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Kleine Produzenten wollen in große Märkte

Blick in das große Zentrallager der Edeka Minden-Hannover in Freienbrink in der Nähe von Berlin.
Blick in das große Zentrallager der Edeka Minden-Hannover in Freienbrink in der Nähe von Berlin. FOTO: Foto: B. Lassiwe/iwe1
Potsdam/Freienbrink. Lebensmittel aus der Heimat stehen bei den Verbrauchern hoch im Kurs. Brandenburg will regionale Produzenten besser unterstützen, dass sie auch Zugang zu großen Supermärkten bekommen. Bei einer Exkursion des Wirtschaftsministeriums kommen sich beide Seiten schon mal näher. Von Benjamin Lassiwe

In den Kisten liegen Spreewaldsülze und Chili con Carne, Fleischwürste und Koteletts. Wie von Geisterhand laufen sie über die Förderbänder, werden von Robotern sortiert, in einem großen Hochregal gestapelt. Die wenigen Menschen, die im Zentrallager der Edeka Minden-Hannover in Freienbrink zu sehen sind, tragen Schutzanzüge. Kühl ist es hier, nur zwei Grad sind in den Lagerräumen zulässig.

Denn Tag für Tag werden von hier aus die Supermärkte in Berlin und Brandenburg mit frischem Fleisch und Wurst versorgt. 180 bis 200 Tonnen frische Ware kommen hier täglich an, mit Strichcodes wird die Lieferung erfasst, vom Computer an einem freien Platz im Hochregal verstaut und später entsprechend den Bestellungen auf die einzelnen Supermärkte verteilt.

Szenenwechsel. Am Oberlauf der Dahme schwimmt ein Nutria im Wasser. Behäbig plätschert der Fluss an der bei Golßen gelegenen Kanow-Mühle vorbei, die sich seit rund 200 Jahren im Besitz der Familie Behrendt befindet. In ländlicher Idylle wird hier Spreewälder Leinöl produziert, dazu noch diverse andere Öle - vom Kürbiskernöl bis zum Kokosöl. Und die Geschäfte laufen. "2014 haben wir eine neue Halle errichtet, für das Lager, das Büro und den Verkauf", sagt Mühlenbesitzer Christian Behrendt.

In der Region, aber auch bei Berliner Kunden sind seine Produkte beliebt. "Wir verkaufen online und an Feinkost-Geschäfte." Und auch mit einigen Supermärkten in der Region arbeitet er zusammen. "Mit Rewe in Golßen zum Beispiel", sagt Behrendt. "Aber wir arbeiten nur mit einzelnen Fillialen zusammen - wir fahren hin, liefern unsere Produkte, fahren weiter." Über die großen Zentrallager der Supermärkte vertreibt er seine Öle nicht.

Denn für regionale Produzenten ist es immer noch schwer, die Anforderungen der großen Ketten zu erfüllen. "Wenn Sie ein Zentrallager beliefern, brauchen sie einen Strichcode auf den Paletten, damit die Ware automatisch erfasst werden kann", sagt Professor Eckart Kramer von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE).

Und auch sonst müssen Produzenten jede Menge leisten: "Sie müssen unternehmensrelevante Daten im Lieferantenportal eintragen", sagt Kramer. Es brauche den Nachweis einer Zertifizierung ebenso wie eine elektronische Beschreibung des Produktes. Was konkret bedeutet, dass ein Lieferant wie Behrendt bis zu 570 Einzeldaten seines Leinöls in eine Computermaske eingeben müsste - Angaben zur Verpackung ebenso wie zu Inhaltsstoffen und Zusätzen. Denn Verbraucher und Supermärkte wünschten sich heute die größtmögliche Transparenz: Im Zeitalter der Lebensmittelskandale müsse klar sein, welches Produkt woher komme.

Um regionale Produzenten zu unterstützen, entwickelt die HNEE gerade das Programm "Regiofood plus". Mithilfe einer Cloud-Lösung im Internet soll der Datendschungel für kleine regionale Anbieter durchlässiger werden. Der Zugang zu den Systemen der Lebensmittelhändler soll sich vereinfachen.

Natürlich stößt auch Kramer dabei auf typisch brandenburgische Probleme: "Für so etwas brauchen wir Internet", sagt Kramer. Aber das ist in der Mark bekanntlich gar nicht so einfach. "Eine der Firmen, mit der wir das System testen, hat mal Internet - und mal auch nicht."

Die Hochschule entwickelt deswegen Notfall-Systeme, um Strichcodes auch unabhängig vom Internet vergeben zu können. Denn die Lieferung an eine Supermarktkette soll am Ende nicht daran scheitern, dass das Land Brandenburg noch immer viele weiße Flecken auf der Landkarte der Digitalisierung hat.

Brandenburgs Landesregierung jedenfalls liegt die Vermarktung regionaler Produkte sehr am Herzen. "Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Bewusstsein für Ernährung zunimmt", sagt Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD), als er am Mittwoch mit Journalisten das Edeka-Lager in Freienbrink besichtigt. Die Menschen wollten wissen, was auf ihrem Teller liege. Wer regionale Produkte konsumiere, sichere Arbeitsplätze und trage zu einem verminderten Kohlendioxidausstoß bei, weil die Transportwege geringer werden.

"Regionalität bedeutet Verlässlichkeit, Top-Qualität und Frische." Seit 1990 habe das Land deswegen die regionale Ernährungswirtschaft mit 563 Millionen Euro unterstützt. Investitionen in Höhe von 2,8 Milliarden Euro und rund 10 000 neue Arbeitsplätze entstanden daraus. Was zumindest eine deutlich bessere Kosten-Nutzen-Rate ist als beim geplanten Großflughafen BER. "Regionalität bedeutet Verlässlichkeit, Top-Qualität und Frische."