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| 19:09 Uhr

Interview mit Tim Leibert
Kleinstädte auf der Suche nach Bewohnern

Rückkehrerstammtisch der Initiative Comeback Elbe- Elster im Museum Bad Liebenwerda. Krankenpfleger Andreas Berndt kam mit Jule Berndt (6) und Frau Sandra 2017 aus Baden-Württemberg zurück nach Doberlug- Kirchhain, um seine Eltern zu unterstützen. Sandra Splezer (Mi.) koordiniert das Rückkehrer-Projekt. Weil Dr. Torsten Lehmann (50) Arbeit im Museum Schloss Doberlug gefunden hat, zog er mit Frau Petra Lehmann-Schmidt (58) 2017 wieder in die Heimat.
Rückkehrerstammtisch der Initiative Comeback Elbe- Elster im Museum Bad Liebenwerda. Krankenpfleger Andreas Berndt kam mit Jule Berndt (6) und Frau Sandra 2017 aus Baden-Württemberg zurück nach Doberlug- Kirchhain, um seine Eltern zu unterstützen. Sandra Splezer (Mi.) koordiniert das Rückkehrer-Projekt. Weil Dr. Torsten Lehmann (50) Arbeit im Museum Schloss Doberlug gefunden hat, zog er mit Frau Petra Lehmann-Schmidt (58) 2017 wieder in die Heimat. FOTO: Veit Rösler
Leipzig. Kleinstädte kämpfen um ihre Existenz. Das Problem: Viele können keine attraktiven Lebensbedingungen mehr anbieten.

Kleinstädte, in denen es immer ruhiger wird, hoffen in ihrer Not auf Zuzügler. Und setzen dabei oft auf die Falschen, sagt Tim Leibert vom Leibnitz-Institut für Länderkunde im Interview mit der Lausitzer Rundschau.

Herr Leibert, die deutsche Kleinstadt, was macht sie aus?

Leibert Kleinstädte sind immer ein Abbild ihres Umlands. Es gibt Kleinstädte in der Nähe der großen Verdichtungsräume, die entwickeln sich großartig als Wohn- und Arbeitsstandorte. Schwerer haben es Kleinstädte in der Peripherie, die stark altern und von Abwanderung gekennzeichnet sind. Dazwischen stehen Kleinstädte in touristisch geprägten Regionen. Die entwickeln sich zwar gut, altern aber sehr stark, weil Senioren zuziehen.

Welche Art von Menschen lebt in der Kleinstadt?

Leibert In der Kleinstadt leben im Prinzip alle Bevölkerungsgruppen. Natürlich weniger junge Leute, die studieren wollen, die ziehen eher in Kleinstädte in der Nähe von Unistädten, wenn sie dort günstig wohnen können. Es gibt eine Masse von Leuten, die nicht pendeln wollen und die bewusst in kleine Städte ziehen.

Welche Aussichten haben kleine Städte, die zu weit weg von den Metropolen liegen?

Leibert Das Potenzial eines Ortes hängt immer stark an den Leuten. Gute Beispiele haben ja alle ihre Vorgeschichte. Die ist immer, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, Ideen umgesetzt haben und damit erfolgreich waren.

Sowas kann man aber nicht kopieren. Es braucht eine aktive Zivilgesellschaft, die lokale Probleme angeht und eine Lokalpolitik, die bei der Lösung mal kreativ sein kann. Diese Situation hat man aber nicht überall.

Was sind die Best practices in der Kleinstadtforschung?

Leibert Nehmen wir das Spaßbad, das war immer eine gute Möglichkeit, Touristen anzuziehen. Das funktioniert aber nicht, wenn jeder Ort ein Spaßbad baut. Beim öffentlichen Nahverkehr wird oft von Anrufbussen oder Bürgerbussen gesprochen.

Aber solche Bürgerbusse brauchen einen Bürgerbusverein, der sie ehrenamtlich betreut. Bürger wollen sich gern engagieren. Aber sie wollen nicht von der Politik in die Richtung gestupst werden, öffentliche Aufgaben zu übernehmen. Bürger schließen sich zusammen, um das Schwimmbad zu retten. Sie wollen aber nicht zu Ausfallbürgen werden, wenn der Staat sich aus Aufgaben zurückzieht.

Warum ist das bürgerschaftliche Engagement in Ostdeutschland so dürftig?

Leibert Weil Ostdeutsche dafür weniger Zeit haben. Es gibt sehr viele Fernpendler, die nur am Wochenende im Ort sind und sich dann auf der Couch erholen wollen.

Außerdem sind mehr Frauen voll berufstätig als im Westen, wo gerade Frauen der Generation 45 plus das öffentliche Leben am Laufen halten. Hinzu kommt, dass Ostdeutsche weniger verdienen – Engagement muss man sich leisten können. Dann sind viele Leute abgewandert, die besonders aktiv sind. Das ist eine Mischung, die sich gegenseitig verstärkt.

Gibt es auch politische Ursachen?

