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| 17:43 Uhr

Cottbus
Gewitterwolken über dem Staatstheater

Cottbus. Intendant Martin Schüler bekennt sich nach den Querelen zu seiner Verantwortung. Generalmusikdirektor Evan Christ ist beurlaubt.

Wie ein Blitz hatte am Donnerstag im Theatergewitter die Ankündigung von Intendant Martin Schüler eingeschlagen, zum Spielzeitende zurückzutreten.

„Hätte er in diesem Moment die Vertrauensfrage gestellt, viele hätten ja gesagt“, schildert noch einmal eine Mitarbeiterin die Gefühle am Donnerstagmorgen im Theater.

Gestern nun äußerte sich Martin Schüler öffentlich zu seinen Beweggründen: „Mein Bestreben war es immer, den Menschen meiner Lausitzer Heimat musikalische Sternstunden und Theater auf höchstem Niveau zu ermöglichen. Besonders wichtig war mir dabei die Vielfalt der Angebote für alle Generationen und Interessen, damit das Theater in der Region breite Akzeptanz findet“, erklärte er. „Leidenschaftlich um künstlerische Perfektion und den Erfolg für das Theater bemüht, habe ich die wachsenden Nöte des Ensembles und die Zwänge, unter denen Leistungen erbracht wurden, aus dem Blick verloren. Ich habe die wichtigste Grundlage der Zusammenarbeit – das Vertrauen des Ensembles – verloren. Das bedaure ich sehr. Ich entschuldige mich bei all denjenigen, die darunter zu leiden hatten.“

Bis Dienstag noch habe er versucht, gemeinsam mit Ministerin Münch und dem Geschäftsführenden Direktor des Theaters, Martin Roeder, im Konflikt zwischen dem Philharmonischen Orchester, dem Opernensemble und dem Generalmusikdirektor Evan Alexis Christ eine Brücke zu bauen. „Diese Brücke wollte Herr Christ jedoch nicht betreten. Er schlug die ihm unterbreiteten Angebote aus“, unterstreicht Schüler und betont: „Ich übernehme die volle Verantwortung für die entstandene Situation und trete von meinen Ämtern zum Ende der Spielzeit 2017/2018 zurück, um den dringend erforderlichen Neustart am Staatstheater Cottbus möglich zu machen.“ Ausdrücklich bedankt er sich bei allen Zuschauerinnen und Zuschauern für das über die vielen Jahre gezeigte Interesse und die große Anteilnahme an der Entwicklung des Cottbuser Theaters.

Martin Roeder, Vorstandsvorsitzender der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus – Frankfurt (Oder), äußert sich zum Rücktritt: „Ich bedauere diesen Schritt außerordentlich.“ Martin Schüler habe die Entwicklung des Staatstheaters mehr als 25 Jahre mit großem künstlerischen Engagement und mit seiner Leidenschaft für das Theater – und eben besonders die Oper – geprägt.“ Unmittelbar nach der Vollversammlung sei das Kulturministerium in Potsdam über diesen Schritt informiert und Maßnahmen vorgestellt worden, „die gewährleisten, dass Respekt und Verantwortung im Umgang miteinander das Arbeitsklima am Staatstheater prägen und verlorengegangenes Vertrauen wiederhergestellt wird.“

Dazu werden unter anderem Mediatoren in den Betrieb einladen, gemeinsam verbindliche Führungsgrundsätze und einen Verhaltenskodex erarbeiten sowie eine Beschwerdestelle einrichten. „Die Kündigung gegenüber dem Studienleiter Frank Bernard wird zurückgenommen. Evan Alexis Christ ist als Generalmusikdirektor des Staatstheaters Cottbus bis zum Ende der Spielzeit beurlaubt.“ Angestrebt werde die Beendigung des Arbeitsverhältnisses, machte er deutlich.

