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| 19:19 Uhr

Wassertourismus im Fokus der Politik
„Zustand vieler Wasserstraßen ist katastrophal“

Das Wasserbecken der Schleuse Kummersdorf (Teltow-Fäming). Die anhaltenden verkürzten Öffnungszeiten der brandenburgischen Schleusen  lassen Tourismusverbände um die Zukunft des Wassertourismus bangen.
Das Wasserbecken der Schleuse Kummersdorf (Teltow-Fäming). Die anhaltenden verkürzten Öffnungszeiten der brandenburgischen Schleusen lassen Tourismusverbände um die Zukunft des Wassertourismus bangen. FOTO: ZB / Ralf Hirschberger
Berlin. Auf einer Tagung in Berlin diskutieren Landes- und Bundespolitiker über die Wasserstraßen und den Tourismus. Von Benjamin Lassiwe

  „Wer auf Brandenburgs Wasserstraßen am Abend unterwegs ist, der steht sehr sehr oft vor verschlossenen Schleusentoren, kurz vor 18 Uhr.“ Brandenburgs Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) wurde deutlich. „Eigentum verpflichtet, und die Bundeswasserstraßen sind nun einmal in der Verantwortung des Bundes“, sagte die Sozialdemokratin, die im Ehrenamt auch Präsidentin des Brandenburger Landestourismusverbandes ist.

Auf einer Konferenz des „Bündnis für Wasserstraßen“, zu dem sich die IHKs und Tourismusverbände aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammengeschlossen hatten, machten Landes- und Bundespolitiker gestern kräftig Druck. Denn seit die Bundesregierung vor einigen Jahren ihr Wasserstraßenkonzept vorgelegt hatte, werden die sogenannten Nebenwasserstraßen des Bundes systematisch vernachlässigt. Wo wie in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs keine Frachtschiffe, sondern vor allem Sport- und Charterboote unterwegs sind, finden seitdem kaum noch Investitionen statt. „Es funktioniert nur dann gut, wenn Bund, Land und Kommunen am Ende zusammenarbeiten“, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der Brandenburger SPD-Landtagsfraktion, Björn Lüttmann. „Es braucht auf allen politischen Ebenen einheitliche Ansprechpartner.“ Für Ostdeutschland sei der Wassertourismus eine besondere Chance.

Der Geschäftsführer des in Waren (Müritz) ansässigen Hausbootverleihers Kuhnle-Tours, Bernd Kuhnle, machte darauf aufmerksam, dass der Wassertourismus in Mecklenburg-Vorpommern für eine erhebliche Wertschöpfung stehe. Der Zustand vieler Wasserstraßen sei aber katastrophal: Wenn etwa die bei Fürstenberg (Kreis Oberhavel) gelegene Schleuse Steinhavel in dieser Saison kaputtgehe, sei die Müritz von Berlin aus nicht mehr auf dem Wasserweg erreichbar. „Die Schleuse ist vor 175 Jahren erbaut worden“, sagte Kuhnle. „Dass die baufällig ist, kann man sich vorstellen.“ Die tourismuspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Gabriele Hiller-Ohm, erklärte, bei den Wasserstraßen müsse man „den Blick von der Tonnage auf die Wirtschaftlichkeit wenden.“ Unzufrieden sei sie damit, dass es nicht gelungen sei, im Koalitionsvertrag einen eigenen Haushaltstitel für die Nebenwasserstraßen im Bundeshaushalt zu vereinbaren. „Der Schwerpunkt des Mitteleinsatzes liegt nach wie vor im Kernnetz des Güterverkehrs“. Bei den Nebenwasserstraßen gebe es deutschlandweit 120 Schleusen und zahlreiche Wehre, die erneuert werden müssten. Da wird man mit dem Geld nicht auskommen, sagte Hiller-Ohm. „Da brauchen wir mehr Lobbydruck.“

Ihr Fraktionskollege Matthias Stein, der einst selbst bei der Wasserbau- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes arbeitete, betonte, man stehe vor einer gewaltigen Herausforderung bei Management, Haushalt und Personal der Wasserstraßenverwaltung. Er wolle sich für ein Infrastrukturprogramm und für zügige Entscheidungen bei den Wasserstraßen einsetzen. Bundesweit sorge der Wassertourismus für mehr als 4,2 Milliarden Euro Umsatz. Mehr als 68 000 Menschen sind in der Branche beschäftigt - „und das ist eher konservativ geschätzt“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands, Dirk Dunkelberg. Man wünsche sich eine bessere Koordinierung der Bundesressorts für den Bereich Wassertourismus. Wichtig sei, dass die durchgängige Befahrbarkeit des Nebenwasserstraßen-Netzes nicht außer Acht gelassen werde. „Sanierungen von Schleusen und Wehren dulden keinen weiteren zeitlichen Aufschub.“