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| 18:43 Uhr

Kühlwasser für Kraftwerke
Hitze bringt Energiebranche ins Schwitzen

Kühltürme des Kraftwerkes Jänschwalde: Mit der langandauernden Hitze haben die drei Lausitzer Braunkohlekraftwerke keine Probleme. Ihr Kühltürme-Kreislaufsystem wird mit kühlem Grubenwasser gespeist, ehe es verdunstet.
Kühltürme des Kraftwerkes Jänschwalde: Mit der langandauernden Hitze haben die drei Lausitzer Braunkohlekraftwerke keine Probleme. Ihr Kühltürme-Kreislaufsystem wird mit kühlem Grubenwasser gespeist, ehe es verdunstet. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Kraftwerke im Westen gehen vom Netz, weil Kühlwasser zu warm ist. Lausitzer Kraftwerke liefern in der Hitze stabil Strom. Von Christian Taubert

Auf dem Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien scheint der Hitzesommer 2018 nicht nur hierzulande Fragen über Fragen aufzuwerfen. Vor dem Hintergrund des beschlossenen Atomausstiegs und des Drängens auf einen schnellstmöglichen Kohleausstieg kann zurzeit praxisnah studiert werden, wie eine lang anhaltende Hitzeperiode die Stromproduzenten ins Schwitzen bringt. Weil Kühlwasser zu warm ist, werden Kraftwerke sogar abgeschaltet.

Was dabei  paradox anmutet: Es sind die von Kohlegegnern besonders gescholtenen konventionellen Lausitzer Braunkohlekraftwerke, die sich zurzeit als stabile und flexible Energielieferanten erweisen. „Dieser Sommer macht deutlich, dass das Ende der Lausitzer Braunkohle mit Behutsamkeit abgesteckt werden sollte“, erklärt der Lausitzer Bundestagsabgeordnete Ulrich Freese. Mit Blick auf die Strukturkommission beim Bund verweist der SPD-Energieexperte darauf, dass die flexibel gefahrenen Blöcke in der Lausitz wesentlich zur Stromnetz- und Preisstabilität beitragen.

Und das, wo die Sonne knallt, wo es Solarstrom ohne Ende geben müsste. Doch der Schein trügt. Es lohnt, hinter Solarmodule zu schauen. Denn obwohl in Deutschland gut 44 Gigawatt Leistung installiert sind, liefern die Anlagen rund 24 bis 28 Gigawatt. Der Grund: Der Wirkungsgrad der Anlagen nimmt mit zunehmender Temperatur der Module ab. Und was die theoretische Höchstleistung von gut 58 Gigawatt aus Windkraftanlagen betrifft: Bei langanhaltenden Hochdruckwetterlagen komme der Wind an Land und auf dem Meer und damit auch die Stromproduktion nahezu zum Erliegen, erklärt ein Sprecher des  Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft.

In dieser Situation mehren sich die Meldungen, dass Betreiber von Atom- wie konventionellen Kraftwerken die Leistung der Anlagen drosseln oder die Werke ganz vom Netz nehmen müssen. Und dafür gibt es nur einen Grund: Das Kühlwasser ist zu warm. Dadurch herrsche am Strommarkt zwar Nervosität, wie „Tagesspiegel Background“ berichtet, es werde aber weiterhin deutlich mehr produziert als verbraucht. Dass dabei alle konventionellen Kraftwerke wiederholt in einen Topf geworfen werden, dagegen wehrt sich die Leag in der Lausitz. „Trotz der aktuell hohen Temperaturen gibt es keine Auswirkungen auf den Betrieb der Tagebaue und Kraftwerke der Leag“, erklärt Pressesprecherin Kathi Gerstner.

Beim Vor-Ort-Termin im Wasserwerk Schwarze Pumpe erläutern Leag-Experten, weshalb die drei Lausitzer Braunkohlenkraftwerke in Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe keine Kühlwasser-Probleme haben. Denn anders als bei Kraftwerken, die ihr Kühlwasser aus Flüssen entnehmen, nutzt die Leag das in den Lausitzer Tagebauen geförderte Grubenwasser zur Kühlung seiner Kraftwerke. Der Leiter Tagebauentwässerung Stephan Fisch macht deutlich, dass in jeder Sekunde 11,3 Kubikmeter Grubenwasser gehoben werden, damit die Förderstätten trocken sind. „Davon werden zehn Kubikmeter pro Sekunde in unseren Grubenwasserbehandlungsanlagen von Eisen befreit“, erklärt Fisch. Von diesem aufbereiteten Grubenwasser (zehn bis zwölf Grad) gehen rund fünf Kubikmeter pro Sekunde als Brauchwasser zur Kühlung an die Kraftwerke. Anders als die meisten Kernkraft- oder Steinkohlenkraftwerke im Westen verfügen die Braunkohlenkraftwerke über ein Umlaufkühlsystem mit Kühltürmen, bei dem das benötigte Kühlwasser mehrfach im Kreislauf verwendet wird. „Deshalb gibt es bei uns keine Einschränkungen in der Kraftswerksfahrweise“, erläutert der für Umweltschutz bei der Leag verantwortliche Bernd Wermelskirchen und fügt hinzu.  „Langanhaltend hohen Temperaturen haben keinen negativen Einfluss auf die Gewässer.“

Kernkraft- und Steinkohlenkraftwerke ohne Kühltürme entnehmen das durch die Hitze bereits erwärmte Wasser aus Oberflächengewässern und nutzen es in Form der Durchlaufkühlung. Nach der Nutzung geben sie es aufgewärmt wieder in die Gewässer zurück. Vor diesem Hintergrund war bereits Ende Juli Block 7 des Rheinhafendampfkraftwerks außer Betrieb gegangen. Als Grund führte ein EnBW-Sprecher „die erhöhten Wassertemperaturen des Rheins“ an. Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) sieht die gegenwärtige Grenzwertüberschreitung bei der Kühlwasser-Einleitung durch konventionelle Kraftwerke kritisch. Der Notfall werde mit der Klimaveränderung zum Normalfall, sagt sie und schlussfolgert: „Deshalb sind konventionelle Kraftwerke nicht zukunftsfähig.“

Dagegen verdeutlicht Stefan Vögele vom Institut für Energie- und Klimaforschung des Forschungszentrums Jülich den Unterschied zwischen Durchlauf- und Kühlturm-Kreislaufsystemen. Generell gelte, dass je besser die Kühlung, desto effizienter die Stromproduktion sei. Bei Durchlaufsystemen komme die  Faustregel zur Anwendung, dass pro erzeugter Kilowattstunde Strom 140 Liter Frischwasser benötigt werden. Bei Kühlturm-Kreislaufsystemen der Lausitzer Kohlekraftwerke seien es nur zwei Liter pro Kilowattstunde.