ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 20:14 Uhr

Interview mit Frauke Hildebrandt
„Eine Quote ist ein gutes Instrument“

Frauke Hildebrandt.
Frauke Hildebrandt. FOTO: picture alliance / Rochus Görgen / Rochus Görgen
Potsdam. Die Potsdamer Professorin Frauke Hildebrandt – Tochter der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt – ist der Meinung, dass Ostdeutsche noch immer benachteiligt werden. Von Benjamin Lassiwe

Sie ist die Tochter der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt sowie Mitglied der SPD in Brandenburg. Und sie tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Die Potsdamer Professorin Frauke Hildebrandt meint, dass Ostdeutsche fast 30 Jahre nach der Wende noch immer benachteiligt werden.

Frau Hildebrandt, sind Ostdeutsche heute benachteiligt?

Ostdeutsche haben einfach schlechtere Ausgangsbedingungen als Westdeutsche: Unter all denen, die heute in Führungspositionen der Wirtschaft, der Stiftungen und der Politik sind, haben nur 1,7 Prozent eine ostdeutsche Biografie. Die Ostdeutschen sind also massiv unterrepräsentiert. Selbst in Ostdeutschland sind heute nur zwischen 25 bis 30 Prozent Ostdeutsche in Spitzenjobs zu finden. Und das ist eine große Gefahr für unser Land: Wenn eine so große Bevölkerungsgruppe so unterrepräsentiert ist, verabschiedet sie sich aus dem System. Das ist nicht nur ungerecht, sondern kann zu einer Destabilisierung der Demokratie führen.

Wo sehen Sie konkrete Benachteiligungen?

Es gibt immer noch zwei Tarifgebiete, „Ost“ und „West“ in Deutschland. Auch die Renten sind in Ost- und West noch immer nicht angeglichen. Es gibt kein Dax-Unternehmen im Osten, weite Teile des Ostens sind deindustrialisiert. Da nützen dann Straßen ohne Schlaglöcher auch nichts. Und dann haben Sie die Biografien, zum Beispiel die des Vaters einer guten Freundin, ein promovierter Biologe, der nach der Wende als ABM-Kraft in seinem eigenen Institut arbeiten musste und den Eintritt in den Ruhestand hinausschieben musste, weil die Rente sonst nicht gereicht hätte. Vergleichbare Entwürdigungen sind in fast allen Familien vorgekommen. In der Wendezeit ist in Ostdeutschland vielen Menschen Unrecht geschehen und es hat ihnen nichts genutzt, sich dagegen zu wehren - und das, obwohl die allermeisten die Wende wollten. Das ist eine Erfahrung, die kann einen schon resignieren lassen. Zumal, wenn man dann noch hört: Nun jammert mal nicht so viel rum. Himmel!

Ihre Brandenburger SPD hat nun eine Ostdeutschlandkommission eingesetzt. Was erwarten Sie davon?

Es geht darum, Umgerechtigkeiten zu benennen und deutlich zu machen. Es geht dabei nicht nur um die Minderrepräsentation in Ämtern und Gremien. Es geht auch um die strukturellen Unterschiede bei Löhnen und Gehältern. Und es geht darum, Vorschläge dafür zu erarbeiten, wie die Ungerechtigkeiten nun wirklich zügig beseitigt werden können. Also um die Zukunft.

Wollen Sie weiter eine Ossi-Quote?

Ja. Ich glaube, dass wir schnell mehr Menschen aus dem Osten in Spitzenpositionen brauchen, damit die Ost-Themen auch in Spitzengremien einfach auf dem Schirm sind. Was reden wir denn dauernd über Bayern? Es geht darum, welche Themen gesetzt werden und welche nicht. Also um Vernetzung, Macht und Geld. Glauben Sie im Ernst, dass jemand da freiwillig darauf verzichtet – zugunsten der Ossis? Ich denke, dass man mehr kämpfen muss, wenn man mehr Einfluss haben will. Und eine Quote ist ein hilfreiches Instrument.

Die SPD ist in Brandenburg seit 30 Jahren an der Regierung. Wäre es nicht Aufgabe Ihrer Partei gewesen, Ungerechtigkeiten zu vermeiden?

Es ist ja nicht so, dass das nicht immer wieder versucht worden wäre. Aber: Ja, ich glaube, dass wir wirklich den Fehler gemacht haben zu denken: Das wird schon. Das gibt sich irgendwann. Das läuft irgendwann wieder. Aber das ist nicht so. Wir müssen aktiv anfangen, solche Missstände systematisch zu benennen und zu beheben.

Hängt der Aufstieg der AfD für Sie mit dieser Benachteiligung zusammen?

Wahrscheinlich ist sie auch deshalb groß geworden, aber bestimmt nicht nur deswegen. Es ist doch so: Wer sagt, in unserem Land ist alles gut, hat die Menschen mit den realen – und nicht einfach nur gefühlten! – Erfahrungen, die ich beschrieben habe, nicht im Blick. Und das sind ja viele Menschen. Mich ärgert das.

Aber Ihre eigene Partei hat es nicht einmal geschafft, eine solidarische Europaliste aufzustellen, bei der Vertreter aus jedem Bundesland unter den ersten 16 stehen...

Auch in meiner eigenen Partei haben viele Menschen den Osten eben nicht auf dem Schirm. Die SPD hat starke Verbände in Westdeutschland, etwa in Nordrhein-Westfalen. Wir müssen da unser Anliegen eben auch noch stärker in die Bundes-SPD hineinbringen.