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Geschichte hinter Cottbuser Gittern wird lebendig

Liedermacher Wolf Biermann (Mitte) besichtigt die Gedenkstätte vor seinem Benefizkonzert. Foto: Michael Helbig/mih1
Liedermacher Wolf Biermann (Mitte) besichtigt die Gedenkstätte vor seinem Benefizkonzert. Foto: Michael Helbig/mih1 FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Es sind diese Betten, die wohl die stärksten Erinnerungen bei den ehemaligen Häftlingen hervorrufen. Vierstöckig, bedrohlich und eng stehen sie in den Zellen des ehemaligen Hafthauses 1 in Cottbus. Seit Dienstag können sie in der Gedenkstätte Zuchthaus besichtigt werden. Andrea Hilscher

Es ist ein seltsamer Trupp, der sich da aufmacht, die Gedenkstätte Zuchthaus in Cottbus für sich zu erobern. Zwei oder drei Dutzend Männer, die meisten mit grauem oder weißem Haar. Einige von ihnen prominent, die meisten eher unbekannt. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie waren Gegner der DDR. Viele von ihnen haben lange Haftstrafen in Cottbus abgesessen, wegen versuchter Republikflucht oder "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung".

Einer von ihnen, der Schriftsteller Axel Reitel, wurde Anfang der 80er-Jahre zu 48 Monaten Haft verurteilt. Neugierig schaut er sich an, wie die ehemaligen Hafträume heute aussehen. Zellen, die Büros der "Erzieher", der Fernsehraum. "Hier durfte ich niemals rein, hier kamen nur die Braven hin", erinnert sich Reitel. Er selbst habe Glück gehabt. Noch als junger Mann wurde er freigekauft, konnte sich im Westen ein neues Leben aufbauen. Schwieriger war das für Häftlinge, die lange Zeit in Cottbus eingesessen haben. Hinter ihren Erzählungen von Prügel und Isolation, von Ohnmacht spürt man bis heute die Tiefe der erlittenen Verletzungen.

Einer, der auch anderes zu erzählen hat, ist der heutige Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn. Auch er war zur Eröffnung der Gedenkstätte angereist. Als er die Stufen zum Küchenkeller hinuntersteigt, bricht es aus ihm hervor: "Verrückt. Es ist völlig verrückt, aber an diesen Raum habe ich total gute Erinnerungen."

Er habe während seiner Haftzeit in Cottbus die Möglichkeit genutzt, sich an den Wochenenden zum Kartoffelschälen zu melden. "Dann wurden wir zusammen hier im Keller eingeschlossen, saßen im Kreis zusammen und konnten einfach reden."

Ein paar Etagen über dem Kartoffelkeller sind die ehemaligen Zellen zu besichtigen. Mit einer den jeweiligen Jahrzehnten angepassten Möblierung, mit vierstöckigen Etagenbetten, winzigen Waschbecken und je einer Toilette für 28 Häftlinge.

Im Erdgeschoss der Gedenkstätte sind derzeit fünf Sonderausstellungen zu besichtigen. Sie thematisieren den Alltag im Zuchthaus. Gewalt hinter Gittern, die Untersuchungshaft bei der DDR-Staatssicherheit, aber auch den Widerstand und Zwangsarbeit im Knast.

Prügel, Schlafentzug und Isolationshaft gehörten in den Gefängnissen der DDR zum Alltag, wie das Menschenrechtszentrum Cottbus berichtet. Das Zuchthaus Cottbus wurde in der NS-Zeit als Frauengefängnis genutzt. In der DDR waren hier im Lauf der Zeit mehr als 20 000 politische Gefangene inhaftiert. Im Herbst 2013 soll die Dauerausstellung in der Gedenkstätte fertiggestellt sein. Die Gedenkstätte ist dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, samstags und sonntags nur nach Vereinbarung.