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Feines Essen aus Resten – Berliner Lokal rettet Lebensmittel

"Restlos-glücklich"-Mitgründerin Lena Becker bringt überschüssige Lebensmittel ins Restaurant.
"Restlos-glücklich"-Mitgründerin Lena Becker bringt überschüssige Lebensmittel ins Restaurant. FOTO: dpa
Berlin. Manchmal ist es nur eine kleine Delle, die einen Apfel oder eine Birne unverkäuflich macht. Der Berliner Verein "Restlos glücklich" will, dass Lebensmittel wieder wertgeschätzt werden. Im gleichnamigen Lokal wird fast nur vermeintliche Ausschussware verarbeitet. Anja Sokolow

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist fast abgelaufen, die Verpackung beschädigt oder Obst und Gemüse sind nicht mehr ganz makellos: Es gibt viele Gründe, warum Händler ihre Lebensmittel nicht mehr loswerden. In Berlin hat der Verein "Restlos glücklich" das gleichnamige Restaurant eröffnet, dass sich dieser vermeintlichen Ausschussware annimmt. In dem kleinen Lokal in einer ruhigen Neuköllner Seitenstraße werden fast ausschließlich gespendete Lebensmittel verarbeitet. "Wir wollen, dass Lebensmittel wieder wertgeschätzt werden", sagt Vereinsvorsitzende Leonie Beckmann.

Obst und Gemüse, Backwaren und Molkereiprodukte kommen beispielsweise von zwei Biomärkten, ein anderer Händler beliefert das Restaurant mit Schokolade aus Ecuador, bei der die Verpackung beschädigt ist. Auch Espresso und Wein sind Spenden. "Man findet fast alles, was man braucht", so Beckmann. Nur Dinge wie etwa Gewürze, Öl und Mehl kaufe das Restaurant zu.

"Kisten mit Ingwer und Avocado"

Weil sich aus kurzfristigen Spenden nicht langfristig Menüs planen lassen, steht Koch Daniel Roick an vier Tagen pro Woche immer wieder vor einer neuen Herausforderung. "Kistenweise Ingwer und Avocado waren bisher die größten Herausforderungen", sagt der Koch, der erst einmal überlegen musste, was man außer Ingwer-Tee und Guacamole noch machen kann. Seinen Gästen kredenzte er schließlich unter anderem gegrillte Avocados und Salate mit Ingwerdressing. Der 27 Jahre alte gebürtige Lausitzer hat bereits in gehobenen Restaurants und bei einem Fleischer gearbeitet.

Überraschung am Abend

"Die Speisekarte entwickeln wir immer erst im Lauf des Nachmittags", erklärt Leoni Beckmann. Was es am Abend gibt, sei immer eine Überraschung. In den vergangenen Tagen gab es etwa Teltower Rübchen in Apfeldressing, Rotweinschalotten, knusprige Sesambällchen auf Brotbasis mit Möhren-Ingwer-Soße und Radieschen-Birnen-Ragout oder Weißwein-Wirsing Suppe.

Drei festangestellte Mitarbeiter hat das Restaurant, die jeweils in Teilzeit arbeiten. Eine Gemeinschaft aus etwa 60 Helfern hält das das Lokal am Laufen. "Ob es sich langfristig trägt, können wir noch nicht sagen", sagt Beckmann fast zwei Monate nach der Eröffnung. Geld verdiene der Verein aber auch mit Workshops und Caterings. Die Einnahmen stecke das Team in Bildungsarbeit an Schulen, um Kindern zu zeigen, was sie gegen Lebensmittelverschwendung tun können.

Restaurants, die vor der Tonne gerettete Lebensmittel auf den Tisch bringen, gibt es auch in Kopenhagen und London. Das im Februar 2015 in Köln eröffnete Lokal "Grüne Liebe" wiederum hat nach nicht einmal einem halben Jahr bereits wieder geschlossen. Gründer Sascha Gröhl, auch Inhaber einer Produktionsfirma, erklärte, das Restaurant aus Zeitmangel verkauft zu haben.

Laut Bundesministerium für Ernährung werfen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel weg. "Unser Ziel ist es, die vermeidbaren Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2030 zu halbieren", heißt es vom Ministerium, das eine Informationskampagne gestartet hat. Minister Christian Schmidt (CSU) zeichnet zudem engagierte Vereine, Initiativen und Unternehmer regelmäßig beim Wettbewerb "Zu gut für die Tonne" aus. Allein 2016 gab es mehr als 230 Bewerber.

Günstige Essensboxen

Zu den wohl bekanntesten Lebensmittelrettern zählten in den vergangenen Jahren Menschen, die containerten, also nachts in Mülltonnen nach Verzehrbarem suchten. Das geht auch im Internet: Auf der Plattform "Foodsharing" etwa können Nutzer Essenskörbe anbieten, die Interessenten kostenlos abholen können.

Auch die Berliner Jon Frisk und Mai Goth retten Lebensmittel vor der Tonne - mit ihrer App "Too good to go". Die beiden bieten Bäckereien, Imbissen und Restaurants eine Plattform, auf der sie gegen Ladenschluss Essensboxen günstig abgeben können. Deutschlandweit seien bereits 150 Lokale gelistet, sagt Frisk. Der gebürtige Däne denkt über eine Kooperation mit "Restlos glücklich" nach. Essen war er dort schon: "Es war super."