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| 12:36 Uhr

„Ab hier können Ihre Kinder alleine gehen.“
„Helikopter-Eltern“ machen Brandenburgs Pädagogen das Lebens schwer

Eine Mutter packt in einer Grundschule in Baden-Württemberg ihrer Tochter ein Buch in den Schulranzen, hinter einem Schild mit der Aufschrift „Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das alleine“. Auch in einigen Schulen in Brandenburg gibt es mittlerweile solche „Eltern-Stoppschilder“.
Eine Mutter packt in einer Grundschule in Baden-Württemberg ihrer Tochter ein Buch in den Schulranzen, hinter einem Schild mit der Aufschrift „Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das alleine“. Auch in einigen Schulen in Brandenburg gibt es mittlerweile solche „Eltern-Stoppschilder“. FOTO: dpa / Inga Kjer
Potsdam. Sie bringen ihre Kinder mit dem Auto bis vor die Schultür, klagen einen Platz an der Wunschschule ein oder streiten sich mit Lehrern über Unterrichtsmethoden: Auch in Brandenburg gibt es immer wieder Probleme mit sogenannten „Helikopter-Eltern“. Sehr zum Ärger der Pädagogen.

Auch in Brandenburg beobachten Pädagogen immer wieder übervorsichtige Eltern, die ihre Kinder bis in den Unterrichtsraum begleiten oder sich penetrant in die schulische Ausbildung ihrer Jüngsten einmischen. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergeben. „Am ehesten begegnet man diese Eltern vor Grundschulen, aber auch vor Förderschulen“, sagt Hartmut Stäker, Präsident des Brandenburgischen Pädagogenverbands. Diese sogenannten „Helikopter-Eltern“ würden mit ihrem Auto zum Beispiel so dicht wie möglich an das Schulgelände oder sogar an den Klassenraum heranfahren und Feuerwehrzufahrten zuparken.

Vereinzelt würden Schüler bis zur fünften Klasse täglich von einem Elternteil bis in den Klassenraum begleitet, berichtet Stäker. Dort packten die Eltern die Schulsachen für die erste Stunde aus und warteten im Klassenraum, bis der Lehrer kommt, um ihn noch über die aktuellen Befindlichkeiten des Kindes zu informieren. Der Verbandspräsident hat auch schon erlebt, dass ein Schüler bis zum Ende der zehnten Klasse täglich von einem Familienmitglied bis vor das Schultor gebracht und nach dem Unterricht dort wieder abgeholt wurde.

Dass Eltern mit ihren Autos Zufahrten zu Kitas oder Schulen blockieren, ist auch in Cottbus ein Thema, wie ein Stadtsprecher sagt. Deshalb würden „Eltern-Haltestellen“ ausgewiesen, die zum Aussteigen und Verabschieden genutzt werden könnten, aber zügig wieder verlassen werden sollten. „Es gibt teilweise auch Hinweise an den Hoftoren, dass die Kinder die Wege in die Klasse auch allein schaffen“, so der Sprecher.

Auch in Potsdam will man bei dem Problem so früh wie möglich gegensteuern. „Gemeinsam mit der Verkehrswacht führen wir meist zu Beginn des Schuljahres Aktionen vor Grundschulen durch, um die Eltern für die neue Situation zu sensibilisieren“, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. In einigen Schulen gebe es nach einer Anfangsphase auch Stoppschilder für Eltern, auf denen stehe: „Ab hier können Ihre Kinder alleine gehen.“ Es sei auch ein Lernprozess für Eltern, dass das Kind nun zur Schule geht und selbstständiger wird, erklärt der Sprecher.

Häufig bleibt es aber nicht nur dabei, dass die Eltern ihre Kinder bis ins Klassenzimmer begleiten. „Diese übervorsichtigen Eltern erschweren die pädagogische Arbeit, da sie viele Anforderungen, die die Lehrer an die Schüler stellen, als zu hoch einschätzen», sagt Hartmut Stäker. Eltern erledigten manchmal die Hausaufgaben für ihr Kind, widersprächen Lehrern oder zweifelten deren pädagogische Kompetenzen an. Das gehe bis hin zum Streit mit dem Lehrer und anderen Eltern.

„Die Eltern entschuldigen das Fehlen ihrer Kinder im Unterricht schon beim kleinsten Schnupfen“, sagt der Verbandspräsident. Ein anderes Phänomen bei „Helikopter-Eltern“ sei ihre Streitlust vor Gericht. So legten sie bei der Wahl und Zuordnung der weiterführenden Schule gern mal juristische Mittel ein, um ihr Kind doch noch auf die von ihnen gewünschte Schule zu bekommen. Nach Berichten seiner Kollegen haben solche und andere Fälle seit Ende der 90er Jahre zugenommen und sind seitdem zahlenmäßig auf dem gleichen Niveau geblieben. Soziale Unterschiede seien da nicht festzumachen. „Helikopter-Eltern“ kämen sowohl aus Hartz-IV-Haushalten als auch aus wohlsituierten Akademikerfamilien.

Übermäßige Vorsicht und Ehrgeiz der Eltern, ihren Jüngsten einen Lebensweg vorschreiben zu wollen, haben nach Ansicht Hartmut Stäkers häufig negative Auswirkungen auf das Kindeswohl. „Überbehütete Kinder sind oft die ‚besten’ Mobbingopfer für ihre Mitschüler“, sagt er. Denn sie seien es gewohnt, sich nicht wehren und sich auch nicht selbst durchsetzen zu müssen. Pädagogen reagierten auf die Eltern meist mit Beratungsgesprächen. „Mit viel Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse des Kindes kann man in diesem Gespräch einiges erreichen“, sagt Stäker. Wenn sich Eltern zu stark in die pädagogische Arbeit einmischen, sei auch die Zusammenarbeit mit Psychologen, Sozialarbeitern, Schulleitung und Kollegen oft hilfreich.