Die letzten fünf Meter stieg das Wasser innerhalb weniger Augenblicke. „Es war wirklich wie eine Welle“, sagt Paul Schumacher. Der Winzer konnte sich mit seiner Familie gerade gerade noch auf das Hausdach retten.
Seinen kleinen Betrieb hat die Flut zerstört. Im Weinkeller schwamm Treibgut, im Büro war alles voller Schlamm. „Mehr als 300 Tonnen von dem Zeug haben wir inzwischen herausgeholt, alles ohne Maschinen“, erzählt Schumacher. „Wie die meisten Winzer im Ahrtal haben wir keine Elementarversicherung. Wir sind auf Spenden und Hilfsgelder angewiesen, um die Betriebe wieder aufzubauen.“

Frankfurt (Oder)

Dass es weitergeht, daran lässt Paul Schumacher keine Zweifel. „Das bin ich schon den unzähligen Helfern hier vor Ort und den Spenderinnen und Spendern auch in Brandenburg schuldig“, sagt der 63-Jährige.

Ahrwinzer nach der Flutkatastrophe: Wir packen einfach an

Wenn er über aktuelle Herausforderungen spricht, klingt er genauso wie andere Ahrwinzer-Kollegen erstaunlich aufgeräumt und zuversichtlich. Darauf angesprochen, fängt Schumacher an zu lachen. „Das höre ich fast jeden Tag: ‚Wie seid ihr denn drauf?’ fragen Helfer, die von außerhalb kommen. Das ist halt unsere Mentalität. Wir sind Rheinländer. Über Dinge, die man nicht mehr ändern kann, regt man sich nicht auf, sondern packt einfach an.“
Während das Weingut von Paul Schumacher mit fünf Hektar Anbaufläche zu den kleinsten an der Ahr gehört, führt Peter Kriechel den größten privaten Betrieb hier mit knapp 30 Hektar Anbaufläche. Ein klassisches Ahr-Weingut, Hauptrebsorte ist der Spätburgunder, hinzu kommt der Frühburgunder, eine absolute Spezialität des Ahrtals.
„Auf unseren Flächen wird nachweislich seit 1555 Wein angebaut, wahrscheinlich ging es noch viel früher los“, erzählt der 38-Jährige. Auch mit  Blick auf diese Geschichte sei nach der Flutkatastrophe das Aufgeben keine Option gewesen.

Hochwasser-Katastrophe Ahrtal: Winzer müssen trotzdem Wein ernten

Ganz aktuell stehe man in einem Wettlauf mit der Zeit. „In drei bis vier Wochen müssen wir spätestens mit der Weinlese starten. Bis dahin müssen unsere Maschinen einsatzfähig sein, die wegen der Flut alle defekt sind“, berichtet Kriechel. „Im Moment sind wir außerdem auch nach fünf Wochen immer noch dabei, unseren Keller zu säubern.“
Auch dank der Hilfe anderer Winzer aus ganz Deutschland sei er für das gesamte Ahrtal zuversichtlich, dass die Ernte auf den noch vorhandenen Flächen eingebracht und der Wein notfalls bei Kollegen verarbeitet werden kann. „Die zu erwartenden Qualitäten sind bei uns super“, blickt Kriechel auf die diesjährige Weinlese voraus.
Aber die Schäden bei fast allen der rund 65 Ahrwinzer seien einfach gigantisch, insgesamt schätzungsweise ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag. Zehn Prozent der Anbaufläche seien wegen Flutschäden für die nächsten Jahre verloren und müssten wiederhergestellt werden. Auch das koste Geld. Sein Gut habe ein paar Flaschen und Fässer retten können, der Schaden insbesondere an Gebäuden und Maschinen liege bei mindestens vier Millionen Euro, erzählt Peter Kriechel. „Bei vielen anderen ist alles weg, sie stehen bei null.“

Ahrwinzer: Kommission soll für faire Verteilung von Spenden sorgen

Deshalb sei eine Kommission mit zehn Personen gebildet worden, die herumgeht und die Schäden beurteilt, um für eine faire Verteilung von Hilfsgeldern und Spenden zu sorgen. „Wenn wir uns an die Oderflut 1997 erinnern, wissen wir, welch eine Herausforderung es ist, Spendengelder gerecht zu verteilen“, betont Peter Kriechel, der auch Vorsitzender des Winzervereins Ahrwein ist. Es gelte, dort zu helfen, wo die Not am größten ist, auch sofort, wenn es Liquiditätsengpässe gibt. Gleichzeitig werde man Schnellschüsse vermeiden und das Geld gezielt ausgeben.
Denn die Flutschäden seien eine Belastung für viele Jahre, auch weil zum Beispiel angesichts zerstörter Lokale die Wein-Touristen zunächst fehlen werden, unterstreicht Kriechel. Über die Brandenburger Spendenaktion „Wir helfen“ die große Summe von 100.000 Euro zu erhalten, sei deshalb überwältigend. „Wir danken von ganzen Herzen und wissen gar nicht, wie wir das jemals zurückzahlen können“, sagt Peter Kriechel.
Mehr Nachrichten und Hintergründe zur Hochwasser-Katastrophe sowie zur Spendenaktion unter anderem der Lausitzer Rundschau und der Märkischen Oderzeitung finden Sie auf der Themenseite zur Spendenaktion „Wir helfen“ auf LR Online.