Auch nach Monaten der Trennung durch die Untersuchungshaft von Stephan P. (48) scheint das Verhältnis zu seiner Verlobten Monika R. (53) ungetrübt: Im Gerichtssaal umarmt er sie innig, bevor der Vorsitzende Richter Christian Fisch das Urteil gegen beide verliest.

Angeklagt war das Paar aus Groß Schacksdorf wegen dutzendfachen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, schweren sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen und wegen Entziehung einer Minderjährigen: Das Opfer, die zur Tatzeit erst zwölf-, beziehungsweise dreizehnjährige Tochter der Angeklagten, lebte seit Jahren in unterschiedlichen Heimen.

Missbrauchsprozess zu Fall in Groß Schacksdorf Sie musste in die Couch kriechen

Cottbus/Groß Schacksdorf-Simmersdorf

Im Oktober 2017 war sie nach einem Arztbesuch nicht in ihre Einrichtung zurückgekehrt. Nach monatelanger Suche hatte die Polizei sie im März 2018 in der Schacksdorfer Wohnung ihrer Mutter gefunden.

Fehler bei ersten Vernehmungen zum Missbrauchsprozess Groß Schacksdorf

Durch Aussagen von Mutter und Tochter sowie ein Zeitungsinterview hatte die Staatsanwaltschaft mehrere Dutzend Fälle sexuellen Missbrauchs zur Anklage gebracht. Letztlich aber, so die Entscheidung des Gerichts, konnten nur drei Taten wirklich nachgewiesen werden.

Nach Einschätzung der Großen Strafkammer war es bei den ersten Vernehmungen des Kindes zu Fehlern gekommen. Christian Fisch: „Das Mädchen hat mehrfach gesagt: ,Ich will nicht, dass Mama ins Gefängnis muss’.“ Danach hätte man nach Einschätzung des Gerichts die Befragung nicht fortsetzen dürfen – das Kind habe offensichtlich von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wollen.

Viele Taten lassen sich im Missbrauchsprozess Groß Schacksdorf nicht nachweisen

In späteren Vernehmungen habe das Kind, so Christian Fisch, teilweise auf Suggestivfragen geantwortet, seine Geschichten ausgeschmückt und sich eventuell auch ein wenig wichtig machen wollen.

Die Mutter hatte im Prozess nicht ausgesagt. Bei ihrer ersten Vernehmung wurde ihr nach Einschätzung der Kammer nicht die Möglichkeit gegeben, einen Anwalt zu kontaktieren.

Der Lebensgefährte der Frau hatte sexuelle Beziehungen zur Tochter verneint: Versteckt habe er sie nur wegen verschiedener Differenzen mit dem Jugendamt.

Das Opfer selbst hatte zwar nach anfänglichem Zögern zugestimmt, dass seine Angaben aus dem Ermittlungsverfahren im Prozess verwendet werden dürfen. „Aber die Angaben waren so widersprüchlich, dass 95 Taten nicht verifiziert werden konnten“, so Richter Fisch. Nachgewiesen werden konnten drei Fälle von manueller Befriedigung und Geschlechtsverkehr im Beisein der Mutter, zweimal hat das Mädchen den Erwachsenen beim Sex zugeschaut.

Revision zum Missbrauchsprozess Groß Schacksdorf angekündigt

Die Mutter des Mädchens, ihrem Verlobten intellektuell unterlegen, habe alles geschehen lassen. Da sie selbst nach eigenen Aussagen schon als Kind missbraucht wurde und einem Gutachter zufolge nur vermindert schuldfähig ist, wurde sie wegen Beihilfe zum schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Ihr Verlobter muss wegen seiner Taten für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft hat allerdings bereits jetzt gegen beide Urteile Revision angekündigt. Sie bleiben erheblich unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten zehn beziehungsweise fünfeinhalb Jahren Haft.