Die kleine Familie wollte eigentlich zum Badesee, als Ursula B., ihr Mann und die Kinder über der Garage einen lauten Knall hörten. „Wir dachten, das hört sich ja ganz komisch an, wie ein Hubschrauber“, erzählt Ursula B. Dann waren in ein, zwei Kilometern Entfernung Rauchschwaden zu sehen. Schnell wurde klar: Es war ein Flugzeug. Abgestürzt.
Die heute 80-Jährige erinnert sich glasklar an jenen 14. August 1972, als die Iljuschin IL-62 der DDR-Gesellschaft Interflug fast auf ihren Heimatort Königs Wusterhausen südlich von Berlin gestürzt wäre. Ursula B. war Krankenschwester, sie wollte helfen, ihr Mann fuhr sie sofort in Richtung Unglücksstelle. Doch da war schon alles abgesperrt.
Die beiden drehten um, zur Klinik, wo Ursula B. arbeitete. Dort warteten sie stundenlang auf Verletzte. Alle saßen zusammen, Ärzte, Schwestern, Helfer. „Aber es kam niemand“, sagt Ursula B. „Es waren sofort alle tot.“

Probleme am Höhenruder – Passagiere auch aus Cottbus

Der Absturz des DDR-Ferienfliegers von Schönefeld in Richtung Burgas in Bulgarien vor nun 50 Jahren gilt bis heute als schlimmste Flugzeugkatastrophe auf deutschem Boden. 148 Passagiere – die meisten aus Cottbus, Dresden oder Berlin – und acht Crewmitglieder starben. Bis heute ranken sich Gerüchte um die Ursache, weil die DDR-Behörden ihre Erkenntnisse aus politischen Gründen unter Verschluss hielten.
Eine sowjetische Iljuschin 62 der DDR-Luftlinie Interflug (undatierte Aufnahme). Vor genau 50 Jahren stürzte südlich von Berlin ein solches Flugzeug mit 156 Menschen an Board ab.
Eine sowjetische Iljuschin 62 der DDR-Luftlinie Interflug (undatierte Aufnahme). Vor genau 50 Jahren stürzte südlich von Berlin ein solches Flugzeug mit 156 Menschen an Board ab.
© Foto: B1712 / Kurt Scholz
Zeitzeugin Ursula B. und Jörn Lehweß-Litzmann, damaliger Interflug-Ingenieur, stehen auf dem Wildauer Waldfriedhof vor dem Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972. Lehweß-Litzmann war Mitglied der Untersuchungskommission des Flugzeugunglücks. Ursula B. war Krankenschwester in der Klinik der Stadt.
Zeitzeugin Ursula B. und Jörn Lehweß-Litzmann, damaliger Interflug-Ingenieur, stehen auf dem Wildauer Waldfriedhof vor dem Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972. Lehweß-Litzmann war Mitglied der Untersuchungskommission des Flugzeugunglücks. Ursula B. war Krankenschwester in der Klinik der Stadt.
© Foto: Soeren Stache / dpa
Der Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972 auf dem Waldfriedhof in Wildau. Links neben dem Stein sind die nicht identifizierten Toten des Absturzes bestattet. Eine Iljuschin IL-62 der DDR-Gesellschaft Interflug war am 14. August 1972 kurz nach dem Start bei Königs Wusterhausen abgestürzt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
Der Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972 auf dem Waldfriedhof in Wildau. Links neben dem Stein sind die nicht identifizierten Toten des Absturzes bestattet. Eine Iljuschin IL-62 der DDR-Gesellschaft Interflug war am 14. August 1972 kurz nach dem Start bei Königs Wusterhausen abgestürzt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
© Foto: Soeren Stache / dpa
Wenige Tage später trauerte die DDR in einem Staatsakt und bettete 60 nicht mehr identifizierbare Opfer in einem gemeinsamen Grab zur Ruhe. Doch warum die Iljuschin in der Luft zerbarst, erfuhren auch die Angehörigen damals nicht – obwohl Fachleute das sehr schnell ermittelten. „Es kam nie was raus“, sagt Ursula B. „Die durften alle nichts sagen.“

