Die Suche nach den Ursachen für das Fischsterben in der Oder muss aus Sicht von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) mit Hochdruck fortgesetzt werden. Zugleich zeigte er sich über eine verzögerte Weitergabe von Informationen aus Polen verärgert.
Woidke sagte am Sonntag am Rande der Verleihung des Kunstpreises in Neuhardenberg: „Wir müssen weiter intensiv dran arbeiten, aufzuklären, was genau passiert ist. Wir wissen bis heute nicht, um welche Stoffe es sich handelt.“ Die Aufklärung müsse gemeinsam mit den polnischen Behörden erfolgen. In Brandenburg sind laut Woidke für Montag Labor-Ergebnisse angekündigt.

Woidke verärgert über Polen

Zudem ärgere es ihn schon, „dass es so lange gedauert hat, bis Informationen vorlagen“, sagte Woidke. „Wir werden dieses dann auch mit der polnischen Seite kritisch ansprechen müssen.“ Jetzt gehe es aber zunächst darum, die Schäden zu verringern. Es sei wichtig, dass die toten Fische aus der Oder herauskommen, damit sie nicht eine weitere Gefahr darstellten, etwa auch für die Nahrungskette beispielsweise von Tieren, sagte Woidke.
Der Regierungschef dankte den vielen ehrenamtlichen Helfern für ihren Einsatz. „Die Oder ist der Lebensquell in der gesamten Region.“ Wie eng die Menschen mit der Oder verbunden seien, zeige sich auch daran, wie viele Ehrenamtliche sich gemeldet hätten. „Es waren Tausende“, sagte Woidke.
„Die Menschen wissen, dass die Oder ihre Lebensgrundlage ist und wir alle haben den Auftrag, diese Lebensgrundlage weiter zu sichern.“ Viele freiwillige Helfer waren in Brandenburg an den Ufern der Oder im Einsatz, um die toten Fische einzusammeln.

Kritik von Bundesumweltministerin Steffi Lemke

Nach breiter öffentlicher Kritik beraten Deutschland und Polen gemeinsam über die Aufklärung des massenhaften Fischsterbens in der Oder. In Stettin will Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) am Sonntagabend ihre polnische Amtskollegin treffen. Tagelang hatte es offen Kritik gegeben, Polen habe nicht rechtzeitig über das Fischsterben informiert und Meldeketten nicht eingehalten. Die Suche nach der Ursache dauert indes an. Am Montag werden in Brandenburg weitere Labor-Ergebnisse erwartet. Geprüft wird unter anderem, ob ein erhöhter Salzgehalt im Wasser im Zusammenhang mit dem Fischsterben steht.
Die polnische Regierung vermutete, dass womöglich eine riesige Menge an chemischen Abfällen in die Oder gekippt wurde. Zur Aufklärung des als Umweltkatastrophe bewerteten Fischsterbens setzte Polen eine Belohnung von mehr als 200.000 Euro aus. Bei den gemeinsamen Beratungen der Nachbarländer Polen und Deutschland wollten am Sonntagabend in Stettin auch die Landesumweltminister von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern dabei sein.

Menschen an der Ostsee in Sorge

Mittlerweile sind auch die Menschen an der Ostsee in Sorge. Dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zufolge sind bisher aber keine Fischkadaver im deutschen Teil des Stettiner Haffs entdeckt worden. „Bislang hat die Wasserschutzpolizei keine Kadaver gesichtet; auch Anwohner haben uns bislang nichts Derartiges gemeldet. Dennoch sind wir weiterhin in Alarmbereitschaft und beobachten die Situation vor Ort genauestens“, sagte Landesminister Till Backhaus (SPD) am Sonntag in Schwerin.
Im Oder-Grenzgebiet in Brandenburg sammelten am Wochenende Hunderte Helfer tote Tiere ein. Am Ufer in der Kleinstadt Lebus im Kreis Märkisch-Oderland breitete sich am Samstag durch die Verwesung unangenehmer Geruch aus, wie ein dpa-Reporter berichtete. Zu sehen war auch, wie Vögel mit toten Fischen wegflogen. Einsatzkräfte trugen Gummistiefel und Handschuhe, um sich vor direktem Kontakt mit dem Wasser und den Fischen zu schützen. „Ich rechne mit mehreren Tonnen Fisch, die wir rausholen“, sagte am Freitag Thomas Rubin für die Kreisverwaltung. Der Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), René Wilke, sagte, die Ufer der Oder im Stadtgebiet seien inzwischen weitgehend freigeräumt von toten Fischen.

Fischsterben als Umweltkatastrophe nie dagewesenen Ausmaßes

Die Bürgermeisterin von Schwedt an der Oder, Annekathrin Hoppe (SPD), bezeichnete das Fischsterben als Umweltkatastrophe nie dagewesenen Ausmaßes. Vertreter des Nationalparks Unteres Odertal befürchten, dass sich die Auswirkungen noch Jahre hinziehen könnten. Derweil forderte der Linke-Bundestagsabgeordnete Christian Görke, der Bund solle finanzielle Hilfe für betroffene Städte und Betriebe zusagen.
Bundesumweltministerin Lemke räumte bei der Aufklärung des Fischsterbens in der Oder anfängliche Probleme bei der Zusammenarbeit mit dem Nachbarland Polen ein. Sie habe nun eine bessere Koordinierung vereinbart, sagte die Grünen-Politikerin am Samstagabend bei einem Besuch in Frankfurt (Oder) nahe der Grenze. „Die Frage der deutsch-polnischen Zusammenarbeit hat an dieser Stelle ganz offensichtlich nicht funktioniert.“
Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) weist die Oder „sehr stark erhöhte Salzfrachten“ auf. Das sind im Wasser gelöste Salze. Dem Landesministerium zufolge könnte dies in Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. „Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat.“

Polnische Regierung sieht Quecksilber nicht als Ursache

Auch in Polen wiesen Analysen auf erhöhte Salzwerte im Wasser hin, wie Umweltministerin Anna Moskwa der Nachrichtenagentur PAP sagte. „Der hohe Salzgehalt der Oder hat möglicherweise andere giftige Stoffe im Wasser oder im Bodensediment aktiviert. Die toxikologische Untersuchung der Fische wird dazu beitragen, eventuelle Schadstoffe festzustellen, die zum Tod der Tiere beigetragen haben.“ Die polnische Regierung sieht das Schwermetall Quecksilber nicht als Ursache.
Bereits Ende Juni hatten polnische Behörden nach Regierungsangaben Hinweise, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben. Nun stehen Regierung und Behörden in der Kritik, Informationen nicht rechtzeitig weitergegeben zu haben. Am Freitagabend entließ Regierungschef Mateusz Morawiecki deshalb die Leiter der Wasserbehörde und der Umweltbehörde. Er selbst habe erst am Mittwoch von dem massiven Fischsterben erfahren.