Leibert Ja, ein Problem ist, dass in Ostdeutschland immer größere Gemeinden geschaffen werden. In Sachsen-Anhalt sind in den letzten Jahren Großgemeinden entstanden, in denen die Ortsteile noch nicht zusammengewachsen sind.

Da arbeiten Gemeinderäte und Bürgerschaften nicht am gemeinsamen Ziel, sondern es arbeiten die Ortsteile gegeneinander, oft zulasten der Kernstadt. Die wichtigen Probleme werden dabei oft nicht angegangen. Solche Gemeinden sind blockiert. In strukturschwachen Regionen mit Altersproblemen ist sowas tödlich.

Sie erforschen Zuwanderungspotenziale für kleine Städte. Wie groß ist dieses Potenzial?

Leibert Zuwanderungspotenziale sind auch die Verhinderung von Abwanderung. Bei der Zuwanderung kann man aber sagen: Zentral ist, dass Zuwanderer sich angenommen fühlen und Perspektiven für sich sehen.

Wir haben das in der Flüchtlingskrise gesehen. Da sind Menschen über einen Schlüssel auf Bundesländer und Kreise und Gemeinden verteilt worden.

Das kann dazu führen, dass sie Potenziale am Ort für sich entdecken. Aber in den allermeisten Fällen ist das nicht passiert.

Kleinstädte im Osten setzen auch eher auf Rückkehrer. Wie groß ist dieses Potenzial?

Leibert Ich habe das Gefühl, dass die Politik den Rückwanderer als die eierlegende Wollmilchsau betrachtet. Nach dem Motto: Die müssen wir kriegen, dann wird alles gut. Da wird überschätzt, wie groß das Potenzial bei Rückwanderern wirklich ist.

Je länger jemand woanders war, desto höher sind die sozialen Kosten der Rückwanderung. Haben die Leute erstmal eine Familie, mit jemandem, der woanders herkommt, dann kommen die nicht wieder. Viele sind auch froh, weg zu sein aus dem ländlichen Raum.

Wenn sie es dann doch irgendwann wieder ländlich wollen, dann landen sie in den Vorstädten. Auch das zeigt die Forschung: Für viele Leute ist der suburbane Raum ländlich genug. Die finden auch da, was sie sich unter einem ländlichen Leben vorstellen.

Manch einer will doch zurück zu Familie und Freunden ...

Leibert Da gibt es aber einen Haken. Es findet immer noch viel Abwanderung statt. Da kommt man zum Klassentreffen und stellt fest, alle sind weggezogen. Eine Rückwanderung hat vorrangig soziale Gründe. Aber die müssen auch da sein, sonst macht man das nicht.

Rückwanderung muss aber auch wirtschaftlich möglich sein. Viele nehmen dafür auch Karriereeinbußen und weniger Gehalt in Kauf. Aber oft ist das, was hiesige Firmen bieten, weit entfernt von der Untergrenze des Erträglichen. Ein Massenphänomen wird die Rückwanderung nicht.

Sind die Kommunen mit ihrer Werbung um Rückkehrer an der falschen Zielgruppe dran?

Wir haben mehrere Bürgermeister rund um Leipzig interviewt. Alle sagen das Gleiche: Wir wollen Bauplätze ausweisen für junge Familien, wo der Vater nach Leipzig pendelt und die Mutter vielleicht als zu Hause bleibt. Diese Zielgruppe ist aber relativ klein. Sowas funktioniert höchstens im direkten Umland um Leipzig oder Dresden. Für den Rest gilt, es kommen eher Freiberufler oder Aussteiger, die die Ruhe suchen.

Was wäre ein sinnvoller politischer Ansatz für Orte weitab vom Schuss?

Diese Orte müssen ihre eigenständigen Attraktivitätsfaktoren herausstellen. In Deutschland gibt es 12 000 Gemeinden, die stehen in Konkurrenz zueinander. Jede muss irgendwie auffallen.

Wer nach einem Wohnort sucht, nimmt einen, von dem er schon gehört hat, dass es da schön sein soll. Ein Problem ist aber, dass die Gemeinden an vielen Fronten keine attraktiven Lebensmöglichkeiten mehr bieten können, weil sie von Bund und Land unterfinanziert sind.

Mit Tim Leibert
sprach Christine Keilholz

Tim Leibert, 41, ist promovierter Geograf und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig. Leibert arbeitet in der Forschungsgruppe zu Mobilität und Migration, seine Schwerpunkte sind Wanderungsforschung, Forschung zu ländlichen Räumen und Bevölkerung. Aufgewachsen ist er im ländlichen Raum um Heidelberg.
Tim Leibert, 41, ist promovierter Geograf und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibnitz-Institut für Länderkunde in Leipzig. Leibert arbeitet in der Forschungsgruppe zu Mobilität und Migration, seine Schwerpunkte sind Wanderungsforschung, Forschung zu ländlichen Räumen und Bevölkerung. Aufgewachsen ist er im ländlichen Raum um Heidelberg. FOTO: privat