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| 14:31 Uhr

Holocaust-Gedenktag
Der Geruch aus der Todesfabrik Auschwitz

Vor 73 Jahren ist mit dem Konzentrationslager Auschwitz die größte Todesfabrik der Nazis von den Sowjets befreit worden. Seit 22 Jahren begeht Deutschland am 27. Januar den Holocaust-Gedenktag.
Vor 73 Jahren ist mit dem Konzentrationslager Auschwitz die größte Todesfabrik der Nazis von den Sowjets befreit worden. Seit 22 Jahren begeht Deutschland am 27. Januar den Holocaust-Gedenktag. FOTO: Friso Gentsch / picture alliance / dpa
Cottbus . Adalbert Gloyna (82) aus Bärenklau ist unweit von Auschwitz aufgewachsen und sagt, die Gräueltaten der Nazis im Vernichtungslager sind bekannt gewesen. Von Christoph Arens, Silke Halpick und Kathleen Weser

Auschwitz ist der furchtbarste Name, den die deutsche Geschichte kennt. Denn er steht für die größte Todesfabrik der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Den Geruch der qualmenden Schornsteine der Verbrennungsöfen im Dauerbetrieb hat Adalbert Gloyna (82) aus Bärenklau (Spree-Neiße) noch in der Nase, wenn er – auch mit liebevollen Erinnerungen – an seine alte Heimat denkt.

Mit seiner Familie lebte er bis 1945 in Rybnik, heute eine Großstadt in Polen, etwa 40 Kilometer entfernt vom Konzentrationslager gelegen. „Wenn der Wind ungünstig stand, hat es aus Richtung Auschwitz nach verbranntem Fleisch gerochen“, erzählt er. Als Kind sei ihm damals erklärt worden, dass sei der Geruch „der bösen Menschen“. Und Adalbert Gloyna ist sich sicher, dass die meisten Deutschen bereits während der Zeit des Nationalsozialismus von den Gräueltaten gewusst haben. Nach dem verlorenen Krieg ist das geleugnet worden.

Die Familie verließ das Heimatdorf bei Auschwitz aus Angst vor den näher rückenden Truppen der Roten Armee. Die Flucht führte in Richtung Prag und weiter nach Görlitz. Gloyna erlebte den Bombenangriff auf Potsdam, bekam selbst einen Splitter ab. „Krieg ist immer Vernichtung“, sagt der 82-Jährige. Und er wehrt sich verhement dagegen, das in irgendeiner Weise nachträglich zu beschönigen. Er bedauert, dass viele der damaligen Augenzeugen sehr alt oder verstorben sind. „All das Leid und die Grausamkeiten dürfen nicht vergessen werden“, betont Adalbert Gloyna.

Adalbert Gloyna (82) aus Bärenklau.
Adalbert Gloyna (82) aus Bärenklau. FOTO: Silke Halpick

Anfang 1940 hatte der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in dem Städtchen Oswiecim ursprünglich ein Lager für polnische Widerstandskämpfer geplant. Doch der Ehrgeiz deutscher Industrieller trieb die SS dazu, aus den vor Ungeziefer strotzenden Kasernen eine Rüstungszentrale aufzubauen: Die IG Farben wollte ihre Kunstkautschuk-Produktion durch ein neues Buna-Werk erhöhen.

Für ein paar Reichsmark pro Tag wurden Häftlinge aus dem Konzentrationslager an die IG Farben vermietet. Fortan kamen immer mehr Gefangene: In das schon für 8000 Insassen viel zu enge Stammlager ließen Himmler und sein Lagerkommandant Rudolf Höß etwa 130 000 Häftlinge pferchen, später noch Birkenau für 100 000 Insassen errichten.

Zur Todesfabrik wurde Auschwitz endgültig ab Herbst 1941, als Hitler mit Blick auf den stockenden Russland-Feldzug und den absehbaren Kriegseintritt der USA immer neue Drohungen gegen Juden ausstieß. Ab Juli 1942 wurde die Selektion an der Rampe eingeführt. Die ahnungslosen Opfer sind direkt aus den Güterzügen in die Gaskammern gebracht und mit Zyklon B ermordet worden. Die nicht sofort für den Tod ausgewählten Häftlinge wurden durch Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen vernichtet. Nur wenige überlebten.

