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| 17:57 Uhr

Debatte um Krankenhausschließungen
Die Klinik ist nicht mehr das Allheilmittel

 Eine Studie weist einen umstrittenen Weg: Deutlich weniger Krankenhäuser in Deutschland könnten die Versorgung der Menschen verbessern.
Eine Studie weist einen umstrittenen Weg: Deutlich weniger Krankenhäuser in Deutschland könnten die Versorgung der Menschen verbessern. FOTO: dpa / Martin Schutt
Gütersloh/Cottbus/Dresden. Kliniken auf dem Lande ringen um Personal, Patienten und deren Ansprüche, die sich gewandelt haben. Die Debatte um Klinikschließungen wirft ein Schlaglicht auf ein wichtiges Zukunftsthema. Von Christine Keilholz

Kliniken schließen, die nicht rentabel arbeiten – diese Forderung ist unter Gesundheitsexperten nicht neu. Aber erst die Bertelsmann-Stiftung brachte das Thema jüngst an die große Öffentlichkeit: Deutschland habe zu viele Krankenhäuser. Die Hälfte der 1400 Kliniken würde reichen, um Patienten gut zu versorgen, sogar besser, behaupten die Experten der Denkfabrik in Gütersloh.

Weniger Kliniken, die dafür bessere Behandlung bieten, dieser Vorstoß sorgt für einen Aufschrei in den ländlichen Regionen (die RUNDSCHAU berichtete). Dort sind Krankenhäuser mehr als nur Zentren medizinischer Versorgung. Sie sind auch Orte von Gemeinschaft und regionaler Identität, auf die die Bürger nicht verzichten wollen.

In Brandenburg geht es um 57 Kliniken mit insgesamt 20 000 Betten – in Sachsen um 77 Häuser mit 43 000 Betten. Jedes einzelne Haus muss sich bei schrumpfender Bevölkerung wirtschaftlich tragen können.

Alternativen zum Krankenhausaufenthalt

Dabei sind Kliniken nicht mehr das Allheilmittel für die Versorgung auf dem Lande, da sind sich Experten einig. „Wir Deutschen denken das Gesundheitssystem sehr schematisch“, sagt Volker Amelung, Wirtschaftswissenschaftler an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Amelung ist Fachmann für internationale Gesundheitssystemforschung. Ihn stört, dass die deutsche Medizin es nicht schafft, stationäre und ambulante Versorgung besser zu verbinden. Denn dann würde sich schnell herausstellen, dass es für viele Patienten bessere Alternativen zum Krankenhausaufenthalt gibt.

Solche Alternativen sind vielerorts schon Realität. Sie umfassen Institutsambulanzen, ambulantes Operieren oder telemedizinische Wege, auf denen die Behandlung aus der Ferne erfolgt.

Auch die häusliche Krankenpflege kann in vielen Fällen schon helfen. „Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die Versorgung auf dem Land in Zukunft sichern wollen und was es uns kosten soll“, sagt Amelung.

Sachsen belebt Idee der Poliklinik neu

Das wissen auch die Länder. Im sächsischen Krankenhausplan, der 2018 erschienen ist, heißt es deshalb: „Das Zusammenwirken der Träger der gesundheitlichen Versorgung ist zu fördern.“ Um das zu erreichen, hat das sächsische Gesundheitsministerium die Idee der Poliklinik neu belebt.

Die Einrichtungen heißen heute Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und sollen gerade abseits der großen Städte auch Behandlungen anbieten, für die die Patienten sonst in Krankenhäuser gehen würden. 174 solcher Zentren gibt es bereits in Sachsen, die Hälfte davon werden von Krankenhäusern betrieben.

Nicht nur das Angebot hat sich verändert, auch die Erwartungen der Patienten. Früher entschied der Hausarzt, wann und wohin er einweist. Heute tritt der Patient immer öfter als Kunde auf, der sich informiert über Krankenhäuser, bevor er sie betritt. Eine Tendenz, die die vielen Online-Foren für Patienten befeuert haben. Zudem achten die Leute mehr auf ihre Gesundheit, sie informieren sich über Krankheitsbilder und treten an Ärzte mit konkreten Forderungen heran.

Personalmangel bei ländlichen Kliniken

Krankenhäuser ringen nicht nur um Patienten, die die angebotenen Leistungen auch nutzen. Sie müssen sich auch immer mehr bemühen, geeignetes Personal anzuziehen. Vom Mangel an Ärzten und Pflegekräften sind Krankenhausstandorte im ländlichen Raum besonders betroffen.

Besser dran sind einerseits größere Kliniken in Ballungszentren, die über eine gute Infrastruktur verfügen. Anderseits Häuser, die zu einem Klinikverbund gehören und deshalb gute berufliche Perspektiven anbieten können.

„Im Grunde ist die Krankenhausdebatte ein besonderer Effekt des demografischen Wandels“, sagt Mirko Titze, vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Er sieht solche Kliniken dauerhaft im Vorteil, die viele Disziplinen unter einem Dach vereinen. „Solche Verbundvorteile, die man dadurch hat, machen den Betrieb am Ende auch billiger.“

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 Der Weg zum Krankenhaus
Der Weg zum Krankenhaus FOTO: LR