Brandenburgs Wirtschaftsminister Gerber

„Industriearbeitsplätze – kein Tretbootverleih“

Albrecht Gerber (SPD), scheidender Wirtschaftsminister von Brandenburg. FOTO: dpa / Bernd Settnik

Cottbus/Potsdam. Brandenburgs scheidenden Wirtschaftsminister Albrecht Gerber über die Lausitzer Kohle, Chancen mit Berlin und einen Hühnergott vom Ostseestrand.

Albrecht Gerber sitzt wohl zum letzten Mal mit Journalisten am Beratungstisch in seinem Potsdamer Ministerbüro. Das Sakko hat er beiseite gelegt. Er gibt eines seiner letzten Interviews für LR und Märkische Oderzeitung. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Strandgut. „Vom Ostseestrand“, verweist er auf ganz unterschiedliche Steine und Holz. All das hat er bei seinen Wandertouren an den Stränden von Wismar bis Stralsund eingesammelt. Der Autor dieses Beitrages ist ihm einst selbst begegnet, mit Rucksack auf dem Rücken in Warnemünde. „Hier an der Ostsee kann ich ausspannen. Hier bekomme ich den Kopf frei“, hat er damals gesagt. Jetzt ist der SPD-Politiker nur noch bis zum 19. September Wirtschaftsminister. Aus familiären Gründen hat der SPD-Politiker seinen Rücktritt erklärt.

Während Albrecht Gerber in Potsdam Rede und Antwort steht, ist sein designierter Nachfolger, BTU-Präsident Professor Jörg Steinbach, mit Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) im Lausitzer Seenland unterwegs. Sie haben Journalisten dort gezeigt, wozu Bergbausanierung in der Kohleregion in der Lage ist. Die überraschende Personalie Steinbach kommentiert Gerber nicht. Aber er lässt durchblicken, dass er in diese mutige, auch riskante Entscheidung des Ministerpräsidenten einbezogen war. Das mag auch daran gelegen haben, dass der Potsdamer in den zurückliegenden gut zwei Jahren beinahe selbst ein Lausitzer geworden ist.

Kohleverstromung hat auch sein Ministerium herausgefordert. „Die Region ist schwer in Gang gekommen. Aber jetzt sind die Instrumente zur Gestaltung der Strukturentwicklung vorhanden“, resümiert er diesen Prozess in der Region. Er sagt im gleichen Atemzug aber auch: „Ich stehe zum Revierkonzept der Leag.“ Danach wird es den Energieträger Kohle bis Mitte der 2040er-Jahre geben. „Diese Zeit braucht die Region“, erläutert Gerber, „um den Wandel als Industrieregion zu schaffen.“ Es dürfe sich auf keinen Fall wiederholen, was Anfang der 1990er-Jahre passierte.

„Der Strukturbruch damals hat 90 Prozent der Bergleute den Job gekostet“, erinnert Gerber daran, dass die Kohle für die Lausitz dennoch eine überragende ökonomische Bedeutung habe, was inzwischen auch in der Strukturkommission beim Bund anerkannt wurde. „Auf jährlich 1,4 Milliarden Euro bei Löhnen und Aufträgen der Leag in die Region kann man nicht von heute auf morgen verzichten.“ Der Bergbau sei mit 8000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Lausitz. Zum Vergleich: Bei Arcelor Mittal in Eisenhüttenstadt arbeiten rund 3000 Menschen. An die Berliner Strukturkommission gerichtet, die bis zum Jahresende ein Kohle-Ausstiegsdatum benennen will, appelliert Gerber: „Wenn es um Ersatz für die Jobs in der Braunkohle geht, dann sprechen wir von Industriearbeitsplätzen, nicht vom Tretbootverleih.“ Denn der Wohlstand des Landes werde in erster Linie in der Industrie verdient.

