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| 19:21 Uhr

Interview mit Thomas Drachenberg
Denkmalpflege heißt Nachhaltiges schaffen

Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg.
Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg. FOTO: dpa / Nestor Bachmann
Potsdam. Brandenburgs Landeskonservator wünscht sich ein gemeinnütziges Denkmalnetzwerk.

Er ist der oberste Denkmalschützer des Landes Brandenburg: Landeskonservator Thomas Drachenberg. Im Interview mit der Lausitzer Rundschau spricht er über die Situation der Denkmalpflege im Land – und darüber, wie Bauherren Ärger mit den Denkmalschützern frühzeitig vermeiden können.

Herr Drachenberg, wie geht es Brandenburgs Denkmalen heute?

Drachenberg Wir sind seit den 1990er-Jahren sehr gut vorangekommen: Wenn Sie heute durch Brandenburg fahren, kommen Sie durch viele kleine und mittelgroße Städte. Und dort sehen Sie im Grunde keinen Verfall mehr, sondern eine intakte, lebenswerte Struktur, wo es nur noch vereinzelt Probleme gibt. Das ist ein sehr guter Stand. Die Städte und das Land Brandenburg haben noch nie so gut ausgesehen wie heute!

Trotzdem gibt es manche Gebäude, die munter vor sich hin verfallen...

Drachenberg Von Munterkeit kann da keine Rede sein. Es gibt immer noch notleidende Denkmale. Zum Beispiel die Kirche in Groß Kölzig oder die Gutsanlage in Sembten. Nehmen Sie im Nordosten die zur Nordkirche gehörende Kirchenruine in Gartz an der Oder in der Uckermark – das ist wertvolle und national bedeutende Baukultur.

Die Kirche dort stammt von Hinrich Brunsberg, der auch Ende des 15. Jahrhunderts die Katharinenkirche in Brandenburg (Havel) gebaut hat. Aber im Unterschied zu Brandenburg an der Havel ist die große Kirche in Garz seit dem Zweiten Weltkrieg eine Ruine. Nur ein Teil wurde zu DDR-Zeiten zu einem Gemeindezentrum umgebaut. Heute muss dort dringend etwas passieren.

Was heißt das für die Denkmalpflege?

Drachenberg Zukünftig müssen wir Modelle entwickeln, die die Sicherung unverzichtbarer Baukultur auch unter scheinbar widrigen Bedingungen ermöglichen. Zusammen mit der evangelischen Landeskirche und im Auftrag der Staatskanzlei arbeiten wir bereits an einer Art Monitoring-Struktur für abgelegene und zur Zeit wenig genutzte Kirchen, deren Zustand man jedoch im Auge behalten muss.

Ich rede dabei zunächst mal nur von Sicherung – die Restaurierung und neue Nutzungskonzepte sind der zweite Schritt.

Sie haben in ihrem jährlich erscheinenden Denkmalreport immer wieder auf alte Schlösser und Herrenhäuser aufmerksam gemacht, die an Private verkauft wurden und seitdem verfallen. War die Privatisierung solcher Gebäude ein Fehler?

Drachenberg So einfach ist die Antwort nicht. Bei den Gutshäusern und Herrenhäusern muss man bedenken: Als sie vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit gebaut wurden, hatten sie Existenzbedingungen, die es seit 1945 nicht mehr gibt. Vor 1945 konnten solche Gebäude entstehen und existieren, weil damit Erträge aus Land- und Forstwirtschaft verbunden waren.

Und durch eine ideologisch übermotivierte Abrissaktion kurz vor Gründung der DDR gibt es auch so manches Gutshaus nicht mehr. Andere wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt und zu DDR-Zeiten zwar genutzt, aber nur notwdürftig erhalten. Manchen Häusern hat die Privatisierung geholfen, manches ist dem sogenannten Glücksritter spekulativ verfallen.

