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| 19:06 Uhr

Brandenburgs neuer Kita-Beirat: Interview mit Sprecherin Daniela Klaus
„Der Kita-Landeselternbeirat muss ins Gesetz“

Daniela Klaus (40) lebt mit ihrer Familie in Neu Zittau (Oder-Spree). Die fünfjährige Tochter geht in eine Kita, „die zu den guten gehört“, wie die Geschäftsfrau betont. Seit Kurzem gebe es kostenlos Frühstück und Vesper für die Kinder. „Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl“, sagt Klaus.
Daniela Klaus (40) lebt mit ihrer Familie in Neu Zittau (Oder-Spree). Die fünfjährige Tochter geht in eine Kita, „die zu den guten gehört“, wie die Geschäftsfrau betont. Seit Kurzem gebe es kostenlos Frühstück und Vesper für die Kinder. „Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl“, sagt Klaus. FOTO: Daniela Klaus
Cottbus/Potsdam. Jetzt haben auch Kita-Kinder in Brandenburg eine Lobby. Die Sprecherin des Gremiums formuliert präzise, was Mütter und Väter erwarten. Von Verena Ufer

Die Mitglieder des neuen Beirats kommen aus acht Kreisen und kreisfreien Städten. „Wir wollen uns möglichst schnell weiter vernetzen und wachsen“, sagt Sprecherin Daniela Klaus im RUNDSCHAU-Interview.

Frau Klaus, können Sie in drei Sätzen einmal skizzieren, wie für Sie die ideale Kindertagesstätte aussehen müsste?

Klaus Sie müsste einen reellen Betreuungsschlüssel haben, der mindestens im Bundesdurchschnitt liegt. Die Kita müsste beitragsfrei und die Elternbeteiligung gesetzlich geregelt sein.

Wo würden Sie die Qualität der Brandenburger Kitas auf einer Skala von eins bis zehn einordnen?

Klaus Ganz klar im unteren Drittel, dazu gibt es auch Studien, die das belegen, zum Beispiel beim Betreuungs­schlüssel. Leider ist das so – noch.

Was genau war die Initialzündung, jetzt einen Landeselternbeirat zu gründen?

Klaus Vor allem der Wunsch nach mehr Mitsprache und Mitwirkungsrechten der Eltern. Jede selbst noch so kleine Kita ist noch zu oft für sich selbst verantwortlich, was Satzung und Kalkulation angeht. Viele Eltern haben ja auch mitbekommen, dass mehr als 1000 Klagen bei den Gerichten in Brandenburg anhängig sind. Und dennoch dümpeln viele weiter allein so vor sich hin.­.­. Es ist doch sinnvoll, sich zusammenzuschließen, Probleme zu erfassen und gemeinsam anzusprechen. Es haben sich zunächst Elternbeiräte in Kreisen und kreisfreien Städten gegründet, sodass der Schritt zum Landesgremium folgerichtig war.

Welche Städte und Regionen sind bisher dabei?

Klaus Aus Cottbus, Brandenburg/Havel, Frankfurt (Oder), Potsdam, dem Oder-Spree-Kreis, Teltow-Fläming, Dahme-Spreewald und Barnim arbeiten jeweils zwei Vertreter mit. In Märkisch-Oderland und Potsdam-Mittelmark gibt es Initiativen für Kreiselternbeiräte.

Da ist noch Luft nach oben bei den Mitgliedern?

Klaus Spree-Neiße, Elbe-Elster, Ost­prignitz, Uckermark, Havelland – da ist Nachholbedarf. Aber es ist auch manchmal nicht einfach. Einige Kreise sperren sich auch noch gegen die Elternbeteiligung. Was sehr schade ist.

Wieso eigentlich?

Klaus Dazu kann ich nichts sagen, ich müsste spekulieren. Desinteresse? Vielleicht ist eine Elternbeteiligung einfach auch nicht gewünscht. Urteile haben ja auch mehrfach schon gezeigt, dass Kita-Satzungen nicht korrekt waren . . .

Allzuoft führt das Gründen von Kommissionen oder Oberverbänden nicht dazu, dass sie etwas bewirken. . . . Haben Sie tatsächlich Möglichkeiten, sich einzubringen?

Klaus Das Bildungsministerium war unserer Gründung gegenüber sehr offen und erwartet sogar von uns, dass wir mitreden und Stellung beziehen zum Beispiel zu möglichen Gesetzesänderungen. Wir werden gehört und haben ein Mitspracherecht. Auf Landesebene verläuft die Zusammenarbeit bisher sehr gut.

Wie sieht das konkret aus?

