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| 02:41 Uhr

Jeder siebte Schüler in Deutschland braucht Nachhilfe

Im Nachhilfeunterricht sei die Motivation von Schülern oft größer als in der Schule, sagen Erziehungswissenschaftler.
Im Nachhilfeunterricht sei die Motivation von Schülern oft größer als in der Schule, sagen Erziehungswissenschaftler. FOTO: dpa
Jeder siebte Schüler in Deutschland setzt auf Nachhilfe. Das ist im internationalen Vergleich wenig. Dennoch warnen Forscher, Bildung dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Die RUNDSCHAU beleuchtet das Thema. Florentine Dame

Wie viele Schüler nehmen Nachhilfe in Anspruch?
Eltern jedes siebten Schülers geben an, dass ihr Kind Nachhilfe nutzt. Befragt wurden 4300 Eltern von Sechs- bis Sechzehnjährigen. Frühere Untersuchungen hatten zum Teil andere Zahlen ergeben. So weisen Daten aus der 2012er Pisa-Schul-Studie zum Teil deutlich höhere Nachhilfequoten aus. Hier wurden allerdings nur die 15-Jährigen eingerechnet. Möglicherweise lasse der anstehende Prüfungsdruck vor dem Schulabschluss oder Wechsel zur Oberstufe den Nachhilfebedarf noch einmal ansteigen, glauben Bildungsforscher.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?
Der Blick auf andere Industrieländer lässt die Experten aufatmen: Ein Vergleich der Pisa-Daten von 2012 zeige, dass die Bundesrepublik bei der Nachhilfe-Teilnahme einen der hinteren Plätze belegt: Nimmt man etwa das förderbedürftigste Fach Mathematik, liegt der Anteil der 15-jährigen Nachhilfeschüler in Japan mit fast 70 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland (knapp 29 Prozent).

In 34 untersuchten OECD-Staaten liegt die durchschnittliche Nachhilfequote in der Altersklasse bei rund 38 Prozent.

Was lassen sich Eltern in Deutschland Nachhilfe kosten?
Im Schnitt geben Eltern für die Nachhilfe ihrer Kinder 87 Euro im Monat aus. Wie hoch das Einkommen ist, spielt dabei nur eine geringe Rolle. Allerdings gaben insgesamt 26 Prozent an, gar nichts für den Zusatzunterricht ihrer Kinder zahlen zu müssen. Dies könne ein Hinweis darauf sein, dass Förderung auch in den Schulen zu finden sei. Besonders häufig sei das an Ganztagsschulen zu beobachten, seltener an Schulen, die Kinder nur vormittags besuchen.

Wo sehen Experten Probleme?
Nachhilfe wird dort nachgefragt, wo regulärer Unterricht nicht ausreicht. Das sehen viele Forscher kritisch: "Eigentlich ist es Kernaufgabe der Schulen, die Potenziale der Jugendlichen so zu fördern, dass sie nicht mehr auf privat finanzierte Nachhilfe zurückgreifen müssen", sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm. Stehen nicht ausreichend kostenfreie Angebote der individuellen Förderung zur Verfügung, bedrohe das die Chancengleichheit: "Wenn schulischer Erfolg von privat finanziertem Unterricht abhängt, ist das ein Einfallstor für Ungleichheit bei den Bildungs- und Aufstiegschancen", warnt Klemm.

Was sagen die Lehrer dazu?
"Schule sollte in der Lage sein, auf die Verschiedenheit von Kindern einzugehen, so dass Nachhilfe die Ausnahme bleibt", sagt auch Erziehungswissenschaftlerin und GEW-Vorstand Ilka Hoffmann. Doch für flexibles Reagieren auf die Neigungen von Kindern, offene Unterrichtsformen, Kleingruppen und kreative Lernangebote brauche es ausreichend Personal.

Wie viel bringt Nachhilfe?
Studien weisen in unterschiedliche Richtungen: Während die einen dem Zusatzunterricht gute Leistungen bescheinigen, sehen gerade aktuellere Analysen im Ausland laut Bertelsmann-Studie keine Belege dafür, dass Nachhilfe sich auszahlt. Der Bildungsforscher Eiko Jürgens gehört dagegen zu jenen, die mit eigenen Untersuchungen die Wirksamkeit professioneller Nachhilfe erwiesen sehen. Es habe sich gezeigt, dass die Motivation der Schüler dort oft höher sei. "Außerdem ist es hilfreich für das Lernen, wenn derjenige, der mir etwas beibringt, nicht unbedingt derjenige ist, der mir Zensuren gibt. Das mindert den Druck und schafft Vertrauen", sagt der Erziehungswissenschaftler der Uni Bielefeld.

Aus Sicht des Nachhilfeverbandes VNN ist es auch die Nachfrage, die Nachhilfeschulen recht gibt: "Die Schüler würden ja wegbleiben, wenn es nicht effektiv wäre. Über die Qualität stimmen sie mit den Füßen ab", so die Vorsitzende Cornelia Sussieck.