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Krieg heißt jetzt Demokratie-Export

"Meine Augen fallen zufällig immer auffällig auf, wenn sie zufallen": Lennart Schilgen ist zum ersten Mal beim Cottbuser Kabarett-Festival und spielt sich in der Gunst des Publikums gleich ganz nach oben.
"Meine Augen fallen zufällig immer auffällig auf, wenn sie zufallen": Lennart Schilgen ist zum ersten Mal beim Cottbuser Kabarett-Festival und spielt sich in der Gunst des Publikums gleich ganz nach oben. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Das 21. Kabarett-Treffen der Studiosi in Cottbus unter dem Motto "Ei(n)fälle" ist in vollem Gange. Die offizielle Eröffnung war am Donnerstag. Zu erleben waren Darbietungen zwischen "Engelszungenbrechern" und schwerer Politik. Peter Blochwitz

Furiose Eröffnungsgala beim 21. studentischen Kabarett-Fest im ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Auf der Bühne: Martin Berke aus Chemnitz, den Berlinern Lennart Schilgen und Michael Feindler sowie die Les Bumms Boys aus Rostock. Alles alte Festival-Hasen - bis auf Cottbus-Debütant Schilgen, der sich aber doch in der Publikumsgunst gleich ganz nach oben spielt.

Der Sachse Berke zeigt zum Auftakt Ausschnitte aus seinem Programm "da pocht's de miez vom bohm" und stellt sich als "Sanitärakustiker" vor, der "gesprochene Schadstoffe bereits zum Zeitpunkt ihrer Absonderung" filtert. Er hat in der politischen Landschaft natürlich alle Hände voll zu tun - auch ohne einen Ronald Pofalla, "den sie zur Deutschen Bahn abgeschoben haben, weil sie dachten, seine geistige Verspätung passt zum Unternehmen". Und er findet ein interessantes Gleichnis vom deutschen Wolf und den zuwandernden Rehen/Hirschen (da müsste er sich vielleicht doch mal entscheiden), die nun dem Wolf alles wegfressen . . . Martin Berke taucht später noch beim "Clubtreffen der deutschen Waffenhändler" auf und postuliert: "Krieg heißt jetzt Demokratie-Export."

Eine eher feinere Klinge schlägt Lennart Schilgen, der "Engelszungenbrecher" im Repertoire hat. Mit Wortwitz und Ironie besingt er "Geschichten, die das Leben gerne geschrieben hätte." Säuselt, er wäre der "Shouter einer Black Metal Band" und sänge "lauter als jedes Instrument", wortspielt: "Samstag hab' ich mich an sie ran- und zum Depp gemacht", legt Holzwege an: "Ich habe heute so viel vor, vor, vor . . . mir hergeschoben . . ." Und wird auch mal schwarzhumorig: "Ich weiß nicht, wie viel Spaß das macht, so ausgeraubt und umgebracht . . ." Eine frische neue Stimme bei diesem Festival.

Michael Feindler wiederum, der Lyriker unter den Kabarettisten, mischt seit einiger Zeit die Szene ordentlich auf, wird immer besser. Sein Publikum muss stets eine gewisse Denkleistung vollbringen, zudem treibt er es an Schmerzgrenzen. Singt in seinem Programm "Das Lachen der Ohnmächtigen" beispielsweise über folgenreiche Schulausflüge ins Atomkraftwerk, Feriencamps der Bundeswehr (demnächst in Syrien) oder einen gescheiterten "Anschlag auf den Bänker Oppermann". Nach dem Lied "Kinder, wir haben heute Opa verspeist" wird es schwer, noch unbefangen vor Spaghetti Carbonara zu sitzen. Feindlers Exkurs zur Flüchtlingsthematik gerät bisweilen ins Didaktische, es bleiben doch Sätze hängen: "Kann es wirklich sein, dass die andere, arme Hälfte der Menschheit genauso wenig gearbeitet hat wie diese 62 reichsten Leute zusammen?" Und schließlich: "Wer gerne in Ärsche kriecht, muss wissen: Dort wird er beschissen."

Immer wieder gern gesehen und vor allem gehört beim Cottbuser Kabarett-Treffen: die Les Bumms Boys. Die Band begleitet Michael Feindler bei seinen satirischen Ausflügen und hat selbst etliche pointierte, mitreißend vorgetragene Lieder im Programm. Die Jungs wissen: "Zu Hause ist da, wo die Jogginghose wohnt" und beklagen sich: "Du sprichst mehr mit deinem Handy als mit deiner Freundin Mandy", ziehen deshalb einfach mal den Stecker und traumreisen in eine Welt, die noch in Ordnung ist.

Da diese Welt aber in den Sternen steht, legen sich die Protagonisten des Cottbuser Kabarett-Treffens tüchtig ins Zeug. Die Auftritte weiterer sechs Gruppen und Solisten standen am Freitag auf dem Programm. Die Besetzungsliste reichte vom Festival-Neuling Hannes Heimann aus Finsterwalde bis zu ROhrSTOCK, der Gruppe, die bisher bei allen Treffen dabei war.

Am heutigen Sonnabend um 15 Uhr in der Cottbuser Mensa der Brandenburgischen Technischen Universität stellt sich die Deutsche Schülerakademie mit dem Programm "ISIS schon so weit?" vor - zum dritten Mal in Cottbus. Am Abend stehen dann weitere sechs Teilnehmer auf den Bühnen. Beendet wird das Treffen am Sonntag mit dem traditionellen satirischen Lesebühnen-Brunch.