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| 19:18 Uhr

Unfälle in der Lausitz
Folgenreiche Sensationslust: Wie Gaffer Rettungskräfte behindern

 Schutz vor Gaffern: Mit Stellwänden wollen Polizei und Feuerwehr allzu respektlose Neugierde verhindern.
Schutz vor Gaffern: Mit Stellwänden wollen Polizei und Feuerwehr allzu respektlose Neugierde verhindern. FOTO: dpa / Paul Zinken
Potsdam/Cottbus. Es war ein Himmelfahrtsausflug mit schrecklichem Ausgang. Gemeinsam mit einer Freundin war ein 64-jähriger Mann mit dem Rad unterwegs, als er plötzlich stürzte und bewusstlos liegen blieb. Zahlreiche Schaulustige behinderten die Rettungsarbeiten. Leider kein Einzelfall. Von Christina Wessel

Viele Menschen sind an diesem Himmelfahrtstag auf den Radwegen der Lausitz unterwegs. Zu ihnen gehört auch ein 64-Jähriger, der nach langer Zeit eine Schulfreundin trifft. In Nähe des Spreewalddorfs Leipe passiert es. Unvermittelt stürzt der 64-Jährige auf den Weg. Am Unfallort ist wenig Platz. Der asphaltierte Streckenabschnitt ist maximal zwei Meter breit und der Verletzte liegt quer auf dem Weg. Zu diesem Zeitpunkt erreichen zwei Zeugen gemeinsam mit ihren Freunden den Unfallort. Was sie an diesem Tag erleben, schockiert den 21-jährigen Studenten und seinen 27-jährigen Begleiter, der als Polizist häufig mit uneinsichtigen Bürgern zu tun hat, nachhaltig. Die heftigen Reaktionen der Passanten zählen zu den Gründen, warum sie nicht namentlich genannt werden möchten. Die Freunde sorgen dafür, dass die Rettungskräfte alarmiert werden. Den Verunglückten bringen sie in die stabile Seitenlage. Der 21-Jährige kann sich zwar genau an die Bilder erinnern, das Zeitgefühl aber scheint ihm in jenen Minuten des Schocks völlig abhanden gekommen zu sein. „Ich kann nicht exakt sagen, wie lange es gedauert hat, bis die Rettungskräfte kamen, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.“ Auf dem schmalen Weg bei Leipe haben die Einsatzfahrzeuge keinen Platz. Sie müssen an einer anderen Stelle, unweit der Brücke parken und den Rest zu Fuß gehen. Um den Sanitätern und Ärzten die Arbeit zu erleichtern, sichern die Freunde den Unfallort, der in schwer einsehbaren Kurve in Nähe der Brücke liegt, ab. Während die Rettungskräfte um das Leben des 64-Jährigen kämpfen, erfahren die beiden Helfer an den Absperrungen das Unverständnis und den Ärger zahlreicher Passanten. Auf die Bitte um Geduld erleben sie teilweise puren Egoismus. Ein älterer Mann beschwert sich mit den Worten: „Ich bin auf der Welt, damit ich meine Bedürfnisse befriedigen kann und nicht die der anderen Menschen“. Rund eine Stunden dauert der Einsatz in Leipe. In dieser Zeit drängen zahlreiche Menschen, die zum Großteil einen Ausflug ohne Termindruck in der Natur verbringen, auf eine schnelle Freigabe des Weges. Die beiden Studenten müssen die Wartenden immer wieder vertrösten und deren Groll ertragen. „Die Reaktionen waren einfach respektlos und je länger die Absperrung andauerte, desto dreister wurden die Versuche, sie zu überwinden.“ Jeweils rund 200 Menschen stehen zu diesem Zeitpunkt auf beiden Seiten der Absperrung. Aber nur wenige Passanten haben sich in dieser Situation für einen Alternativweg entschieden. Offenbar bleiben einige sogar vor Ort, um einen Blick auf den Unfallort zu erwischen.

Zur Erfassung einer Straftat durch Gaffer braucht es Personal

Ein Verhalten, das Werner-Siegwart Schippel kennt. Als Präsident des Landesfeuerwehrverbandes in Brandenburg beobachtet er den Trend zur Sensationslust mit Sorge. „Es kommt immer wieder vor, dass aus den vorbeifahrenden Autos gefilmt wird, während die Einsatzkräfte arbeiten. Und nicht selten passiert genau dadurch ein weiterer Unfall.“ Schippel plädiert deshalb für höhere Bußgelder. „In Deutschland fallen die Strafen für Gaffer zu niedrig aus. Das ist in anderen europäischen Ländern anders.“ Doch zur Erfassung und Beweisführung einer Straftat durch Gaffer auf den Straßen braucht es Personal, das fehlt. Nur selten fahren Polizeibeamte mit, die etwa das Gaffen als Ordnungswidrigkeit dokumentieren.

