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| 18:39 Uhr

Giftnotruf für Berlin und Brandenburg
Großes Giftrisiko für kleine Kinder

 Ein Biss der Dornfingerspinne kann schmerzhaft sein, ist aber nicht lebensgefährlich.
Ein Biss der Dornfingerspinne kann schmerzhaft sein, ist aber nicht lebensgefährlich. FOTO: Shotterstock/Mirko Graul
Berlin. Der Giftnotruf der Charité ist zuständig für Berlin und Brandenburg. Dort werden Menschen bei Vergiftungen oder Vergiftungsverdacht 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr beraten. Von Frank Hilbert

Zu erreichen ist der Giftnotruf der Charité unter der Nummer 030 19240. Er ist für telefonische Notfallberatungen täglich rund um die Uhr erreichbar. Diese Beratungen sind für alle Krankenhäuser, Kliniken und sonstigen medizinischen Einrichtungen aus den Ländern Berlin und Brandenburg sowie Bürgerinnen und Bürger kostenlos, betont die stellvertretende Leiterin Friederike Wittchen auf Nachfrage.

„Leider können wir aufgrund einer Umstellung unseres Dokumentationssystems keine aktuellen Zahlen liefern“, bedauert die Chefin, verweist aber auf die letzte verfügbare Statistik aus dem Jahr 2017.

 Bisse von Kreuzottern spielen keine große Rolle in der Statistik des Giftnotrufes für Berlin und Brandenburg.
Bisse von Kreuzottern spielen keine große Rolle in der Statistik des Giftnotrufes für Berlin und Brandenburg. FOTO: Shutterstock/Marek Rybar

Mehr als 54 000 Anrufe im Jahr

Dort seien 54 202 Anrufe registriert worden, wovon 44,7 Prozent von Bürgerinnen und Bürgern sowie 48,2 Prozent aus Krankenhäusern kamen. In 13,4 Prozent der Anrufe sei es um Säuglinge gegangen, 36,5 Prozent betrafen Kleinkinder, je acht Prozent Schulkinder und Senioren, 35,7 Prozent Erwachsene und bei 0,9 Prozent der Anrufe waren Tiere betroffen, wobei die Mitarbeiter am Notruf-Telefon nicht ausgebildet sind für Tiervergiftungen. Daher ist der schnelle Weg zu einem Tierarzt die bessere Alternative.

Die meisten Anrufe aus Berlin

 Besonders häufig wird der Giftnotruf für Berlin und Brandenburg wegen Vergiftungen von Kindern mit Haushalts-Chemikalien gewählt.
Besonders häufig wird der Giftnotruf für Berlin und Brandenburg wegen Vergiftungen von Kindern mit Haushalts-Chemikalien gewählt. FOTO: Shutterstock/ Katerina Morozova

26,9 Prozent aller Anrufe seien aus Berlin gekommen, 7,7 Prozent aus Brandenburg. Die übrigen Anrufe kamen aus dem übrigen Bundesgebiet und zu 0,8 Prozent sogar aus dem Ausland. Zu erwähnen sei an dieser Stelle, dass der Giftnotruf für Anrufer außerhalb von Berlin und Brandenburg kostenpflichtig sei, informiert Friederike Wittchen.

Haushalts-Chemie und Suizid auf Platz eins

 Die Früchte der Eibe sind besonders für Kinder verlockend – aber giftig.
Die Früchte der Eibe sind besonders für Kinder verlockend – aber giftig. FOTO: Iva Vagnerova/shutterstock.com

Bei Kindern betreffen die Anrufe zu 81 Prozent Vergiftungsunfälle insbesondere mit Haushalts-Chemikalien, Pflanzen und Medikamenten. Bei Erwachsenen seien Suizidversuche (38 Prozent) der häufigste Grund, den Giftnotruf zu kontaktieren, gefolgt von Unfällen (18 Prozent), Nebenwirkungen (13 Prozent), acht Prozent Abusus (Medikamenten-issbrauch) und Fehldosierungen/Verwechslungen von Medikamenten (16 Prozent).

