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| 18:59 Uhr

Potsdam
Hochkultur auf Kosten der Musiker?

Potsdam. Landtagsabgeordnete diskutieren über auskömmliche Löhne in Brandenburger Orchestern. Von Benjamin Lassiwe

Andreas Wenske ist Oboist. Zuweilen spielt er auch Orgel und Cembalo. Der Musiker ist nirgendwo fest angestellt, arbeitet freiberuflich. Bezahlt wird er für jedes einzelne Engagement. „Für ein zweitägiges Projekt, also drei Proben und ein Konzert, habe ich 210 Euro bekommen, inklusive Fahrtkosten“, schildert Wenske am Mittwoch im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Brandenburger Landtags eine seiner aktuellen Erfahrungen. „Für eine Probe habe ich aber über 100 Kilometer fahren müssen.“

Auf Initiative von SPD, Linken, Grünen und CDU diskutierte der Ausschuss am Mittwoch über einen Antrag, der sich für auskömmliche Löhne in Brandenburgs Orchestern einsetzt. So sollen sich öffentlich geförderte Orchester und Kulturprojekte bei der Bezahlung der Musiker künftig an den Mindeststandards der Deutschen Orchestervereinigung orientieren. „Das würde ein Honorar von 592 Euro vorsehen“, sagt Andreas Wenske.

Allerdings sieht der Antrag der Landtagsfraktionen auch Ausnahmen für Orchester vor, die gemeinnützig arbeiten – und Sonderregelungen für Aushilfen. Doch gemeinnützig arbeiten in Brandenburg viele Orchester. „Wenn wir eine Ausnahmeregelung für die Gemeinnützigen schaffen, haben wir nicht viel erreicht“, sagte die SPD-Kulturpolitikerin Ulrike Liedtke in der Anhörung. Sie setzt sich dafür ein, dass die Löhne der Musiker in den Zuwendungsbescheiden des Landes zur Auflage gemacht werden. „Jeder, der Geld vom Land bekommt, hat dann diese Auflage zu erfüllen.“

Doch für manche Orchester könnte auch das problematisch werden. Horst Hermann, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Uckermärkischen Kulturagentur, berichtete im Ausschuss in bemerkenswerter Offenheit davon, dass die fest angestellten Musiker des „Preußischen Kammerorchesters“ nur sechzig Prozent des Tarifgehalts erhalten. Anders wäre das Orchester gar nicht überlebensfähig. Das Orchester wird vom Landkreis Uckermark pro Jahr mit mehr als 500 000 Euro gefördert und erfüllt dafür zahlreiche Auftrittsverpflichtungen. Gastspielreisen führten es aber auch schon nach Dänemark, Pakistan, in die USA sowie zahlreiche weitere Länder. Und oft sind auch dort Aushilfsmusiker wie Andreas Wenske an Bord. „Wir zahlen für ein Konzert mit zwei Proben 230 bis 300 Euro“, sagte Hermann der RUNDSCHAU. Würde das Orchester verpflichtet, sich an den Mindeststandards der Deutschen Orchestervereinigung zu orientieren, würde das pro Jahr mindestens 50 000 Euro mehr kosten.

Auf eine andere Dimension machte Alexander Hollensteiner vom Interessenverband freier Orchester aufmerksam: Denn vielen freiberuflichen Musikern droht Altersarmut. Eine Umfrage in einem Orchester habe ergeben, dass die meisten Musiker mit Renten von gerade einmal 500 Euro zu rechnen hätten. Und das nach einer Berufsbiografie, die im Grunde schon mit dem Lernen eines Instruments im Kindesalter begonnen habe. Doch auch er sah die Folgen für die Klangkörper: „Die Honorarmindeststandards werden zu einer Erhöhung der Honorarausgaben führen“, sagte Hollensteiner. „Darauf muss die Projektförderung reagieren.“

Brandenburgs Kultusministerin Martina Münch (SPD) erinnerte im Ausschuss dann auch an die Finanzierbarkeit des Ganzen. „Wir haben im Haushalt nur enge Spielräume“, sagte Münch. Nicht alle Wünsche seien finanzierbar, und schon gar nicht sofort. „Die Kunst wird darin bestehen, das Thema moderat voranzutreiben, aber so, dass es den Künstlerinnen und Künstlern auch etwas nutzt.“