 Freie Fahrt für Retter: Die Rettungsgasse ist eine Voraussetzung für eine schnelle erste Hilfe und Absicherung am Unfallort.
Freie Fahrt für Retter: Die Rettungsgasse ist eine Voraussetzung für eine schnelle erste Hilfe und Absicherung am Unfallort. FOTO: dpa / Holger Hollemann

Der schnelle Weg zum Unfallopfer ist ohnehin sehr häufig versperrt, weil Fahrer auf der Autobahn oftmals nicht in der Lage sind, eine Rettungsgasse zu bilden. Schippel: „Viele fahren so dicht wie möglich auf das voraus fahrende Fahrzeug auf. Dann ist meist kein Platz mehr, um auf die Seite zu lenken“. Ein Grund, warum Mitglieder der Feuerwehr auch in diesem Jahr zum Aktionstag „Bei Stau: Rettungsgasse bilden“ im Juni an Raststätten und Autobahnen Parkscheiben mit einer Erklärung zum Prinzip der Rettungsgasse verteilen.

Gaffen verursacht zusätzliche Unfälle

Im Polizeipräsidium Brandenburg registriert man die Probleme der Beamten an Unfallorten ebenfalls mit Sorgen. Ein Pressesprecher: „Viele Menschen wissen nicht einmal, warum sie den Aufnahme-Knopf am Handy drücken und einfach filmen. Aber offenbar ist das eine Neugierde, die sehr verbreitet ist“. Mit der Technik sei die Motivation zum Gaffen deutlich gestiegen. „Wer jederzeit das Mobiltelefon in der Tasche griffbereit trägt, ist natürlich auch schnell in Versuchung, das Geschehen festzuhalten.“ Dass dieses Verhalten extrem gefährlich ist, ignorieren viele Fahrer. Zudem blockieren die Schaulustigen entweder durch das langsame Vorbeifahren oder das Halten auf dem Standstreifen den Rettungs-Verkehr. Mit Hilfe der Feuerwehr habe man deshalb immer häufiger Stellwände vor den Verletzten aufgebaut, um die Unfallopfer und Retter vor neugierigen Blicken zu schützen.

Retter registrieren eine „Verrohung der Gesellschaft“

 Auf einen Blick: So funktioniert die Rettungsgasse.
Auf einen Blick: So funktioniert die Rettungsgasse. FOTO: dpa

Andreas Berger-Winkler gehört ebenfalls zu den Menschen, die Leben retten. Eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit ist absolute Konzentration. Als Rettungssanitäter fokussiert er sich nur auf das Unfallopfer. Mittlerweile ist er nur noch gelegentlich im Einsatz. Als Regionalvorstand der Johanniter in Südbrandenburg kümmert er sich insbesondere um die Belange der Einsatzkräfte. Er bemerkt im Vergleich zu seiner aktiven Zeit als Rettungssanitäter heute eine „zunehmende Verrohung der Gesellschaft“. Das sei früher nicht so gewesen. „Die Hektik und Ungeduld gehört mittlerweile zum Alltag. Das befeuert auch die Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften.“ Glücklicherweise kommen körperliche Attacken extrem selten vor. „Meist beschweren sich Passanten oder Autofahrer, wenn sie auf ihrem Weg behindert werden. Aber wirklich ernste Auseinandersetzungen erleben wir in Südbrandenburg selten.“ Zudem arbeiten die Rettungssanitäter sehr geschützt. Feuerwehr und Polizei sorgen dafür, dass sie ohne Unterbrechungen und störungsfrei helfen können. Damit das so bleiben kann, plädiert Berger-Winkler für eine personelle Aufstockung der Polizei, die sich gesondert um Gaffer kümmern kann. Denn die personellen Probleme führen dazu, dass schaulustige Verkehrssünder nur sehr selten bestraft werden. „Dabei müssten hier deutlich höhere Geldstrafen ausgesprochen werden.“

Info Bußgeld Gaffer: Schaulustige, die die Rettungskräfte durch das Befahren oder Parken auf dem Seitenstreifen behindern zahlen 20, beziehungsweise 25 Euro Strafe.

Nicht erlaubt sind Aufnahmen von Unfallopfern, die der Aufnahme nicht widersprechen können. Dazu zählen bewusstlose, verletzte und unter Schock stehende Personen. Das reine Gaffen an der Unfallstellen kann mit einer Geldstrafe von bis zu 1.000 Euro oder mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe belegt werden. Der Tatbestand des Gaffens ist erfüllt, wenn "die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau gestellt wird".

Filmen im Vorbeifahren kann 100 Euro Strafe sowie einen Punkt in Flensburg nach sich ziehen. Allerdings wird dabei nicht das Gaffen bestraft, sondern die Handy-Nutzung am Steuer. Beifahrer können ohne Strafe filmen, solange sie nicht eine bewusstlose, verletzte oder in Schock befindliche Person im Bild haben. Genau genommen also gar nicht.

Wer bei Unfällen oder in Situationen, in denen andere in Not sind, keine Hilfe leistet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft.