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| 01:38 Uhr

„Im Süden schlägt das industrielle Herz Brandenburgs“

Cottbus. Brandenburg war bundesweit lange als Land der gescheiterten Großprojekte bekannt. „Dieses Negativ-Image hat das Land inzwischen abgelegt“, sagt Steffen Kammradt. Für den Geschäftsführer der Zukunftsagentur (ZAB) ist Brandenburg längst in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Von Christian Taubert

Den Verweis auf die gescheiterten Großprojekte nimmt auch Ministerpräsident Matthias Platzeck immer wieder einmal auf. Aber nur, um darauf zu verweisen, dass zumindest die drei ganz großen Vorhaben heute ihre Nutzung gefunden haben und wirtschaftlich laufen. So ist der Lausitzring bei Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) verkauft. Die Veranstaltungen locken jährlich Zehntausende. Wo Luftschiffe gebaut werden sollten, ist in der einstigen Cargolifter-Halle bei Krausnick (Dahme-Spreewald) Europas größtes tropisches Badeparadies entstanden. Und die Halle der gescheiterten Chipfabrik in Frankfurt war die Initialzündung für die Solarproduktion in der Oderstadt.

Solarwachstum ungebremst

Chef-Wirtschaftsförderer Kammradt verweist im Redaktionsgespräch mit der RUNDSCHAU sogar darauf, dass in Frankfurt (Oder) in den Solarmodul-Unternehmen heute mehr Arbeitsplätze entstanden sind, als sie eine Chipfabrik je beherbergt hätte. In der Branche der regenerativen Energien sieht Kammradt ohnehin einen ungebremsten Wachstumsmarkt. "Wir stehen erst am Anfang, was die Bestückung von Dächern mit Solarmodulen betrifft." Hier müsse der Vorteil genutzt werden, dass keine zusätzliche Versiegelung von Flächen notwendig sei. Und auf die Anmerkung, dass hierzulande in nicht ferner Zukunft keine Solar- oder Windparks mehr ausgewiesen werden könnten, erwidert der Zukunftsagentur-Chef: "Die internationale Nachfrage steigt." Zudem würde an leistungsstärkeren Windrädern - auch bei Vestas in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) - gearbeitet. Entwicklungen von heute zwei bis zukünftig 7,5 Megawatt seien realistisch. Damit kämen neue Generationen von Windrädern auf den Markt, bestehende Windparks würden erneuert oder umgerüstet.

Dass die Lausitz von dieser Entwicklung abgehängt sein könnte, diesem Eindruck tritt Steffen Kammradt vehement entgegen. "In zehn Jahren Zukunftsagentur war 2010 ein besonders starkes Lausitz-Spreewald-Jahr", betont er und lässt Fakten sprechen. In den vier Süd-Landkreisen und Cottbus, in denen rund ein Viertel der Bevölkerung Brandenburgs lebt, seien im Vorjahr 30 Einzelprojekte von den Wirtschaftsförderern betreut worden. Dabei sind rund 900 neue Arbeitsplätze entstanden. Das ist ein Drittel des voraussichtlichen Ansiedlungsergebnisses der ZAB. "Natürlich", räumt Kammradt ein, "ist der nördliche Teil des Dahme-Spreewald-Kreises dabei besonders stark." Das, was sich um den neuen Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) entwickle, sei im ganzen Land Brandenburg spitze. Allein die drei Flugzeugwerften von Air Berlin, Germania und Lufthansatechnik würden mehr als 400 neue Arbeitsplätze in die Region bringen.

Kammradt spricht aber nicht nur aufgrund dieses wirtschaftlichen Mega-Impulses davon, dass "im Süden Brandenburgs das industrielle Herz des Landes schlägt". Neben der Energiewirtschaft in der Region denke er auch an Lauchhammer, Schwarzheide, Finsterwalde-Massen, Großräschen, Ortrand, Spremberg oder Tschernitz. Dort sei klassische Industrie angesiedelt. Hier und in manch anderen Orten in der Lausitz gebe es genügend Potenzial, um Standorte zu erweitern. Zudem sei es eine "goldrichtige Entscheidung" gewesen, dass sich die Keise Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz, Elbe-Elster und Dahme-Spreewald sowie die Stadt Cottbus zur Energieregion Lausitz-Spreewald zusammengeschlossen hätten.

TIP-Gelände mit Zukunft

Ausländische und auch überregionale Investoren wüssten damit sofort etwas anzufangen. "Wir helfen ihnen dann, konkrete Standorte oder Partner vor Ort zu finden", erklärt Kammradt. Dass Brandenburg ansiedlungswilligen Unternehmen ein gutes Umfeld bietet, hat das Land gerade mit der Auszeichnung "Europäische Exzellenz-Region 2011" durch die EU-Kommission bestätigt bekommen.

Der Wirtschaftsstandort Cottbus hat für die ZAB eine Besonderheit, was mit der Brandenburgischen Technischen Universität zusammenhänge. "Hier gibt es viele spannende Technologie-Projekte, die auf Praxisreife vorbereitet werden", erklärt Kammradt. Firmen, die bereits entstanden sind, würden immer mit hoher Qualität in Verbindung gebracht. Das werde auch so bleiben, ist sich der ZAB-Chef sicher.

Dass die Stadt den Technologie- und Industriepark (TIP) auf dem ehemaligen Flugplatz für Ansiedlungen fit gemacht habe, "das ist vorausschauende Politik". Kammradt macht auch deutlich, dass das TIP-Gelände aus Sicht der ZAB ein noch junges Areal für Investoren sei. Die Frage, ob es hier in absehbarer Zeit einen industriellen Leuchtturm geben könnte, beantwortet Kammradt mit dem Verweis auf Frankfurt (Oder): "Man braucht viel Geduld. Wer hätte an der Oder vor zehn Jahren mit einem solchen Solar-Boom gerechnet?"

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HintergrundIn zehn Jahren Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) wurden 6739 Arbeitsplätze geschaffen. Dabei wurden 185 Projekte betreut und zum Erfolg geführt. Insgesamt sind 465 Innovationsvorhaben realisiert worden.Die ZAB hat 84 Mitarbeiter. Ein Drittel davon wirkt in den Regionalcentern und am Standort Schönefeld.Die ZAB berät Unternehmen in Brandenburg unentgeltlich in allen Bereichen der Förderung und des Wissenstransfers. Es werden Kontakte zu relevanten Netzwerken und Zulieferern vermittelt sowie der Auftritt bei internationalen Messen unterstützt.Die Wirtschaftsförderer vermitteln Investoren kompetente Ansprechpartner. Sie suchen den wirtschaftlichsten Standort in Bezug auf Fachkräfte, Mieten oder Infrastruktur für das Unternehmen.