Morgen ist die Stimmung gut. Wir freuen uns über den Sonnenschein. Anglerglück gab es noch keines. Jeden Morgen müssen fliegende Fische von Deck gesammelt werden. Andere Schiffe gibt es hier mittlerweile keine mehr. Wir versuchen unseren Kurs so gut wie möglich an die Wetterkarte anzupassen. Das ergibt zwar eine ordentliche Schlängel-Linie, aber wir können ohne Motorunterstützung segeln und das ist sehr gut. Wir haben von den ca. 2150 NM (Nautische Meilen - ca. 4000 km) etwa 520 NM (ca. 960 km) zurückgelegt. Also 1630 miles to go.

Wir sind sehr gespannt auf den Äquator, nicht nur ob es beim Überfahren nun hoppelt oder nicht, sondern vor allem, wie sich die Konvergenzzone gestaltet. Mit oder ohne Blitz, mit oder ohne Wind - nur eines wird es bestimmt geben: Regen, und das freut uns, wird er doch die braunen Reste der Sahelzone von der Hembadoo abspülen. Außerdem haben wir seit fast einem Jahr keinen Regen mehr gesehen.

Wir finden, dass Poseidon bzw. Neptun ein Witzbold ist und er sich nicht an die Vorgaben durch die Wetterkarte hält. Also wieder Kurs ändern, damit der Wind etwas von der Seite kommt und Motorsegeln. Wir haben zwar ein großen Dieselvorrat, aber über den gesamten Atlantik mit Motor fahren, können wir auch nicht. Das alles bei 35°C und bei 82 Prozent Luftfeuchtigkeit.


Am 15. April ist uns mittlerweile der Wind endgültig ausgegangen, wir sind in der ITCZ (Intertropical Convergence Zone) und motoren dem Äquator entgegen. Das Wetter sieht "gemischt" aus. Die Lufttemperatur beträgt am Tag 35°C und die Wassertemperatur stolze 33°C. Der Atlantik ist völlig glatt. Wir können der Versuchung nicht widerstehen, halten an und schwimmen ein paar Runden. Bei dem Gedanken, dass es vier Kilometer nach unten geht, wird einem ganz kribbelig.

Wer einmal hier war, weiß womit wir uns seit Tagen herumschlagen. Man durchforstet Segelführer, surft schon vor der Abfahrt durchs Netz, und sucht Wetterdaten, lang- und kurzfristig. Dann sucht man, einen geeigneten Punkt aus, wo man denn durch diese Zone der Windstille durchstechen möchte. Denn nun wollen wir rüber über die Nullbreite, wo Neptun auf die Täuflinge und vor allen Dingen der Südostpassat wartet.

Aber etwas Neues gibt es in der Gegend, die berühmt, berüchtigten Squalls, ein begrenztes Wolken-Regen-Gebilde mit oft viel Wind, extremen Regen und Gewitter. Man sieht schon lange die Zugrichtung und Ausdehnung auf dem Radar. Jaaaa, jetzt wird sie gewaschen die Hembadoo! Alles für Neptun, damit sich Hembadoo ja gereinigt auf die Südhalbkugel begibt. Unser persönlicher Squall sah von Weitem recht bedrohlich aus. Wir bereiteten uns und unser Schiff auf das Schlimmste vor. Dann waren wir mitten drin und es war absolut gespenstisch - kein Wind, kein Gewitter, es schüttete nur wie aus Kübeln. Jetzt bleibt nur noch eine Frage, wann ist die ITCZ zu Ende? Und wo bleibt der Passat?

Es ist Tag 13 der Atlantiküberquerung. Seit wir den Äquator bei 27° W überschritten haben, verbessern sich die Zustände etwas. Der Schiffsverkehr hält sich in Grenzen. Bis jetzt haben wir zwei Tanker und einen Fischer im Abstand von 15 NM als AIS-Signal zu sehen bekommen. Bei uns geht alles seinen Gang. Die wichtigen Dinge wie Brot backen und Wasser machen (entsalzen) funktionieren tadellos. Nur die elektrische Toilette achtern macht wieder mal Ärger. Ich habe die neusten Wetterkarten online geholt. "Das kann doch wohl nicht wahr sein", habe ich gemurmelt. In der Passatwindzone, wo normalerweise Windstärken von 15 bis 20 Knoten zu erwarten sind, haben wir bis Salvador eine durchschnittliche Windstärke von neun Knoten.