Daher ist es eigentlich auch hier sinnvoll, ein Netzwerk zu haben, das diese Gebäude erhält. Der „National Trust“ in England wäre dafür ein Vorbild. Bei uns gibt es die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten für die königlichen und kaiserlichen Schlösser, und die Brandenburgische Schlösser GmbH, die immerhin zehn Schlösser besitzt.

Das Land hat für bedrohte Denkmale mittlerweile die Denkmalhilfe geschaffen, rund eine Million Euro pro Jahr. Reicht das denn?

Drachenberg Dass es für die Sicherung, Restaurierung und Sanierung von Bau- und Bodendenkmalen Landesmittel gibt, ist ein großer Erfolg. Es ist im Bundesvergleich allerdings auch Standard, dass das Land die Denkmalbesitzer finanziell unterstützt – ein Standard, den wir in Brandenburg lange nicht hatten.

Doch wir haben immer noch zu wenig Mittel: Letztes Jahr hatten wir landesweit Anträge für fünf Millionen Euro. Das Kulturministerium konnte immerhin in diesem Jahr für eine Million Euro wichtige Projekte fördern. Genau so dringend ist allerdings unsere Personalsituation...

Wie sieht es dort aus?

Drachenberg Wir brauchen dringend Fachpersonal: Seit 2000 haben wir 40 Prozent unseres Personals im Landesdenkmalamt verloren – und gleichzeitig haben wir klaglos neue Aufgaben übernommen: Die derzeitige Konjunktur produziert einen Bauboom, der denkmalfachlich begleitet werden muss – nicht nur in der Bau- und Bodendenkmalpflege, sondern auch in der Gartendenkmalpflege.

Wie wollen Sie das leisten, wenn von drei Leuten landesweit auf einen zusammengespart werden musste oder wie in der technischen Denkmalpflege ein einziger Fachreferent das Land im Überblick behalten muss? Die Fördermittel sind dringend nötig, bedeuten aber einen erhöhten Betreuungsaufwand. Wir benötigen dringend Neueinstellungen.

Immer wieder gibt es auch Unverständnis darüber, warum Bauherren hohe Kosten für die Denkmalpflege aufbringen müssen. Warum ist Denkmalpflege eigentlich so teuer?

Drachenberg Denkmalpflege ist nicht teuer. Denkmalpflege hat etwas zu tun mit der Wertschätzung für das Gebaute. Wenn ich Baukultur wertschätze, frage ich frühzeitig mit meinen Ideen bei den Denkmalbehörden an und stimme die Pläne ab. Teuer wird es immer dann, wenn Dinge kurzfristig umgeplant werden müssen, weil niemand an den Denkmalschutz gedacht hat.

Natürlich gibt es Fälle, bei denen durch den Erhalt eines historischen Bauwerks Mehrkosten entstehen – es gibt aber auch Fälle, bei denen die Kosten geringer werden, wenn man historische Bausubstanz in die Planung einbezieht und sie repariert. Denkmalpflege ist auch Nachhaltigkeit. Übrigens sind deswegen sämtliche Erhaltungsaufwendungen steuerlich absetzbar.

Und der Bauherr profitiert enorm von einem Denkmal. Er kann mit der Aura des alten Gebäudes sein Produkt vermarkten und einen monetären und ideellen Mehrwert daraus ziehen.

Mit Thomas Drachenberg
sprach Benjamin Lassiwe

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sucht nach wie vor einen Schlossherrn für das Schloss und den Park Altdöbern. Laut Brandenburgs Landeskurator Thomas Drachenberg ist der Erhalt von Denkmälern ein wichtiger Beitrag, damit bedeutende Baukultur lebendig bleibt.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sucht nach wie vor einen Schlossherrn für das Schloss und den Park Altdöbern. Laut Brandenburgs Landeskurator Thomas Drachenberg ist der Erhalt von Denkmälern ein wichtiger Beitrag, damit bedeutende Baukultur lebendig bleibt. FOTO: Frank Hilbert