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| 03:00 Uhr

Ganz Deutschland ist Wolfserwartungsland

Wolfsexperte Markus Bathen (l.) und der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke, bei der Pressekonferenz.
Wolfsexperte Markus Bathen (l.) und der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke, bei der Pressekonferenz. FOTO: dpa
Berlin. Früher war das Wort Wolfserwartungsland eine Pointe für Kabarettisten. Ein gefundenes Fressen, um sich über den dünn besiedelten Osten lustig zu machen. Jetzt sagen Naturschützer: Ganz Deutschland ist Wolfserwartungsland. Und das ist kein Witz. Leszczynski

Sein Pfotenabdruck ist oft schon da - und bis zum Jahr 2030 werden Wolfsrudel in ganz Deutschland leben. So lautet die Prognose des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Was vor 15 Jahren in der Lausitz mit ein paar Welpen begann, klang damals noch wie im Märchen: Der Wolf ist da. Nun macht er immer weiter rüber in den Westen. Viel schneller als gedacht, heißt es in einer Bilanz des Nabu am Dienstag in Berlin.

Auch Naturschützer hätten es nicht für möglich gehalten, dass sich ein Wildtier so schnell aufmacht, ein ganzes Land zurückzuerobern. In nur zwei Jahren hat sich die deutsche Wolfspopulation zuletzt verdoppelt, und das könnte so weitergehen. 31 Rudel gibt es schon, die meisten noch in Ostdeutschland - aber nicht nur. Die Tiere breiten sich nach Norden und Westen aus, bis nach Dänemark und die Niederlande sind sie schon gekommen. 200 Rudel in Deutschland hält der Nabu in Zukunft für möglich.

Was im Osten aber fast normal ist, müssen Mensch und Wolf im Westen der Republik erst wieder lernen: ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben. Denn Wölfe wurden vor 150 Jahren durch die Jagd ausgerottet. Das Wissen über sie ist entweder verloren gegangen, wird romantisiert oder von Mythen und Märchen beherrscht. "Der Wolf ist weder ein Kuscheltier noch ein gnadenloser Räuber", sagt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke und ergänzt: "Bisher hat es in Deutschland noch keine Konflikte zwischen Mensch und Wolf gegeben." Für die Zukunft sei das aber nicht gänzlich auszuschließen.

Gerade knirscht es in Niedersachsen. Vergangene Woche streunte ein Wolf dort ohne erkennbare Scheu durch Wohngebiete. Das machte Schlagzeilen - von verunsicherten Anwohnern bis zu Jägern ließ der Wolf niemanden kalt. "In Sachsen wäre das so nicht passiert", sagt Markus Bathen, Leiter des ostdeutschen Nabu-Projektbüros Wolf in Spremberg (Spree-Neiße). "Da wäre viel früher aufgefallen, dass ein Wolf so nah an Menschen herangeht." Denn normalerweise sind die Tiere scheu. Bathen hat sie in 15 Jahren nur dreimal in freier Wildbahn gesehen - und jedes Mal schlugen sie einen großen Bogen um ihn.

Sachsen ist aus Sicht der Naturschützer Vorreiter eines vorbildlichen Wolfsmanagements. Die Tiere werden beobachtet und gezählt. Wenn ein Wolf Verhaltensauffälligkeiten zeigt, wird eingegriffen. Gibt es eine Futterquelle nahe Wohngebieten? Dann weg damit. Und falls das nichts hilft, haben auch Naturschützer im Einzelfall nichts gegen Gummigeschosse.

Ein solches Wolfsmonitoring und Management wünscht sich nicht nur der Nabu für ganz Deutschland. Auch der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) hat sich dafür ausgesprochen. Manche Jäger hätten dagegen lieber wieder eine Jagderlaubnis oder zumindest die Diskussion darüber.

Naturschutz ist in Deutschland Ländersache - samt Wolf. In Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen leben heute schon Rudel, an Landesgrenzen halten sie sich nicht. Auf 70 erwachsene Tiere schätzt der Nabu die Gesamtzahl der Wölfe in Deutschland. Jedes Rudel besteht aus etwa acht Tieren. Jungwölfe ziehen aus, um neue Familien zu gründen. Dabei laufen sie Hunderte von Kilometern.

Doch schon beim Schutz von Schafherden sind die Bestimmungen in den Bundesländern unterschiedlich. In Brandenburg müssen die Zäune 1,06 Meter hoch sein, in Sachsen 90 Zentimeter, berichtet Bathen. Dabei sei es wichtiger, dass unten am Zaun schwach Strom fließe. "Dann kriegt der Wolf im Zweifelsfall eins auf die Nase", ergänzt er. Elterntiere gäben diese Warnung an ihre Jungen weiter. In Sachsen seien auf diese Weise von 15 000 Schafen und Ziegen nur 0,3 Prozent vom Wolf gerissen worden.

"Der Wolf weiß nicht, dass Rehe erlaubt sind und Schafe verboten", sagt Bathen. Aber dass ein Zaun Schmerzen verursache, das lerne er schnell. Und auch der Mensch kann lernen, wie er sich bei seltenen Begegnungen mit Wölfen am besten verhält. Nicht füttern, nicht anfassen, nicht weglaufen. Und entweder zur Warnung in die Hände klatschen und mit den Armen winken - oder sich langsam zurückziehen.

Der Wolf kommt aber nicht nur von Osten. Aus Italien und der Schweiz wird er nach Einschätzung des Nabu bald auch von Süden dauerhaft wieder einwandern. Die einzigen Bundesländer, in denen es bisher noch keine Spuren gibt, sind ohnehin nur noch das Saarland und Baden-Württemberg - Stadtstaaten und Ballungsgebiete ausgenommen. Denn der Wolf liebt Wälder. Er könnte vom Tiefland aus zum Beispiel die Mittelgebirge erobern. "Es gibt viele Regionen in Deutschland in denen der Wolf leben kann", sagt Bathen.