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| 18:38 Uhr

Ministerium hat keine genauen Zahlen
Psychisch Beeinträchtige landen in Brandenburg oft auf der Straße

Ein Obdachloser in einer Parkanlage. Wie viele Wohnungslose es in Brandenburg gibt, wird nicht genau erhoben. Markus Adam von der Caritas sagt, erfahrungsgemäß landeten in Brandenburg oft Menschen mit psychischen Problemen auf der Straße.
Ein Obdachloser in einer Parkanlage. Wie viele Wohnungslose es in Brandenburg gibt, wird nicht genau erhoben. Markus Adam von der Caritas sagt, erfahrungsgemäß landeten in Brandenburg oft Menschen mit psychischen Problemen auf der Straße. FOTO: dpa / Paul Zinken
Potsdam. In Brandenburg gibt es Wohnungslosigkeit – doch wie groß das Problem ist, weiß niemand so genau. Von Benjamin Lassiwe

In Berlin war es schon am 1. Oktober so weit: Pünktlich zu Beginn der kalten Jahreszeit fuhren die Kältebusse wieder auf Tour, öffneten die Notübernachtungen und Wärmestuben. Denn in der Bundeshauptstadt leben nach Schätzungen von Hilfsorganisationen rund 6000 Menschen auf der Straße, darunter viele Wohnungslose aus den östlichen Mitgliedstaaten der EU. Aber wie sieht es eigentlich in Brandenburg aus?

Wie viele Menschen im Land kein Dach über dem Kopf haben, kann offenbar niemand genau sagen. „Dem Ministerium liegen keine belastbaren Zahlen vor, wie viele Menschen in Brandenburg auf der Straße leben“, sagt Gerlinde Krahnert. Die stellvertretende Regierungssprecherin ist derzeit kommissarisch auch im Potsdamer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie tätig. Denn die Verantwortung für die Wohnungslosen in Brandenburg liegt nicht beim Land, sondern bei den Kommunen.

Und eine einheitliche Statistik über Wohnungslosigkeit gibt es derzeit nur in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Wunsch, so etwas auch in Brandenburg einzuführen, war die CDU-Landtagsabgeordnete Roswitha Schier in den vergangenen Jahren mehrfach gescheitert. Bekannt sind nur Daten aus einzelnen Städten: So nutzten etwa in Cottbus im Winter 2017/2018 durchschnittlich 123 Menschen pro Monat die Notschlafstellen in der Stadt.

Der Städte- und Gemeindebund sieht die Kommunen im Land jedenfalls gut aufgestellt. „In einer Reihe von Gemeinden gibt es Programme, die schon einsetzen, bevor Menschen ihre Wohnung verlieren“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Städte- und Gemeindebundes, Monika Gordes. Meyenburg und Pritzwalk beispielsweise hätten gemeinsam die Arbeiterwohlfahrt mit dem Betreiben einer Unterkunft beauftragt.

„Im Allgemeinen ist Obdachlosigkeit im ländlichen Raum aber kein Problem“, sagt Gordes. „Es ist vor allem ein Problem der mittleren und größeren Städte.“ Ein Vorteil sei es, wenn die städtischen Wohnungsbaugesellschaften bei diesem Thema einbezogen sind: „Wenn man rechtzeitig merkt, dass da jemand seine Miete nicht mehr zahlen kann, kann man vorbeugen.“ So gibt es beispielsweise in der Stadt Cottbus bereits seit 1997 eine Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit. Sie kann nach Angaben der Stadt Unterbringung bei Zwangsräumungen und Obdachlosigkeit veranlassen.

Ähnlich sieht das der Regionalleiter des Caritas-Verbandes für die Diözese Görlitz, Markus Adam. Sein Hilfswerk ist vor allem in Senftenberg mit der Wohnungslosenhilfe befasst. „Durch unsere Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Cottbus oder Senftenberg können wir oft Zwangsräumungen verhindern“, sagt Adam. „Durch unsere Straffälligenhilfe können wir Menschen beistehen, die wieder lernen, selbstständig im Wohnraum zu leben, durch das Ambulant Betreute Wohnen können wir in der Eingliederungshilfe Menschen mit Beeinträchtigungen langfristig den Wohnraum absichern.“

Markus Adam von der Caritas.
Markus Adam von der Caritas. FOTO: Annett Sauder

Oft seien es aber Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Beeinträchtigungen, die in Brandenburg am Ende auf der Straße landeten. „Die Erfahrung der Kollegen sagt, dass das Thema Wohnungslosigkeit eher eine biografische Frage ist als vordergründig eine materielle“, sagt Adam. Trotzdem gebe es in Brandenburg auch Personenkreise, denen es immer schwerer falle, angemessenen Wohnraum zu finden und zu finanzieren. Ihnen droht – früher oder später – der Fall in ein Leben auf der Straße.