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| 17:16 Uhr

Suche geht weiter
Kriminalfall ohne Leiche – Rätselraten um vermisste Rebecca

 Hundeführer der Polizei gehen bei Kummersdorf (Oder-Spree) durch ein Waldstück, wo die Beamten nach der vermissten Rebecca suchen.
Hundeführer der Polizei gehen bei Kummersdorf (Oder-Spree) durch ein Waldstück, wo die Beamten nach der vermissten Rebecca suchen. FOTO: dpa / Paul Zinken
Berlin . Wo ist die verschwundene Rebecca? Die Polizei und mit ihr zahlreiche weitere Menschen grübeln und suchen. Was macht den Fall so aufsehenerregend?

Am Anfang war es nur eine der üblichen Vermisstenanzeigen, wie sie täglich mehr als 200 Mal bei der deutschen Polizei eingehen. Eine 15-Jährige war an einem Montagmorgen nicht in ihrer Schule in Berlin und kam auch nachmittags nicht nach Hause. Bei Kindern würde die Polizei in solchen Fällen sofort aktiv. Bei Jugendlichen wartet sie erstmal einen Tag oder zwei Tage ab. Die allermeisten Vermissten kommen von selber zurück. Rebecca nicht. Weder am Dienstag noch am Mittwoch. Am Donnerstag, den 21. Februar, gibt die Polizei die erste von inzwischen sechs Suchmeldungen zu dem Fall heraus und veröffentlicht auch ein Foto der vermissten Rebecca.

Spektakulär klingt der Fall bis dahin nicht. Einen Tag später ändert sich das. Am 22. Februar übernimmt eine Mordkommission. Die Polizei schließt nicht aus, „dass das Mädchen einer Straftat zum Opfer gefallen ist“. Ob sie vermutet, dass Rebecca entführt oder ermordet wurde, sagt sie nicht. Auch sonst gibt es kaum Informationen.

Aber das Fahndungsbild der Polizei zeigt ein junges, blondes Mädchen mit großen Augen und einem leichten Schmollmund - möglicherweise ein Grund, warum Medien und Öffentlichkeit sich zunehmend für den Fall interessieren. Gleichzeitig bittet eine Schwester von Rebecca über das Internet immer dringender um Hilfe.

Die Eltern gehen zum Leidwesen der Polizei ebenfalls an die Öffentlichkeit, sprechen mit Journalisten und erzählen Details vom Tag des Verschwindens. „Wir finden das natürlich nicht gut, weil es unsere Arbeit schwieriger macht, aber wir können es auch nicht verhindern“, sagt ein Polizist.

Das Verschwinden wird zusehends rätselhafter. Weder ihre Schwester noch ihr Schwager, bei denen Rebecca übernachtet hatte, wollen sie am Morgen des 18. Februar gesehen haben. Ihr Handy war morgens noch im Haus eingeloggt, wenig später aber ausgeschaltet. Tagelang wird in Berlin spekuliert, ob Rebecca das Einfamilienhaus in der ruhigen Wohngegend im Stadtteil Britz sehr früh verließ, weil sie eine heimliche Verabredung hatte.

Zehn Tage nach dem Verschwinden des Mädchens, am 28. Februar, nimmt die Polizei den 27-jährigen Mann der Schwester als Verdächtigen zum ersten Mal fest. Von da an geht es um ein „Tötungsdelikt“. Die Polizei glaubt nicht mehr, dass Rebecca lebt. Aus dem ursprünglich alltäglichen Vermisstenfall ist ein ganz besonderer Kriminalfall geworden, der aus mehreren Gründen aufsehenerregend ist:

Das Opfer ist weiblich, jung und hübsch. Die Umstände ihres Verschwindens bleiben geheimnisvoll. Auch nach zahlreichen Tagen und intensiver Suche taucht Rebecca weder lebend noch tot wieder auf. Es gibt einen dringend Verdächtigen, der zur Familie gehört. Diese verteidigt ihn vehement auch in der Öffentlichkeit. Rebeccas Vater sagt später im Fernsehen: „Die ganze Nummer hängt mit einer anderen Sache zusammen, die ich aber nicht sagen darf.“

In vielen Kriminalfällen gibt es eine Leiche, zu der die Polizei den Täter sucht. Hier ist es umgekehrt. Die Polizei glaubt, den Täter zu haben. Aber es fehlt die Leiche. Zwar gelingt es der Mordkommission, den verdächtigen Schwager in Untersuchungshaft zu bringen. Der Mann schweigt jedoch. Der Druck auf die Kripo wächst. Ohne Leiche ist die Todesursache unbekannt. Es gibt keine DNA-Spuren oder ähnliches als Beweise für eine Anklage und einen Prozess.

Mehr als zwei Wochen nach dem 18. Februar entschließt sich die Polizei zu einem ungewöhnlichen Schritt. Dafür braucht sie die Genehmigung eines Richters, Kritik gibt es trotzdem. Sie veröffentlicht Fotos des verdächtigen Schwagers und Informationen zu zwei Autofahrten nach Brandenburg. Obwohl sie keineswegs nach dem Mann fahndet, weil er ja schon eingesperrt ist. Sollte er sich später als unschuldig erweisen, stünden Polizei und Staatsanwaltschaft schlecht da. Das geben sie unter der Hand auch zu.

Der Leiter der zuständigen 3. Mordkommission, Kriminalhauptkommissar Michael Hoffmann, geht ins Fernsehen, um den Verdacht gegen den Schwager zu begründen und die Suche nach Zeugen, die den Mann oder sein Auto sahen, voranzutreiben. „Wir gehen inzwischen fest davon aus, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, sagt Hoffmann. Die Analyse verschiedener Internetdaten habe ergeben, dass Rebecca an dem Morgen das Haus ihrer Schwester nicht verlassen habe. „Wenn wir dies voraussetzen, dann war der Schwager mit ihr allein zur fraglichen Tatzeit in diesem Haus.“ Seine beiden Fahrten nach Brandenburg könne der Mann nicht erklären.

Für Hoffmann und seine Kollegen ist die Suche nach der Leiche auch ein Lauf gegen die Zeit und die Verwesung, die entscheidende Spuren zerstören könnte. Die Strategie der Polizei geht zunächst auf. Nach dem Fahndungsaufruf in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ vom Mittwochabend gehen mehr als 300 neue Hinweise ein. Darunter auch eine Spur zu einem Wald in Brandenburg, südöstlich von Berlin. Am Donnerstag und Freitag wird dort gesucht. Hundert Polizisten, zahlreiche Spürhunde und ein Hubschrauber sind unterwegs. Bis zum Freitagnachmittag ohne Ergebnis. Bei der Polizei heißt es: „Wir suchen weiter.“

(dpa/bob)