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Scheitern, Gelingen, zweite Chancen
Lausitzring, Tagebauseen, Badeparadies - Großprojekte im Osten

Die Rennstrecke Lausitzring am 17.07.2017 in Klettwitz (Brandenburg, Luftaufnahme mit einer Drohne). Großprojekte sind Aushängeschilder eines Bundeslandes. Nicht immer führen sie zum Erfolg. Andere werden es erst im zweiten Schritt.
Die Rennstrecke Lausitzring am 17.07.2017 in Klettwitz (Brandenburg, Luftaufnahme mit einer Drohne). Großprojekte sind Aushängeschilder eines Bundeslandes. Nicht immer führen sie zum Erfolg. Andere werden es erst im zweiten Schritt. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Klettwitz/Leipzig. Großprojekte sind Aushängeschilder eines Bundeslandes. Nicht immer führen sie zum Erfolg. Manchmal klappt es erst im zweiten Anlauf.

Großprojekte ziehen jede Menge Aufmerksamkeit auf sich - umso tragischer, wenn sie scheitern. Andere glücken erst im zweiten Anlauf. Und manche sehen heute ganz anders aus als bei ihrem Start. Der Erfolgsverlauf ist schwer vorauszusagen - einige Beispiele aus dem Osten.

KEINE FORMEL EINS, SONDERN TESTAREAL:

Als auf der Ex-Tagebaufläche eine Renn- und Teststrecke aus dem Boden gestampft wurde, hatten einige bestimmt schon Motorengeräusche von Formel-1-Wagen in den Ohren. Der Lausitzring war ein Prestigeprojekt für Brandenburg und eröffnete im Jahr 2000. 160 Millionen Euro kostete das Ganze, davon waren allein 120 Millionen Fördermittel des Landes. Eine echte Erfolgsgeschichte entwickelte sich aus der Idee, namhafte Rennen nach Klettwitz zu holen, nicht. Erstmal kam eine Insolvenz, dann kleckerte alles vor sich hin. Zuletzt hatte es dem Vernehmen nach ein einigermaßen solides Geschäft gegeben - hätte sich nicht der Sanierungsstau im Millionenbereich angedeutet.

Im Sommer wurde nach 17 Jahren ein Schlussstrich gezogen. Die Prüfgesellschaft Dekra, die bereits in der Nähe ein Testcenter betreibt, übernahm das mehr als 500 Hektar große Areal und will daraus eine Testfläche für automatisiertes Fahren machen. Land und Wirtschaft erhoffen sich davon einen Schub für die Region. Mit dem Motorsport könnte es an dem Standort weitergehen. Dekra will zwar nicht selbst Veranstalter sein, ist aber offen für Anfragen.

ERST MEHR BAUZEIT, DANN MEHR KOSTEN: CITY-TUNNEL LEIPZIG

Massenproteste wie gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 gab es rund um den Leipziger City-Tunnel zwar nicht. Trotzdem machte die geplante, rund vier Kilometer lange S-Bahn-Röhre zuerst vor allem Negativschlagzeilen. Die neue Nord-Süd-Achse unter der Messestadt sollte eigentlich 2009 fertig werden. Tatsächliche Eröffnung schließlich: im Dezember 2013. Die ursprünglich geplanten Kosten verdoppelten sich fast: von 572 Millionen auf knapp eine Milliarde Euro.

Heute ist vom einstigen Unmut nur noch wenig zu spüren. Vor allem das Umland jubelt über den City-Tunnel. Die Stadt Eilenburg 30 Kilometer nordöstlich von Leipzig nennt sich dank des Tunnels mittlerweile „das Beste an Leipzig“, wie ein Stadtsprecher sagt. Eilenburg verdanke der Röhre und dem zugehörigen neuen S-Bahn-Netz Mitteldeutschland ein Einwohnerplus. Der Halbstundentakt nach Leipzig habe zu „einer gewissen Aufbruchstimmung“ geführt. Die Wirtschaft werde durch mehr Pendler belebt, die Region wachse mit Leipzig zusammen.

Und auch Zahlen belegen, dass der Tunnel gut angenommen wird: Immer mehr Menschen steigen an den vier Stationen ein oder aus. Knapp 47 000 waren es nach Angaben des Zweckverbands für den Nahverkehrsraum Leipzig im vergangenen Jahr - rund 5500 mehr als 2014, dem Jahr nach der Eröffnung. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) dachte im Frühling sogar laut über einen zweiten City-Tunnel nach.

KEINE LUFTSCHIFFE, ABER PLANTSCHEN IN DER SÜDSEE:

Eine 108 Meter hohe Kuppel erhebt sich in der Weite Brandenburgs. Heute haben die Leute ihre Badesachen dabei, wenn sie die ehemalige Luftschiffhalle ansteuern. Eigentlich sollten in der immensen Halle südlich von Berlin Zeppeline für den Transport schwerer Lasten gebaut werden. Aber 2002 zerplatzte der Traum: Die Firma Cargolifter AG ging insolvent.

Als dann eine Geschäftsidee aus Asien kam, aus dem gescheiterten Großprojekt ein Ferienresort zu machen, griffen sich bestimmt viele an den Kopf. Heute gilt „Tropical Islands“ als Erfolg. Die Urlaubswelt wurde seit dem Start 2004 immer weiter ausgebaut. Es gibt unter anderem eine riesige Südsee-Imitation, Sandstrand, Flamingos und Vogelgezwitscher, Indoor-Regenwald, zahlreiche Rutschen - und Heißluftballons kreisen unter der Kuppel. Zuletzt wurde ein riesiger Außenbadebereich geschaffen. Die Bettenkapazität für Übernachtungsgäste soll weiter ausgebaut werden.

WENN DIE KOHLE WEG IST: TAGEBAUSEEN

Zerstörte Natur, Kohlestaub und lärmende Maschinen - der Braunkohleabbau in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier verlangte der Umwelt in den vergangenen Jahrzehnten vieles ab. Heute sieht es zumindest in den stillgelegten Kohlegebieten ganz anders aus.

Viele der Tagebaulöcher haben quasi ein zweites Leben begonnen - als Seen. Mehr als 30 der Löcher sind bis heute geflutet worden: im Süden Sachsen-Anhalts, im Nordosten Thüringens, in Südbrandenburg und vor allem im Nordwesten Sachsens. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die sich um die Folgen des Bergbaus aus früheren Zeiten kümmert, nennt zwölf der neuen Seen „touristische Destinationen“.

An ihren Ufern haben sich Segel- und Tauchschulen angesiedelt, das Highfield-Festival am Störmthaler See im Süden von Leipzig lockt jährlich Tausende Musik-Fans an, Immobilien mit Blick aufs Wasser buhlen um Käufer und Mieter. Auf einer Bergbau-Halde nördlich des Geiseltalsees in Sachsen-Anhalt wird heute Wein angebaut. Aus den von vielen so verhassten Tagebaulöcher sind Naherholungsgebiete geworden.

(Von Anna Ringle und Violetta Kuhn (dpa))