| 02:34 Uhr

Gewalt in Berliner U-Bahnhöfen vor Gericht

Ein schlafender Obdachloser wurde auf einer Bank im Kreuzberger U-Bahnhof Schönleinstraße angezündet.
Ein schlafender Obdachloser wurde auf einer Bank im Kreuzberger U-Bahnhof Schönleinstraße angezündet. FOTO: dpa
Berlin. Ein Obdachloser und eine arglose junge Frau – die Attacken auf beide in Berlin werden in Strafprozessen verhandelt. Die Taten hatten bundesweit Bestürzung ausgelöst. Ein Urteil soll heute fallen. Jutta Schütz

Gewalttaten in U-Bahnhöfen der Hauptstadt stehen in dieser Woche im Fokus des Berliner Landgerichts. Heute wird das Urteil gegen sechs Angeklagte erwartet, die einen schlafenden Obdachlosen auf einer Bank im Kreuzberger U-Bahnhof Schönleinstraße angezündet haben sollen. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen einen 28-Jährigen, der eine arglose Frau von hinten mit einem Tritt die Treppe im U-Bahnhof Hermannstraße hinuntergestürzt haben soll. Beide Taten hatten bundesweit Entsetzen ausgelöst. Bei der Aufklärung halfen Aufzeichnungen von Videokameras.

In dem Verfahren um die Feuerattacke gab es zuletzt eine überraschende Wende. Die Haftbefehle gegen fünf Verdächtige im Alter von 16 bis 19 Jahren wurden am Freitag aufgehoben, sie kamen trotz des laufenden Verfahrens auf freien Fuß. Nur der 21-jährige Hauptverdächtige blieb in Untersuchungshaft. Die sechs Flüchtlinge aus Syrien und Libyen sind wegen versuchten Mordes angeklagt. Überraschend deutete das Gericht jetzt an, dass auch eine Verurteilung wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung oder Beihilfe infrage komme. Diese Delikte sind aus juristischer Sicht nicht so schwerwiegend wie versuchter Mord.

Der Staatsanwalt hielt dagegen an seiner Anklage fest. Für den Hauptangeklagten forderte er eine Gefängnisstrafe von vier Jahren. Zwei 17- und 18-Jährige sollen nach seinem Willen eine Jugendstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten erhalten, ein weiterer 18-Jähriger aus Sicht des Anklägers zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt werden. Für zwei Angeklagte wurden wegen Beihilfe Bewährungsstrafen gefordert. Nur durch das Eingreifen von Fahrgästen konnte in der Weihnachtsnacht 2016 laut Staatsanwaltschaft Schlimmeres verhindert werden. Sie löschten die Flammen, der ahnungslose Mann aus Polen blieb unverletzt. Die Angeklagten hatten einen Tötungsversuch zurückgewiesen.

Der 21-Jährige gab zu, ein Taschentuch in Brand gesteckt zu haben, er habe den Mann aber "nur durch ein kleines Feuerchen aufschrecken wollen". Die Mitangeklagten erklärten, sie hätten mit der Tat des Mannes nichts zu tun. Am Dienstag sollen zunächst die Verteidiger plädieren. Danach will das Gericht nach bisheriger Planung das Urteil verkünden.

Der mutmaßliche Berliner U-Bahn-Treter ist wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Der 28-Jährige soll Ende Oktober 2016 eine arglose Passantin von hinten eine Treppe im U-Bahnhof Hermannstraße in Neukölln hinuntergetreten haben. Die 26-Jährige erlitt einen Armbruch und eine Platzwunde am Kopf. Die Frau ist laut Gericht Nebenklägerin in dem Prozess. Dem Angeklagten werden zudem exhibitionistische Handlungen in zwei Fällen vorgeworfen.

Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft. Er war zunächst untergetaucht und mit Haftbefehl gesucht worden. Während viele den Mann noch in seiner bulgarischen Heimat vermuteten, wurde er kurz vor Weihnachten in Berlin gefasst, als er auf dem Zentralen Omnibusbahnhof aus Südfrankreich ankam.