Bisse von Dornfingerspinne und Kreuzotter

In unseren Breitengraden gibt es lediglich die Kreuzotter als Giftschlange, für schmerzhafte Bisse bekannt ist zudem die Dornfingerspinne. „Uns erreichen regelmäßig, aber eher selten Anfragen zu Bissen durch Kreuzottern oder Dornfingerspinnen. Im Jahr 2017 waren es jeweils sieben Fälle. Bisse durch Dornfingerspinnen sind im Schweregrad mit einem Wespenstich vergleichbar und bedürfen in der Regel keiner besonderen Therapie. Kreuzotterbisse können sehr unterschiedlich verlaufen. Wir beraten die behandelnden Ärzte bezüglich der bestmöglichen Therapie und dem möglichen Einsatz des Antiserums“, sagt Friederike Wittchen.

Kleinkinder vergiften sich häufig mit Pflanzen

Die häufigsten Pflanzenvergiftungen würden Kleinkinder betreffen, die im Sommer bunte Beeren naschen. Besonders oft seien die Eibe, Kirschlorbeer, Maiglöckchen, Liguster, Stechpalme und Mahonie Auslöser von Vergiftungen. „Diese Expositionen verlaufen in der Regel ohne schwere Symptome“, weiß Friederike Wittchen. Regelmäßig gebe es am Giftnotruf-Telefon auch Anfragen zu bitteren Zucchini. „Hier liegt so gut wie nie eine ernsthafte Vergiftung vor.“

Am häufigsten seien Pilzaufnahmen durch Kleinkinder, die auf der Wiese in einen Pilz beißen. Betroffen sind hier Düngerlinge und Tintlinge. In der Pilzsaison komme es zu Verwechslungen und damit auch zu potenziell gefährlichen Vergiftungen mit Pantherpilzen oder Knollenblätterpilzen. Diese seien aber eher selten.

Kleinkinder und Haushalts-Chemie

Kleinkinder würden tatsächlich gern Handgeschirr-Spülmittel, Allzweckreiniger, Seife oder Duschgel „ausprobieren“. „Bei diesen Produkten stehen die Tenside im Vordergrund, die aufschäumen und dann potenziell in die Lunge geraten können. Hier gilt es das Schäumen durch einen geeigneten Entschäumer (Blähungstropfen oder Butter) zu verhindern. Gefährliche Haushalts-Chemikalien wie Rohrreiniger, Frostschutzmittel oder Babypuder erfordern ein sofortiges Handeln und eine gezielte Therapie“, betont Friederike Wittchen.

Richtiges Verhalten im Vergiftungs-Notfall

Wie sollte man sich im Fall einer möglichen Vergiftung verhalten? Hier die Empfehlung der Giftnotruf-Zentrale:

„Vor allem Ruhe bewahren. Versuchen Sie niemals den oder die Betroffene zum Erbrechen zu bringen! Geben Sie ein Glas wässrige Flüssigkeit ohne Kohlensäure z.B. stilles Wasser oder Tee. Milch ist nur in den seltensten Fällen als Erstmaßnahme geeignet.

Muss der Patient oder die Patientin auf den Rat des Giftnotrufs zum Arzt oder in ein Krankenhaus, nehmen Sie den Behälter oder die Flasche des Produkts, Tablettenpackungen etc. mit. Bei Pflanzen nehmen Sie möglichst einen ganzen Zweig mit. Bei Pilzen alle Reste oder auch gleichartige Pilze, die an gleicher Stelle wachsen. Alles Material, das weitere Auskunft geben könnte, um welchen Stoff es sich handelt, sollte immer zum Kinderarzt oder in die Klinik mitgenommen werden.“

Giftnotruf für Sachsen

Für die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gibt es ein gemeinsames Giftinformations­zentrum unter der Telefon-Nummer 0361 - 730730.