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Kikeriki nach Zeitplan? Gockel-Zoff unter Nachbarn

Käme es zu einem Prozess, müsste viel Grundsätzliches zum Thema Hahn und Hühner geklärt werden, gibt der Richter zu bedenken. Zum Beispiel: "Ist Krähen in einem Dorf zu dulden?"
Käme es zu einem Prozess, müsste viel Grundsätzliches zum Thema Hahn und Hühner geklärt werden, gibt der Richter zu bedenken. Zum Beispiel: "Ist Krähen in einem Dorf zu dulden?" FOTO: dpa
Brandenburg/Havel. Der Gockelstreit von Zitz: Ein Nachbar verlangt vom anderen, dass dessen Hähne nur noch zu bestimmten Zeiten krähen dürfen. Ein Richter drängt die Streithähne nun zu einer gütlichen Einigung. Georg-Stefan Russew

Gehört das Krähen eines Hahns nicht zum Alltag auf dem Land? Seit Jahren streiten sich zwei Nachbarn im märkischen Dörfchen Zitz (Potsdam-Mittelmark) darum, wie laut das Krähen der Hähne des einen sein darf. Mittlerweile kommunizieren die Streithähne nur noch über ihre Anwalte, der Nachbar des Hobby-Geflügelzüchters klagte nun gar, weil er gesundheitliche Schäden durch das Gekrähe fürchtet. Einem Richter des Amtsgerichts Brandenburg/Havel reichte es jetzt - und schickte beide Parteien an den Verhandlungstisch. Ein Ausgleich soll her.

"Das Gesetz erlaubt eine Güteverhandlung. Die hier getroffenen Kompromisse sind tragfähiger, als wenn ein Gericht entscheidet", sagt Richter Torsten Bönig am Montag. Nur so ließe sich der Dorffrieden in Zitz direkt an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt wiederherstellen.

Alles andere dauere. Denn: In einem Gerichtsverfahren müsse Grundsätzliches geklärt werden, gibt Bönig zu bedenken. "Ist Krähen auf einem Dorf zu dulden? Wenn ja, was ist ortsüblich? Wie oft dürfen Hähne überhaupt krähen?" Zudem könne ein Präzedenzfall geschaffen werden, der ungeahnte Folgen nach sich zöge. Außerdem gehe erfahrungsgemäß nach einem Urteil mindestens eine Partei gegen die Entscheidung juristisch vor. Nur zähneknirschend willigt Kläger Hans-Wilhelm Geue ein. Sein Anwalt pocht vor Gericht darauf, dass über die Zahl der gehaltenen Hähne, über einen Zeitplan, wann und wie viele Hähne gleichzeitig krähen dürfen, sowie über Schallschutzmaßnahmen gesprochen werden müsse.

Geflügelzüchter Reno Nerling sagt, dass er schon immer kompromissbereit gewesen sei. "Herr Geue hat nur nie mit mir gesprochen. Er hat sofort die juristische Keule ausgepackt", sagt der 36-Jährige. "Er will, dass meine Hühner nicht lauter als 55 Dezibel sind. Da ist jedes Auto, das auf dem Kopfsteinpflaster an seinem Haus vorbeifährt lauter."

Um die Lage zu entschärfen, habe er in der Zwischenzeit die Hähne gegen eine Rasse eingetauscht, die "leiser" krähe. "Ich habe für 200 Euro einen Sichtschutz und eine automatische Klappenanlage für den Stall gekauft und eingebaut. Außerdem ist alles Wlan-Kamera videoüberwacht. Das sind doch gute Argumente", sagt der 36-Jährige. Hühner gibt es auf dem Hof, der Nerlings Eltern gehört und auf dem er selbst nicht lebt, schon seit Jahrzehnten. Die Stallanlage hat er von seinem Großvater übernommen. Der Streit sei erst ausgebrochen, als die klagende Familie nach der Wende ins Dorf gezogen sei und sich durch das Krähen gestört gefühlt habe.

Der Gütetermin soll voraussichtlich für November angesetzt werden. Scheitert er, geht der Fall zurück an das Gericht.

Zum Thema:
Nachbarn des Veterinärmedizinischen Instituts der Freien Universität in Berlin scheitern im Juni 2014 mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Sie fühlen sich unter anderem von Hundegebell gestört. Es gebe keine erhebliche Belästigung im Sinne des Bundesimmissionsschutzgesetzes, urteilen die Richter. Laut quiekende Meerschweinchen in einer Zuchtanlage der Universität Münster treiben eine Anwohnerin zur Verzweiflung. Das Verwaltungsgericht gibt ihr 2013 recht: Zwei Meter Abstand zwischen ihrer Grundstücksgrenze und den Käfigen seien zu wenig - die Nager müssten umziehen. Richter verbieten 2012 einem Mann aus Germersheim (Rheinland-Pfalz), mehrere Dutzend Brieftauben in einer Wohngegend zu halten. Die dortigen Bewohner hätten einen Anspruch darauf, von Störungen wie Lärm und Taubenkot nicht belästigt zu werden. Kreischende Papageien sind den Nachbarn nur zwei Stunden am Tag zumutbar. Das entscheidet das Landgericht Hannover im Jahr 2009. Ein Mann hatte gegen den Besitzer der Vögel geklagt, die in einer Außenvoliere "ohrenbetäubenden Lärm" machten.