Es ist der 21. April, eigentlich sind wir mitten in der Passastwindzone. Wir machen bei schwachem Wind jedoch nur drei Knoten Fahrt und das heißt, in Richtung Ziel, nur kleine Fortschritte. Die Sonne brennt gnadenlos vom nur leicht bewölkten Himmel. Hätte mir einer diese Zustände vor der Abfahrt in Banjul geschildert, ich würde ihn auffordern sein Seemannsgarn für sich zu behalten. Laut Wetterkarte ist auch für die nächsten Tage im Umkreis von 500 Seemeilen kein anderes Wetter zu erwarten. Es wird weiterhin Geduld abverlangt.

Das Rekordetmal (Etmal = gesegelte Meilen in 24 Stunden) für Seegelboote liegt übrigens bei etwa 600 Seemeilen, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Knoten oder 46 Stundenkilometer entspricht. Das sind natürlich extreme Rennmaschinen und die haben mit uns Fahrtenseglern nichts gemein.

Aber nun zu uns. Im Moment haben wir die Vorzüge von Hörbüchern entdeckt. Es ist sehr angenehm im schattigen Cockpit zu liegen und der angenehmen Stimme des Vorlesers zu lauschen. Zahlreiche Seevögel, Delphine und springende Tunfische geben uns das Gefühl nicht allein zu sein. Mehrere Tölpel und erhabene Fregattvögel beschäftigen sich in unserer Nähe mit Fischfang. Ein kleiner Schwalben-Vogel nutzte immer wieder unseren kostenfreien Transportdienst. Er hatte keine Scheu und lief sogar auf meiner Schulter herum.

Die zurückliegenden drei Tage gab es ein Wechselbad der Gefühle. Begonnen hat das ganze am Samstag, den 22. April, am frühen Morgen. Der gesamte Horizont war eine einzige schwarze Wand. Da führte kein Weg dran vorbei. Auf die kleineren Squalls am Äquator hatten wir mittlerweile immer drauf zugehalten, um uns durch den dort vorhandenen Wind für wenigstens ein bis zwei Stunden vorantreiben zu lassen. Doch das, was wir hier vor uns hatten, verursachte ein stark mulmiges Gefühl im Magen. Vorsorglich refften (verkleinerten) wir die Segel und dann, mit einem Schlag 25 Knoten Wind. Das war eigentlich gar nicht so schlecht, denn wir nahmen sofort Fahrt auf. Aber dann kam der Regen. Wir haben in unseren Leben schon einiges an Unwetter gesehen, aber das sprengte alle Vorstellungen. Binnen kürzester Zeit kamen wir uns vor wie in einem U-Boot. Der Bug unseres Schiffes war nicht mehr zu erkennen und an den Unterkanten der Segel bildete sich ein Wasserfall. Aber wie schon so oft gab es keinen Blitz und Donner. Der Wind verharrte merkwürdigerweise bei 20 bis 25 Knoten und das ganze Gebilde rotierte wie ein Mini-Hurrikan.

Das Ganze dauerte etwa fünf Stunden. Danach ein komplett anderes Wetter, ich würde sagen Kaiserwetter. Aber das Beste war der Wind, zwischen 15 und 20 Knoten aus der richtigen Richtung. Alle Segel hoch und mit (zum ersten Mal seit Afrika) 6,5 bis 7,5 Knoten Fahrt dem Ziel entgegen. Unsere Ursprüngliche Idee, die Überfahrt in 20 Tagen zu bewerkstelligen, hatten wir schon lange aufgegeben - da wären wir am 23. April in Salvador gewesen. Aber so, wie wir jetzt unterwegs sind, werden wir wenigstens keinen neuen Rekord für die langsamste Überquerung der Neuzeit aufstellen. Leider hat dieser Zustand nur 36 Stunden angehalten, dann ist der Wind wieder schwächer geworden. Aber dafür stellte sich das Anglerglück ein und wir haben einen ordentlichen Thunfisch gefangen. Zum Abend gab es dann ein richtiges Festessen, frisch gebackenes Landbrot mit reichlich Leinsamen und mit Knobi gespickte kurzgebratene Thunfisch-Steaks. Zurzeit sind es noch 315 Seemeilen bis Salvador und wir sind mit 3,5 Knoten unterwegs.

Nach dem halben Jahr Afrika und der darauf folgenden Einsamkeit auf dem Atlantik, tauchen die ersten Hochhäuser Salvador da Bahia in Brasilien auf. Es ist Freitag, der 28. April, die Behörden zum Einklarieren haben geschlossenen und da Montag der 1. Mai ist, können wir erst am Dienstag, den 2. Mai, Einklarieren. Eigentlich dürften wir das Marina-Gelände nicht verlassen, denn wir sind illegal in Brasilien. Aber wo kein Kläger, da kein Richter - und so nutzten wir die Zeit zu einer ersten Erkundung von Salvador.

Hier finden Sie den ersten Teil über die "Seevagabunden" aus der Lausitz.