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| 11:24 Uhr

Freitag in Neuzelle
„Feuer frei“ beim Landesböllertreffen

Laut dürfte es am Wochenende in Neuzelle beim Landesböllertreffen werden. Auf dem Foto schießt das Königlich Preußische Artilleriebataillon in der Festung in Senftenberg mit einer Kanone der Feldartillerie um 1750.
Laut dürfte es am Wochenende in Neuzelle beim Landesböllertreffen werden. Auf dem Foto schießt das Königlich Preußische Artilleriebataillon in der Festung in Senftenberg mit einer Kanone der Feldartillerie um 1750. FOTO: ZB / Bernd Settnik
Neuzelle. In Neuzelle wird es am nächsten Wochenende ohrenbetäubend laut. Auch wenn keine Kugeln durch die Gegend fliegen, böllern Dutzende nachgebaute Kanonen, was das Zeug hält. Die Gastgeber sind mit dem „Schwarzen Abt zu Neuzelle“ dabei. Von Jeanette Bederke

Wer ab Freitag, den 10. August, in Neuzelle (Oder-Spree) die barocke Klosteranlage besucht, sollte nicht schreckhaft sein. Denn drei Tage lang wird es dort richtig laut. Dafür sorgen 20 Kanonen, sechs Hand- und fünf Standböller. 17 Traditions- und Schieß-Vereine haben sich zum 8. Brandenburger Landesböllertreffen in Neuzelle angemeldet. „Μehr als 100 Dezibel schaffen wir locker“, sagt Jörg Fröhlich von der gastgebenden Neuzeller Schützengilde, die 40 Mitglieder hat.

Jörg und Uta Fröhlich, Organisatoren des Landesböllertreffen, in originalgetreuer historischer Uniform und Gewand von 1756.
Jörg und Uta Fröhlich, Organisatoren des Landesböllertreffen, in originalgetreuer historischer Uniform und Gewand von 1756. FOTO: ZB / Uta Fröhlich

Zumindest läuft niemand Gefahr, dass ihm dabei auch noch Kanonenkugeln um die Ohren fliegen. Denn beim Böllern, so erklärt der Neuzeller Kanonier, wird nicht scharf geschossen. „Da geht es um den Schall und die Lautstärke. Dazu wird die Kanone mit Schwarzpulver und Verdämmungsmaterial befüllt und gezündet.“

Die Kommandos lauten: „Wischen und krätzen“ zum Säubern des Rohres von Rückständen, „Setzt die Ladung“ zum Befüllen und Stopfen der Kanone sowie „Zündung setzen“, bei der die brennende Lunte auf die Zündpfanne trifft. Sie werden beim Landesböllertreffen häufig zu hören sein. Damit es trotz Trockenheit nicht brenzlig wird, steht die Feuerwehr bereit, Wasservorräte wurden angelegt.

Spätestens beim Salut, bei dem alle Kanonen gleichzeitig losdonnern, könnte es manch einem in den Ohren klingeln. „Das Ganze passt nicht unbedingt zum 750. Klosterjubiläum, das wir in diesem Jahr feiern. Aber es gehört halt zur Traditionspflege im Ort“, sagt Walter Ederer von der Stiftung Stift Neuzelle.

Historische Bezüge gebe es durchaus, entgegnet Peter Kaufmann, Hobbyhistoriker der Schützengilde Neuzelle. „Als das Kloster noch von Mönchen bewohnt und bewirtschaftet wurde, begleitete die Schützengilde die Fronleichnams-Prozessionen durch den Ort. Und sie hatte damals schon eine Kanone“, hat er in alten Dokumenten nachgelesen.

Für das Schießen mit Kanonenkugeln aus 100 oder 200 Metern Entfernung auf Zielscheiben gebe es separate Wettkämpfe, sagt Fröhlich. Diese werden auf Truppenübungsplätzen ausgetragen. „Wir verbinden Traditions- und Brauchtumspflege mit sportlichem Schießen“, bestätigt Volker Grabow, Präsident des Verbandes Deutscher Schwarzpulver Kanoniere (VDSK), der insgesamt 450 Mitglieder aus der Bundesrepublik, der Schweiz, Großbritannien und Norwegen vereint. Jedes Jahr im Juni würden die Europameisterschaften der leichten Feldartillerie ausgetragen – bereits seit zehn Jahren auf dem Bundeswehr-Übungsplatz in Sondershausen (Thüringen).

In der Neuzeller Schützengilde wird normalerweise mit Kleinkaliberwaffen geschossen, sogenannten Hinterladern. Die Kanone als Vertreter der Vorderlader und mit Kugeln des Kalibers 75 Millimeter befüllt, ist eine eigene Sparte. Fröhlich hat den preußischen Dreipfünder von 1756 vor drei Jahren maßstabsgetreu nachgebaut. Getauft hat er ihn „Schwarzer Abt zu Neuzelle“, in Anlehnung an das gleichnamige Schwarzbier aus der Neuzeller Klosterbrauerei.

„Ein Jahr lang habe ich daran gebaut“, erzählt er. Die beiden Räder stammen von einem alten Leiterwagen, die Lafettenschwänze fertigte ein Zimmerer aus Guben (Spree-Neiße). Und das Rohr der Kanone haben Bekannte im Arcelor-Stahlwerk Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) nach Fröhlichs Vorstellungen produziert.

Wenn der 53-jährige Techniker seine 800 Kilogramm Waffe manövrieren möchte, braucht er mehrere kräftige Männer. Zum Vergleich: Im Gefecht mit etlichen Stellungswechseln gehörten im 18. und 19. Jahrhundert acht Mann Besatzung zu einer solchen Kanone. Die Neuzeller schaffen es zu dritt. „Inzwischen ist sie schon gut eingeschossen, die Kugeln fliegen bis zu zwei Kilometer weit“, erzählt Fröhlich stolz.

Für seine Ehefrau Uta, verantwortlich fürs Organisatorische, hat dieses Hobby weniger mit „Kriegsspielereien“ als mit historischem Brauchtum zu tun. Und natürlich mit Sport. Sie selbst wirft sich bei Zusammenkünften mit Gleichgesinnten – wie dem Landesböllertreffen – stilecht in das extra angefertigte Kleid mit zahlreichen Unterröcken. Ihr Mann trägt die preußische Uniform.

Für den Ernstfall hat die 50-Jährige immer einen Gehörschutz griffbereit. „Das Schießen ist generell nicht so mein Ding. Ich schätze die Geselligkeit, das Zusammenleben in einem Biwak, den es für alle Beteiligten auch beim Landesböllertreffen geben wird“, erzählt sie.

Die Kanoniere verbinde das Interesse am geschichtlichen Hintergrund, sagt VDSK-Präsident Grabow. „Es gibt nichts Schöneres, als am Lagerfeuer zu fachsimpeln, beispielsweise darüber, wie man historische Geschütze am besten nachbaut.“