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In Cottbus war das DDR-Freikauf-Gefängnis

Dr. Andreas Apelt von der Deutschen Gesellschaft (links) moderierte das Gespräch zwischen Dieter Dombrowski, Ludwig Rehlinger und Matthias Katze (v.l.n.r.).
Dr. Andreas Apelt von der Deutschen Gesellschaft (links) moderierte das Gespräch zwischen Dieter Dombrowski, Ludwig Rehlinger und Matthias Katze (v.l.n.r.). FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Das Cottbuser Zuchthaus war das "Freikaufgefängnis" der DDR. Ein Großteil der freigekauften Häftlinge saß dort ein. Bei einer Podiumsdiskussion im zum Menschenrechtszentrum umgewidmeten Zuchthaus kamen am Dienstag in Cottbus Beteiligte und Betroffene des Geschäfts mit dem Tauschgut Mensch zu Wort. Nicole Nocon

Ludwig Rehlinger musste in Tausenden von Fällen Schicksal spielen. Als Staatssekretär im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen hat er als Verhandlungsführer der Bundesrepublik die Geschichte des Freikaufs von Beginn an begleitet. Er war es, der im engen Kontakt mit dem DDR-Anwalt Wolfgang Vogel den Tausch politischer Häftlinge gegen materielle Gegenleistungen für die westliche Seite koordinierte. "Als die DDR 1962 anbot, 1000 politische Häftlinge gegen eine Zahlung von 20 000 D-Mark pro Kopf freizulassen, war es meine Aufgabe, diese 1000 Personen auszuwählen", berichtete Rehlinger bei der Diskussion im Cottbuser Menschenrechtszentrum, in den Mauern des früheren Cottbuser Zuchthauses. Dieses gilt als das größte politische Gefängnis der DDR. Nur 20 Prozent der dort Inhaftierten waren Kriminelle. "Das Cottbuser Gefängnis war das Freikaufsgefängnis und damit das Devisenbringergefängnis der DDR", betonte Sylvia Wähling vom Vorstand des Vereins Menschenrechtszentrum Cottbus.

Aus den 1000 Häftlingen, die die DDR im ersten Durchlauf im Jahr 1962 freilassen wollte, wurden schließlich acht. Bis zum Ende der DDR im Jahr 1989 waren es laut Rehlinger 31 474 Häftlinge, die freigekauft wurden. Auch 2000 Kinder konnten gegen eine Gegenleistung des Westens ausreisen. Insgesamt sollen von 1962 bis 1989 Devisen und Waren im Wert von 3,5 Milliarden D-Mark von der Bundesrepublik an die DDR geflossen sein. Gezahlt wurde nur anfangs in bar, später verlangte die DDR neben Dünger, Stahl und Getreide auch Rohdiamanten - Waren, die sich auf dem Weltmarkt versilbern ließen. Der "Preis" für eine Freilassung steigerte sich über die Jahre von 20 000 auf mehr als 95 000 D- Mark. Zunächst wurden die Freigekauften in die DDR entlassen, erst später bedeutete der Freikauf die Ausreise in die BRD.

Wolf Biermann hat diese Praxis sarkastisch als den "Frischfleischverkauf im innerdeutschen Menschenhandel" tituliert. Einer der Häftlinge, die von diesem "Menschenhandel" profitierten und dem Cottbuser Gefängnis durch Freikauf entkamen, ist Dieter Dombrowski. Der heutige CDU-Fraktionschef im Potsdamer Landtag war bei dem Versuch, aus der DDR zu flüchten, verhaftet worden. 20 Monate hat er in Cottbus gesessen. Am Montag saß er neben Ludwig Rehlinger auf dem Podium. Mit Matthias Katze gehörte außerdem ein Cottbuser Ex-Häftling zur Gesprächsrunde, der vergeblich auf seinen Freikauf gehofft hat - wie er nach der Wende erfuhr, weil sein Schwager vom DDR-Regime als Geheimnisträger eingestuft worden war.

Aus dem Auditorium meldeten sich Ex-Häftlinge zu Wort. Einer sprach Ludwig Rehlinger im Namen aller Freigekauften seinen Dank für dessen Engagement aus.

Andere kritisierten den Freikauf, weil damit der Unrechtsstaat DDR gestützt worden sei. Die Gefängnisse seien auch deshalb mit politischen Häftlingen gefüllt worden, um sie gewinnbringend an den Westen zu verkaufen. Einer der Zeitzeugen erinnerte daran, dass es Häftlinge gab, die es aus moralischen und politischen Gründen ablehnten, sich freikaufen zu lassen.

Im Angesicht dieser unterschiedlichen Schicksale räumte Ludwig Rehlinger ein, dass es im Rückblick schwer zu beurteilen sei, ob es richtig war, sich auf das "unschöne Geschäft" mit der DDR einzulassen. "Es gab erhebliche Hemmungen und wir haben uns die Köpfe heiß diskutiert. Schließlich haben wir nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Immerhin hatte die Bundesrepublik nach dem Mauerbau versprochen, alles Erdenkliche zu tun, um den Schwestern und Brüdern in der DDR zu helfen", erklärte Ludwig Rehlinger.

Zum Thema:
2012 hat Bild-Chefredakteur Kai Diekmann das Buch "Freigekauft - der DDR-Menschenhandel" herausgegeben, in dem die Schicksale einzelner Häftlinge vorgestellt werden. Piper Verlag, 17,99 Euro. In dem 2011 erschienenen Buch "Freikauf: Die Geschäfte der DDR mit politisch Verfolgten 1963-1989" hat Ludwig Rehlinger seine Erinnerungen niedergeschrieben. Mitteldeutscher Verlag, 19,90 Euro.