Klaus Wir haben sofort einen beratenden Sitz im Jugendhilfeausschuss bekommen. Wir sind außerdem beim Expertendialog mit dabei – ein Gremium, in dem Träger von Kindertagesstätten und Mitarbeiter des Bildungsministeriums vertreten sind. Von der Landesregierung wurden wir wirklich mit offenen Armen empfangen. Aber jetzt muss es noch einen Schritt weitergehen.

Wie meinen Sie das?

Klaus Unser Beirat ist eine engagierte und inzwischen selbst in Satzungsfragen sehr gut informierte Gruppe. Aber unsere Kinder sind nur noch ein paar Jahre in der Kita. Und deshalb möchten wir dafür sorgen, dass der Beirat auch künftig eine sichere Basis für seine Arbeit hat.

Wie stellen Sie sich das vor?

Klaus Wir möchten auf jeden Fall, dass der Landeselternbeirat im Gesetz verankert wird. Der Paragraf 6a im Kitagesetz, auch der novellierten Fassung, die im August in Kraft tritt, ist bisher sehr unverbindlich formuliert. Dass Eltern sich irgendwie in örtlichen Beiräten zusammenfinden können, wie es da sinngemäß formuliert ist, reicht uns nicht. Unser Vorbild ist das Schulgesetz. In dem ist klar festgeschrieben, was ein Elternbeirat ist und welche Rechte und Pflichten er hat.

So eine Gesetzesänderung ist doch eigentlich nicht so schwer umzusetzen, finden wir. Denn sie ist weder mit hohen Kosten noch Zeitaufwand verbunden.

Was sind Ihre wichtigsten inhaltlichen Vorhaben?

Klaus Unser großes Ziel ist rasche Beitragsfreiheit. Denn Kitas sind Bildungseinrichtungen. Und Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dafür sollten Eltern nicht bezahlen müssen. Da wir schon wissen, dass das mit hohen Kosten verbunden ist und nicht sofort umgesetzt werden kann, fordern wir für die Übergangszeit zumindest rechtssichere und rechtskonforme Satzungen und Kalkulationen. Bis jetzt war es doch so: Jeder auch noch so kleine Träger macht seine eigene Kalkulation. Eltern haben oft wenig oder gar keine Einsicht – obwohl das laut Gesetz bei den kommunalen Einrichtungen eigentlich selbstverständlich sein müsste. Es werden immer wieder Fehler gemacht, meistens ohne Absicht.

Was könnte man dagegen tun?

Klaus Zum Beispiel verstärkt Schulungen anbieten für Träger und Verwaltungsbeamte, die diese Kalkulationen erstellen oder überprüfen. Und die Mitarbeiter müssten selbstverständlich auch freigestellt werden für solche Fortbildungen. In jüngster Zeit mussten schon einige Satzungen per Gerichtsbeschluss zurückgenommen werden. Wir möchten so etwas möglichst vermeiden und plädieren für einen Dialog zwischen Eltern und Trägern – ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist. Außerdem muss der Betreuungsschlüssel in Brandenburger Kitas besser werden. Aber das hängt ja nicht nur am Geld. Man kann mehr Fachkräfte nicht einsetzen, wenn sie gar nicht vorhanden sind.

Wie kommt man aus dem Dilemma heraus?

Der erste Schritt muss sein, den Erzieherberuf wieder attraktiv zu machen. Das heißt natürlich auch, höhere Gehälter zu bezahlen, besser auszubilden. Und es kann nicht sein, dass Erzieher für ihre Berufsausbildung auch noch zur Kasse gebeten werden.

Welchen Schlüssel würden Sie sich denn vorstellen?

Klaus Idealerweise den, wie ihn die Bertelsmann-Stiftung in ihrer jüngsten Studie vorgeschlagen hat: 1:3 in der Krippe, 1:5 in der Kita. Klar, wir sind keine Phantasten, das ist im Moment noch Utopie. Aber nur das kann das Ziel sein.

Das kostet eine Menge Geld, das hat man Ihnen sicher schon oft mit sorgenvoller Miene zu verstehen gegeben?

Die Bertelsmann-Stiftung hat kalkuliert, dass es 15 Milliarden Euro kosten würde, in Deutschland Beitragsfreiheit und eine deutliche Qualitätssteigerung in den Kitas zu erreichen. Im jetzigen Koalitionsvertrag sind 3,5 Milliarden vorgesehen. Da ist ja wohl noch viel Luft nach oben. Und beim Bund sollten sie immer auch daran denken, dass Eltern nicht nur Mütter und Väter sind – sondern auch Wähler.

Mit Daniela Klaus
sprach Verena Ufer

Kita 4c
Kita 4c FOTO: LR