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Koexistenz von Wolf und Weidehaltung

Wie weiter mit dem Schutz der Herden vor Wölfen? Umwelt- und Naturschutzverbände sowie Weidetierhalter haben ihre Forderungen in einem gemeinsamen Eckpunktepapier jetzt veröffentlicht.
Wie weiter mit dem Schutz der Herden vor Wölfen? Umwelt- und Naturschutzverbände sowie Weidetierhalter haben ihre Forderungen in einem gemeinsamen Eckpunktepapier jetzt veröffentlicht. FOTO: dpa
Potsdam. Mit einem gemeinsamen Eckpunktepapier zum Thema "Weidetierhaltung und Wolf in Deutschland" haben Vertreter von Umwelt- und Naturschutzverbänden sowie der Weidetierhalter die Einrichtung eines nationalen Herdenschutzzentrums angemahnt. Benjamin Lassiwe / iwe1

Das vom Naturschutzbund Nabu, dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND), dem Bundesverband der Berufsschäfer, dem Deutschen Grünlandverband, dem ökologischen Jagdverband und weiteren Organisationen beschlossene Papier nennt die "Prävention und Kompensation von Wolfsübergriffen auf Weidetiere eine zentrale Aufgabe des Wolfsmanagements."

Schäfer sollten schnell und unbürokratisch einen Schadensausgleich erhalten, wenn ein Wolf ihre Herde angreife, forderten die Verbände. Ein Abschuss von Wölfen sollte nur in Einzelfällen geschehen. Staatliche Zuschüsse sollten alle "wolfsbezogenen Investitions- und Erhaltungskosten" abfangen, einschließlich der damit verbundenen Arbeitskosten. "Wir als Nabu sind überzeugt: Koexistenz von Wolf und Weidehaltung ist möglich", so der Präsident des NABU, Olaf Tschimpke. Zudem forderte die Vizepräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes, Renate Seidel, eine Änderung der bundesweiten Tierschutz-Hunde-Verordnung für Herdenschutzhunde: Die Verordnung schreibe bislang vor, dass im Freien gehaltenen Hunden eine Schutzhütte mit wärmegedämmtem Boden zur Verfügung gestellt werden müsse. "Das sollte für Herdenschutzhunde, die sich bei ihrer Herde aufhalten, außer Kraft gesetzt werden", so Seidel. Zudem verbiete die Verordnung gegenwärtig die Haltung von Hunden in elektrisch eingezäunten Koppeln - auch das widerspreche dem Herdenschutz.

In Brandenburg war das Papier der Naturschutzverbände indes schon vor seiner Veröffentlichung in die Kritik geraten. So warf der Geschäftsführer des mittelständischen Bauernbunds, Reinhard Jung, den Autoren vor, "nicht einmal ein Promille der betroffenen Weidetierhalter" zu vertreten. "Bei diesen Organisationen handelt es sich um bedeutungslose Splittergruppen", so Jung.

Dass sich etwa der Altlandsberger Schäfer Kurt Kucznik an der Erstellung des Papiers beteiligte, hänge damit zusammen, dass er von der Zucht von Herdenschutzhunden wirtschaftlich profitiere. In der Vergangenheit hatten der Brandenburgische Schafzuchtverband und Organisationen wie der Bauernbund und der Landesbauernverband beim Thema Wolf indes eng zusammengearbeitet.

Im Unterschied zu dem aktuellen Papier war Jung allerdings stets für radikale Lösungen im Umgang mit dem Wolf eingetreten: Vor dem letzten Wolfsplenum der Landesregierung hatte er sich etwa dafür eingesetzt, auf Wölfe zu schießen, sobald sie sich auf mehr als 1000 Meter einer Viehweide nähern.

Solche Positionen vertraten die Autoren des jüngsten Wolfpapieres am Donnerstag nicht: "Die Variante, Tiere auszurotten und zu dezimieren, ist in Europa nicht sonderlich gelungen - man denke nur an Waschbären und Wildschweine", sagte Kucznik.

"Wenn ich daran denke, dass mir jetzt ein Jäger beim Schutz der Herden helfen soll, wird mir Angst und Bange - da baue ich lieber auf meine Herdenschutzhunde."

Der Geschäftsführer des Forums Natur Brandenburg, Gregor Beyer, erklärte auf Nachfrage, niemand wolle "eine unkontrollierte Bejagung des Wolfs". Es müsse aber eine ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Erhaltungszustand der Wolfspopulationen gegeben werden. Wenn der günstige Erhaltungszustand des Wolfs gegeben sei, böte sich "das bewährte rechtliche Instrumentarium des Jagdgesetzes für ein aktives Wolfsmanagement an", so Beyer.

"Wenn dieses mit ausreichenden Mitteln für den Herdenschutz flankiert wird, so wäre das eine Lösung, mit der alle leben können müssten."