Maschine kam nur bis Cottbus und kehrte um

Die Maschine war an diesem schwülwarmen Montag um 16.29 Uhr in Schönefeld gestartet. Sie kam nur bis Cottbus, bis die Besatzung Probleme am Höhenruder feststellte und umkehrte. Die IL-62 ließ Treibstoff ab, um leichter zu werden. Es half nichts. Das Heck brach ab, das Flugzeug kippte vornüber. Die Piloten funkten Mayday, aber die Menschen an Bord hatten keine Chance. Um 17 Uhr ging die Maschine auf dem Gelände des Wasserwerks Königs Wusterhausen nieder. Feuerwehr und Rettungskräfte fanden den brennenden Rumpf, Trümmer, Koffer, Leichenteile.
Der damals zwölfjährige Carsten Häusler war mit dem Rad unterwegs von seinen Großeltern in Zeesen zurück nach Hause in Königs Wusterhausen. Als er die Rauchwolke sah, fuhr der Junge in die Richtung. „Es war wahnsinnig schnell alles abgesperrt“, erzählt auch Häusler, der später selbst Flieger bei der Nationalen Volksarmee wurde und sich heute bei der Berliner Zeitzeugenbörse engagiert.
Mysteriöser Flugzeugabsturz bei Kemlitz Als vor 70 Jahren 13 Bomber vom Himmel fielen

Kemlitz

Untersuchungskommission zur Unglücksursache berufen

Er kam auf Schleichwegen doch noch recht nah an die Unglücksstelle, sah dort das Wrack. Leichen sah er nicht. Zwei Dinge sind ihm besonders in Erinnerung geblieben. Die ersten Schaulustigen vor Ort sollen Sachen aus verstreuten Koffern geklaut haben. „Das wurde schnell unterbunden, wer erwischt wurde, wurde zur Rechenschaft gezogen“, erzählt Häusler.
Sehr schnell vor Ort war auch Jörn Lehweß-Litzmann, und das ganz offiziell. Der damals 28 Jahre alte Interflug-Ingenieur war vor der Katastrophe mit der Einstellung der erst 1970 in DDR-Dienst genommenen Iljuschin befasst. Er wurde eines von 63 Mitgliedern der Untersuchungskommission zur Unglücksursache.
Klar war nach seinen Worten von Anfang an, dass ein Brand im Heck dem Flugzeug zum Verhängnis wurde. Doch warum brach er aus? Ein Anschlag oder der Flug durch die eigene Kerosinwolke seien rasch ausgeschlossen worden, schreibt Lehweß-Litzmann in einem Beitrag für den Heimatkalender Königs Wusterhausen von 2019.
Stattdessen kam die DDR-Kommission in wochenlangen Untersuchungen zu dem Schluss, dass durch eine undichte Heißluftleitung im Heck 300 Grad Celsius heiße Luft so lange auf einen Kabelbaum strömte, bis die Isolierung verkohlt war. Die Folgen: Kurzschluss, Funken, Entzündung von im Flugzeug verbautem Magnesium, das mit 2.000 Grad Celsius abbrannte, das Höhenruder zerstörte und schließlich das ganze Heck „abschweißte“.

Streit mit Sowjetunion über Unglücksursache sollte vermieden werden

Binnen drei Monaten „erfolgte die Abarbeitung aller aufgeworfenen Fragen“, schreibt Lehweß-Litzmann. Doch die sowjetischen Konstrukteure der Iljuschin bestätigten die Ergebnisse der DDR-Kollegen nicht – liefen sie doch auf Konstruktionsmängel hinaus. Der Leiter der Regierungskommission, Paul Wilpert, habe der Regierung empfohlen, den Streit mit den sowjetischen Genossen auf sich beruhen zu lassen und nichts mehr über die Unglücksursache zu sagen. Staats- und Parteichef Erich Honecker habe dies Ende 1973 persönlich abgesegnet.
Hinter den Kulissen wurden Schlüsse gezogen. Die Konstrukteure der Iljuschin übernahmen von den DDR-Kollegen empfohlene Änderungen an dem Modell, die Interflug kontrollierte das Heißluftsystem der sowjetischen Maschine fortan besonders genau. Die ganze Wahrheit der Verschlusssache aber kam erst nach dem Umbruch in der DDR ans Licht.

Il-62 – als Nachfolger der Tupolew gebaut

Die Iljuschin Il-62 war das erste mit Strahltriebwerken ausgestattete Langstrecken-Verkehrsflugzeug der Sowjetunion und als Nachfolger der Tupolew Tu-114 gebaut worden.
Erstflug der Il-62 war 1963; 1967 nahm die erste Maschine ihren Betrieb bei der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot auf. Insgesamt wurden 292 Maschinen gebaut.