Einen Tag nach dem dramatischen Akt brodeln die Emotionen weiter. Der Förderverein des Theaters äußert sich in einem Offenen Brief an Martin Schüler: „Mit großer Betroffenheit hat unser Verein zur Kenntnis nehmen müssen, dass Sie alle Ihre Ämter, sowohl in der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus Frankfurt (Oder), als auch am Staatstheater Cottbus niederlegen wollen. Wir haben erfahren, dass Sie damit die Verantwortung für alle uns unbegreiflichen Vorkommnisse der letzten Jahre übernehmen. Dies verdient allergrößte Hochachtung und ehrt Sie in besonderem Maße. Aber Sie wollen, da sind wir sicher, so wie unser Verein dazu beitragen, dass das Theater nicht noch mehr Schaden nimmt. Und wenn ein Intendant, der wie Sie über viele Jahre für herausragende Leistungen des gesamten Ensembles gesorgt hat, beim Publikum beliebt und anerkannt ist, der Sänger zu besonderer Reife führte, der uns unvergessliche Inszenierungen bescherte, unsere Bühne verlassen will, fügen Sie dem bereits entstandenen Schaden einen weiteren hinzu. Deshalb appellieren wir an Sie, Ihren Schritt noch einmal zu überdenken.“

Unterschrieben haben den Brief die Mitglieder des Vorstands des Vereins der Freunde und Förderer des Staatstheaters Cottbus Rüdiger Albert, Mario Ewert, Annelore Heym, Marion Nowka, und Jörg Rohde.

Indes stehen auch noch viele Fragezeichen. Ein Intendant kann nicht einfach so zurücktreten. Der Vertrag mit dem Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) muss im gegenseitigen Einvernehmen gelöst werden. Deshalb ist am Donnerstag eine schnellstmögliche Stiftungsratssitzung vereinbart worden. Ein Termin steht noch aus, heißt es aus dem Ministerium.

Auch die Querelen schwelen weiter. Der in die Kritik geratene Generalmusikdirektor dementiert in einer E-Mail gegenüber der RUNDSCHAU: Er habe nicht eine Auszeit abgelehnt: „Vielmehr stimme ich mit einem Vorschlag von Frau Ministerin Martina Münch überein, es solle mit allen Beteiligten ergebnisoffen über alle Optionen zur Überwindung der aufgetauchten Missverständnisse und Streitigkeiten am Staatstheater Cottbus gesprochen werden. Ich habe hierzu stets meine Bereitschaft erklärt.“ Auf Nachfrage erklärte Ministeriumssprecher Stephan Breiding: „Dieser Vorschlag der Brandenburgischen Kulturministerin vom Montag ist vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse vom Tisch.“

In vielen Leserbriefen machen Musiker ihrem Unmut zum Führungsstil des Orchesterleiters Luft. Ernst Krausz, Orchestermusiker a.D. schreibt unter anderem: „Im Staatstheater brodelt es schon lange. Ich weiß, wovon ich schreibe. Schon vor einem Jahr hat das wiedererwachte Orchester die Entlassung des GMD gefordert. Der Intendant lehnt ab...Jedenfalls wäre es ein Skandal, wenn der Steuerzahler.. auch noch eine satte Abfindung zahlen müsste.“

Auch Matthias Eisenberg, 1980 hatte ihn Kurt Masur als 1. Organisten ans Gewandhaus Leipzig geholt – heute lebt er im Spreewald – schildert leidvolle Erfahrungen im Zusammenspiel mit Evan Christ.

Indes erhält der Generalmusikdirektor Rückendeckung von Alexander Knappe: „Mir blutet das Herz. Ich hatte die Ehre zehn! ausverkaufte Konzerte in fünf Jahren mit diesem großartigen Orchester, mit seinem tollen Opernchor, mit einem hochmotivierten Staatstheater zu spielen. ...“, schreibt er. „In diesen fünf Jahren und seinen etlichen Proben gab es nicht einen einzigen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, dass die Stimmung zwischen Evan Alexis Christ als GMD und seinem Orchester nicht stimmte“, so der populäre Cottbuser Sänger.

Knappe appelliert an alle Beteiligten: „Gebt euch eine Chance. Verzeiht, lernt daraus. Macht wieder Musik...Wo Menschen sind, sind auch Fehler, niemand ist perfekt. Cottbus, die Lausitz, die ganze Region braucht dieses Theater, mit all seinen Facetten, aber dieses Theater braucht auch einen Evan Alexis Christ, der gemeinsam mit seinem Orchester, gemeinsam mit dem Theater, das Staatstheater Cottbus wieder zurück auf die Landkarte der Kulturszene gebracht hat.“

Viele Menschen aber bewegt jetzt: besonders: Wie wird es nach dem Gewitter weitergehen an ihrem schönen Theater?