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| 19:37 Uhr

Lausitzer Retter in Not
Gewalt gegen Lausitzer Rettungskräfte nimmt zu

Die Retter kommen schnell zu Hilfe. Am Einsatzort sind sie immer öfter Repressalien ausgesetzt.
Die Retter kommen schnell zu Hilfe. Am Einsatzort sind sie immer öfter Repressalien ausgesetzt. FOTO: dpa / Marcel Kusch
Finsterwalde/Cottbus. Feuerwehrleute und Rettungskräfte werden auch in der Lausitz im Einsatz immer öfter tätlich angegriffen. Der Feuerwehrverband schlägt Alarm und fordert härtere Strafen. Von Josephine Japke

Die Mistgabel-Attacke eines Grundstücksbesitzers in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) gegen angerückte Löschkräfte macht Stadtbrandmeister René Wunderlich noch immer fassungslos. „In meinen 20 Jahren bei der Feuerwehr habe ich so etwas noch nicht erlebt“, bestätigt er.

 Die Leitstelle Lausitz hatte die Brandbekämpfer kürzlich zu dem gemeldeten Feuer gerufen. Ahnungslos sind sie von dem ordungswidrigen Müllbrand auf dem Grundstück gewesen, den der Eigentümer scheinbar selbst entfacht hatte. Zum Löschen kamen die Feuerwehrleute dem Mann offensichtlich höchst ungelegen. „Die Kameraden haben auf die Attacke nicht direkt reagiert, haben kehrt gemacht und die Polizei verständigt. Was anderes blieb uns da nicht übrig“, sagt der Stadtbrandmeister von Doberlug-Kirchhain. Und er bestätigt: Dreiste Vorfälle im Einsatz sind alles andere als selten.

Vor allem im Straßenverkehr, so sagt Wunderlich, häufen sie sich. „Da werden Kameraden mit dem Auto ganz langsam angefahren, weil sie die Straße blockieren“, schildert er. Absperrungen würden entfernt, weil die Umleitung Zeit kostet. „Von uns sind auch einige Videos im Netz zu finden, über die sich Leute in den Kommentarspalten über uns lustig machen, uns als dumm darstellen und kluge Ratschläge äußern“, sagt René Wunderlich, der ehrenamtlich bei der Feuerwehr ist – so wie etwa 4000 Feuerwehrleute im Landkreis Elbe-Elster.

Auch Andy Hoffmann, stellvertretender Stadtbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Finsterwalde, erzählt, dass sich verbale Attacken auf Rettungskräfte häufen. „Das Thema ist ganz eindeutig der mangelnde Respekt gegenüber unserer Arbeit, der Einsatzstelle, den Absperrungen und zum Teil auch den Opfern“, sagt er. Regelmäßig lenkten Autofahrer den Wagen durch Ölspuren und abgesperrte Bereiche, um keinen Umweg auf sich nehmen zu müssen. Auch Fußgänger und Radfahrer drängelten sich durch die handelnden Kameraden, behinderten sie und brächten sich dabei selbst in Gefahr. „Die Gaffer bleiben wenigstens hinter der Absperrung stehen“, sagt Andy Hoffmann zynisch. Körperliche Übergriffe auf die Kameraden seien selten. Dem Vize-Stadtbrandmeister der Sängerstadt lässt ein Erlebnis vor etwa drei Jahren aber trotzdem nicht los: „Damals wurde der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz in der Silvesternacht angezündet. Als die Kameraden eintrafen, wurden sie mit Feuerwerkskörpern aus der Menge beschossen“, erzählt Andy Hoffmann.

Jörg Specht, Leiter der Feuerwehr Cottbus, berichtet: „Bei einem Verkehrsunfall in Cottbus vor zwei Jahren wurde ein Kollege körperlich angegriffen, weitere Kollegen wurden massiv beschimpft.“ Der Täter habe eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren bekommen, ausgesetzt zur Bewährung. „Entschuldigt hat er sich bei dem Kameraden nicht. Aber Angriffe der Art sind sehr selten“, erklärt Jörg Specht. In den 30 Jahren seiner Arbeit als Feuerwehrmann hat er schon einige Attacken auf Einsatzkräfte erlebt. „Früher gab es so etwas fast gar nicht. Doch in den vergangenen Jahren ist das immer mehr geworden“, sagt er.

Vor allem Beschimpfungen am Telefon gehörten beinahe zum alltäglichen Geschäft in der Leitstelle Lausitz. Extreme Vorfälle bringen die Mitarbeiter inzwischen zur Anzeige - in der Hoffnung auf einen Lerneffekt. 30 bis 40 Anzeigen kommen im Jahr zusammen.

„In Schulungen lernen wir, wie wir in solchen Fällen reagieren sollen. Deeskalation ist die Devise“, erklärt Jörg Specht. Ein paar Schritte zurückgehen, dem Gegenüber Freiräume geben, behutsam auf ihn einreden – die meisten Menschen ließen sich dann beruhigen. „Erst wenn nichts mehr hilft, holen wir die Polizei“, betont er.

Beschimpfungen, Beleidigungen und respektloses Verhalten gehören inzwischen zum Berufsalltag der kommunalen Ordnungshüter. „Doch niemand von uns muss das hinnehmen. Strafrechtlich relevante Vorfälle werden sofort zur Anzeige gebracht“, sagt André Nickel, Ordnungsamtsleiter der Stadt Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz). Im Täter-Opfer-Ausgleich, bei dem sich beide Streitparteien abermals gegenüberstehen und das Gespräch suchen, werde das oft geklärt. „In den meisten Fällen entschuldigen sich die Täter dann und bekennen, sie könnten selbst nicht verstehen, wie sie so handeln konnten“, sagt er.

Die Gründe für die An- und Übergriffe auf Helfer sind unklar. Markus Weber, Ortswehrführer in Bad Liebenwerda (Elbe-Elster), glaubt: „Das hat weniger mit Respektlosigkeit, sondern vielmehr mit fehlendem Verständnis für unsere Arbeit zu tun.“ Die Menschen wüssten einfach nicht, was die Einsatzkräfte machten. „Sie verstehen technische und organisatorische Abläufe nicht und kennen auch den rechtlichen Rahmen nicht, in dem wir uns bewegen müssen“, versucht er das Verhalten der Pöbler zu erklären.

Dass der Deutsche Feuerwehrverband jetzt mit Nachdruck auf die Not der Rettungskräfte aufmerksam macht, ist richtig und notwendig, sagt Jörg Specht. Der Appell „Unsere Einsatzkräfte – unsere Sicherheit! Nein zur Gewalt gegen Feuerwehrangehörige“ richtet sich an Politiker, Medien und die Bevölkerung. „Wir setzen unser Leben aufs Spiel, um anderen ehrenamtlich zu helfen. Da wäre Unterstützung seitens der Bürger wünschenswert“, sagt Jörg Specht, der auch Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbandes Brandenburg ist. Er fordert: „Wer Einsatzkräfte angreift, muss mit einem harten Strafmaß rechnen und das muss von der Justiz konsequent durchgesetzt werden.“