An das Schicksal, das Tausende der Deportierten in den Konzentrationslagern ereilt hat, wird auch in der Lausitz erinnert. Stolpersteine im Pflaster vor den Häusern, in denen die Opfer lebten, sind sichtbare Zeichen der Erinnerung. Wie die Steine für Max und Netty Dreier, die in Senftenberg lebten und dann in der Cottbuser Wallstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) eine Viehhandlung betrieben. Die Spur des Juden Max Dreier, der im April 1942 von Cottbus aus ins Warschauer Ghetto deportiert wurde, verliert sich hier. Seine Frau Netty ist im letzten Transport, der aus der Stadt in Richtung Theresienstadt rollte, gewesen. Am 19. Oktober 1944 wurde sie von dort mit 1493 Menschen nach Auschwitz gebracht. Nur 72 haben das Lager überlebt. Netty Dreier war nicht unter ihnen.

Auschwitz-Lagerkommandant Höß, der 1947 hingerichtet wurde, hatte rückblickend auf die Anweisung Himmlers, Auschwitz in eine Menschenvernichtungsmaschine zu verwandeln, geschrieben: „Wohl war dieser Befehl etwas Ungewöhnliches, Ungeheuerliches. (. . .) Doch die Begründung ließ mir diesen Vernichtungsvorgang richtig erscheinen. Ich stellte damals keine Überlegungen an – ich hatte den Befehl bekommen, und ich hatte ihn durchzuführen.“ Ähnlich verteidigten viele der zeitweise mehr als 4000 Männer und Frauen der Wachmannschaft aus den Reihen der SS ihre Beteiligung an den Gräueltaten.

In der Nachkriegszeit verdrängten die Deutschen das Geschehen. Selbst die fünf Frankfurter Ausch­witz-Prozesse in den 60er- und 70er-Jahren erfuhren in der Bevölkerung wenig Aufmerksamkeit.

In den vergangenen Jahren haben verfolgte Juden, die sich ins Ausland retten konnten, und Todesopfer des Holocaust in Senftenberg im Stadtbild einen Namen bekommen. Sieben weitere Stolpersteine sind zuletzt im November des Vorjahres neu verlegt worden.

Tammy Porat-Jacobi ist aus Israel angereist und zu Tränen gerührt angesichts junger Menschen, die die Schicksale von Lausitzer Juden erforschen und damit die Erinnerung wach halten. „Dank der Forschungsarbeit der wunderbaren Schüler der Bernhard-Kellermann-Oberschule“, sagt sie, wird auch mit der Geschichte ihrer Familie eine Erinnerungslücke geschlossen. Einen Holz-Kleiderbügel aus dem Geschäft des Großvaters hat sie noch.

Bis 1933 hatte Max Jacobowitz das Manufacturen-Geschäft am Markt 4 in Senftenberg geführt. Mit Ehefrau Lea Elisa, Tochter Charlotte und Sohn Günther gelang ihm die Flucht nach Palästina. Die Familie hat überlebt, weil sie schon in den 30er-Jahren in Senftenberg vom Nazi-Terror gegen jüdische Geschäfte betroffen war und das Land frühzeitig verließ. Millionen andere erwartete der Tod.

Mittlerweile bewerten Staatsanwälte und Gerichte die Rolle von KZ-Personal anders: Demnach hat sich schuldig gemacht, wer Teil der Tötungsmaschinerie war. Der Nachweis einer Beteiligung an einer konkreten Tat ist damit nicht mehr zwingend erforderlich.

Diese Rechtsauffassung ist im Fall des 2015 verurteilten Auschwitz-Buchhalters Oskar Gröning in einer historischen Entscheidung vom Bundesgerichtshof bestätigt worden. Vor zwei Jahren. Derzeit wird gegen weitere SS-Wachmänner ermittelt.