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Hunderte Minderjährige vermisst

Kinder verschwinden beim Spielen auf dem Spielplatz oder auf dem Weg zur Schule. Eine Tragödie für die ganze Familie. An ihr Schicksal erinnert der Internationale Tag der vermissten Kinder. Foto: Federico Gambarini/dpa
Kinder verschwinden beim Spielen auf dem Spielplatz oder auf dem Weg zur Schule. Eine Tragödie für die ganze Familie. An ihr Schicksal erinnert der Internationale Tag der vermissten Kinder. Foto: Federico Gambarini/dpa
Dresden/Berlin. Immer wieder werden Kinder und Jugendliche in Deutschland als vermisst gemeldet. "Die Zahlen sind immer nur eine Momentaufnahme, weil viele Fälle sich binnen kurzer Zeit klären", sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA), Tom Bernhardt, zum Tag der vermissten Kinder (25. Mai) in Dresden. Er wird in Deutschland und vielen anderen Ländern begangen. Simona Block und saskia Gerhardt

In Sachsen war Ende April der Verbleib von 63 Kindern sowie 233 Teenagern zwischen 14 und 18 Jahren ungeklärt. 226 von ihnen waren unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In Brandenburg werden derzeit 266 Mädchen und Jungen vermisst. Davon sind 240 zwischen 14 und 17 Jahren. "Die Zahl schwankt täglich", sagt Holger Nigrin von der Vermisstenstelle des LKA Brandenburg. Auch in der Mark zählen zahlreiche minderjährige Flüchtlinge zu den Vermissten.

41 Kinder, 46 Jugendliche - so viele Minderjährige gelten derzeit in Berlin als vermisst. 53 von ihnen verschwanden in diesem Jahr, andere dagegen schon vor Jahren, wie das Landeskriminalamt in der Hauptstadt mitteilte. In der Verbunddatei des Bundeskriminalamtes sind für Berlin derzeit auch 37 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als vermisst erfasst.

Meist tauchten die Verschwundenen nach kurzer Zeit wieder auf, nur wenige blieben jahrelang weg. Wenn sie in der Zwischenzeit volljährig werden, tauchen sie allerdings in der Statistik vermisster Kinder nicht mehr auf. So gebe es in Berlin derzeit neun Fälle, in denen Kinder oder Jugendliche verschwanden, die inzwischen volljährig seien. Fälle wie die 2006 verschwundene, damals 14-jährige Georgine Krüger oder die 2000 verschwundene, damals zwölfjährige Sandra Wißmann zählten daher nicht mehr zu den vermissten Minderjährigen, sagte ein LKA-Sprecher. Nach beiden wird aber bis heute öffentlich gefahndet. Ein Vermisstenfall bleibt in den Akten der Kriminalämter 30 Jahre lang aktuell.

Nach Angaben der Initiative "Vermisste Kinder" verschwinden jedes Jahr bundesweit rund 100 000 Minderjährige. "Etwa die Hälfte ist in der ersten Woche wohlbehalten wieder da, innerhalb eines Monats sind es 80 Prozent", berichtet Daniel Kroll von der Initiative. Nur etwa drei Prozent bleiben länger als ein Jahr verschwunden. "98 Prozent tauchen nach ein paar Tagen, Wochen oder Monaten wieder auf." Sie hätten ihr Zuhause selbstbestimmt verlassen - wegen Liebeskummer, schlechter Schulnoten oder Streit mit den Eltern.

Bei anderen Fällen sei unklar, was passiert ist. "Dahinter kann ein Verbrechen oder Unglück stecken", sagte Kroll. Wie in einem der spektakulärsten Fälle in Sachsen: Felix. Der fünf Monate alte Junge verschwand im Dezember 1984 aus seinem vor einem Dresdner Kaufhaus abgestellten Kinderwagen. Trotz aller Bemühungen seit DDR-Zeiten wurde er bisher nicht gefunden. 2015 wurde die Strafakte geschlossen, "Felix" läuft als Vermisstenfall weiter.

Bundesweit sind derzeit 1886 Kinder bis 13 Jahre und 7688 Jugendliche als vermisst erfasst. 175 Kinder und 1349 Jugendliche verschwanden allein im ersten Quartal 2017. Die Mehrheit der Vermissten, 939 Kinder und 6091 Jugendliche, sind unbegleitete Flüchtlinge. Mehr als 1000 gehören zu den sogenannten entzogenen Minderjährigen - ein Elternteil oder Angehöriger hat das Kind ohne Erlaubnis zu sich genommen.

Zum Thema:
Um der Kinder zu gedenken, die lange Zeit verschwunden bleiben, findet jährlich am 25. Mai der Tag der vermissten Kinder statt. Er wurde 1983 vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan ausgerufen, im Gedenken an einen sechsjährigen amerikanischen Jungen, der auf dem Schulweg spurlos verschwand. Inzwischen ist er für tot erklärt - seine Leiche wurde jedoch nie gefunden. Seit 2003 wird der Gedenktag auch in Deutschland begangen. Unter der europaweiten Telefonnummer 116000 erhalten betroffene Eltern und Familien, aber auch vermisste Kinder und Jugendliche Beratung und Hilfe. 24 Stunden am Tag, kostenlos aus allen Netzen in der EU.