Der Minister auf Abruf – übrigens IGBCE-Mitglied – kann zu diesem Thema abendfüllende Referate ohne Textvorlage halten. Immerhin: Die Lausitz ist das industrielle Herz Brandenburgs. Nicht nur Bergbau, sondern auch Chemie und metallverarbeitende Industrie dominieren. „Und Industrie braucht viel Energie. Zu bezahlbaren Preisen“, verweist Gerber darauf, dass Ansiedlungsentscheidungen heute immer öfter vom Strompreis abhängen. Dass etwa der Standort von First Solar in Frankfurt (Oder) für potenzielle, energieintensive Investoren bisher uninteressant geblieben sei, „liegt auch an den zu hohen Energiepreisen in Deutschland“. Bei der Umlage für erneuerbare Energien, die über den Strompreis erhoben wird, müsse der Bund umsteuern und sie aus dem Bundeshaushalt finanzieren. „Wir müssen zu sinkenden Energiepreisen kommen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, betont Gerber und mahnt eine Verkürzung von Planungs- und Genehmigungsverfahren an.

Wenn es um Wirtschaftswachstum geht, dann kommt Brandenburg nicht an Berlin vorbei. Den Wachstumsmotor der Hauptstadt gilt es vielmehr zu nutzen, „denn wir haben die Flächen, die in Berlin immer knapper werden“. Deshalb habe das Wirtschaftsministerium gerade rund um den Flughafen BER eine Gewerbeflächen-Untersuchung in Auftrag gegeben. Albrecht Gerber ist sich sicher, „dass der Boom um den Airport weitergehen wird“. Der Airport sorge für Gewerbeansiedlungen und Zuzug. Die Arbeitslosigkeit tendiere gegen null. Und es werde immer auch Fluglärmgegner geben. „Aber vom Boom wird nicht nur das unmittelbare Umfeld profitieren“, sagt der 51-Jährige. Das strahle auch in die Südregion des Landes aus. Städte wie Lübben würden sich zu Recht mit der Ausweisung von Wohnstandorten auf den Ansturm ins Umland vorbereiten.

Welches waren die schmerzhaftesten und glücklichsten Momente im Ministeramt? Albrecht Gerber antwortet ohne Bedenkzeit mit einem Ereignis, das beide Seiten abdeckt: Schon kurz nach Amtsantritt sei ihm der Beschluss der Deutschen Bahn zur Schließung des Bahnwerks in Eberswalde auf den Tisch geflattert. Da musste der Minister hin und ran. „Die Mitarbeiter haben uns zunächst ausgepfiffen und ausgebuht. Sie haben uns nicht geglaubt, dass wir um den Standort kämpfen werden“, erinnert sich Gerber. Schließlich gelang es, der Bahn statt der ersatzlosen Schließung zumindest den Verkauf abzuringen. Die Deutsche Eisenbahn Service AG, ein Mittelständler aus der Prignitz, hat das Werk mittlerweile übernommen. „Das sind Eisenbahner durch und durch. Und die können mittlerweile volle Auftragsbücher vorweisen“, freut sich Gerber.

„Es kommt nicht oft vor, dass Politiker Lob einfahren“, sagt der Mann, der Brandenburgs Landespolitik als SPD- und Fraktionssprecher, Abgeordnetenreferent, Staatssekretär und Staatskanzleichef mehr als 27 Jahre begleitet und beeinflusst hat. Aber ein Facebook-Eintrag der „Kämpfer für das Eisenbahnwerk Eberswalde“ hat ihn dann doch berührt.

Nicht nur diese Episode in seinem Politikerleben „habe ich mit heißem Herzen und offener Führungskultur bewältigt“. Das sei vielmehr zu einer Maxime für ihn geworden. „Ich habe versucht, Leute mit Klarheit zu überzeugen und auch zu sagen, was nicht geht.“ Jetzt aber kommt die Familie vor der Politik. Der Hühnergott inmitten des Strandgutes in seinem Büro gilt als Glücksbringer – jetzt hoffentlich auch für ihn und seine Familie.

Gerber, der oft in der Lausitz unterwegs war, plädiert im Interview mit der RUNDSCHAU für einen schrittweisen Ausstieg aus der Braunkohle und die Schaffung von gleichwertigen Ersatzarbeitsplätzen.

Teller mit dem Strandgut FOTO: LR / Christian Taubert