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Polizeifahndung im Internet
Fahndungsfotos entwickeln Eigenleben im Internet

Ermittlungserfolge wie im Missbrauchsfall am Montag zeigen, dass eine Öffentlichkeitsfahndung via Facebbok und Co. eine starke Waffe der Polizei ist. Doch wer schützt das abgebildete Opfer?
Ermittlungserfolge wie im Missbrauchsfall am Montag zeigen, dass eine Öffentlichkeitsfahndung via Facebbok und Co. eine starke Waffe der Polizei ist. Doch wer schützt das abgebildete Opfer? FOTO: Fredrik von Erichsen / dpa
Berlin. Der Fall hat für Aufsehen gesorgt: Mit dem Foto eines missbrauchten Kindes hat die Polizei am Montag nach einem Kinderschänder gesucht – und ihn binnen Stunden gefunden. Doch jetzt beginnen die Probleme: Wie verschwindet das Bild des Mädchens wieder aus dem Internet? Brandenburgs Polizei hat da eine Idee. Von Bodo Baumert

Nur Stunden nach der Aufsehen erregenden Fahndung mit Fotos eines missbrauchten vierjährigen Mädchens haben die Ermittler am Montag Opfer und Täter identifiziert. Die Fahndung im Fall des schweren sexuellen Missbrauchs des zuvor unbekannten Kindes sei erfolgreich beendet, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am Montagabend über Facebook mit.

Auf dem gleichen Weg hatte das BKA am Montag die Bilder des Mädchens veröffentlicht, zudem auch über Pressemitteilungen, Twitter und andere Kanäle. Am nächsten Morgen folgte dann die Bitte, das Bild wieder zu löschen. Medien kamen dem auf ihren Internetseiten mehr oder weniger schnell nach. Auch die RUNDSCHAU hat das Foto ausgetauscht und entsprechende Facebook-Einträge geändert. Dennoch kursiert das Foto weiter in den sozialen Medien – und wirft damit die Frage nach Nutzen und Schaden einer solchen öffentlichen Fahndung aus.

Bisher war es der Polizei aus eben diesen Gründen untersagt, entsprechende Fahndungsbilder in Sozialen Medien zu veröffentlichen. Das hat sich geändert. Die Öffentlichkeitsfahndung via Facebook und Co. ist nun erlaubt – muss aber von Staatsanwaltschaft und Gericht explizit genehmigt werden. Konkret ist das Vorgehen m Paragraf 131 der Strafprozessordnung festgelegt. Dort heißt es, es muss ein dringender Tatverdacht bei einer „Straftat von erheblicher Bedeutung“ bestehen. Das ist bei Kindesmissbrauch gegeben.

Dennoch haben die Ermittler des BKA auch in diesem Fall lange überlegt. „Das ist wirklich der allerletzte Weg“, sagte eine BKA-Sprecherin am Dienstag. Auf den Filmaufnahmen des Missbrauchs waren keinerlei Hinweise auf Opfer und Täter zu finden, andere Fahndungsmethoden nicht Erfolg versprechend. Die Facebook-Fahndung hingegen erreicht sehr schnell viele Menschen. Was zu beweisen war.

Auch die Brandenburger Polizei hat den Tweet des BKA am Montag geteilt und sich so an der Verbreitung beteiligt – ohne Bild. Würde sie in einem solchen Fall auch so verfahren? „Derzeit nicht“, sagt Torsten Herbst, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Polizeipräsidium in Potsdam. Denn noch befindet sich das Social-Media-Team im Aufbau. Erst, wenn die volle Personalstärke von neun Mitarbeitern erreicht und eine Rund-um-die Uhr-Bereitschaft möglich sei, werde auch die Polizei in Brandenburg mit öffentlichen Fahndungen in die sozialen Medien gehen. Warum? Herbst verweist auf das Problem, dass es mit der Veröffentlichung ja nicht getan sei. Es müsse auch sichergestellt sein, dass Reaktionen im Netz, etwa über Facebook-Kommentare, auch gelesen und weitergegeben werden. Im Polizeipräsidium hat man deshalb auch bei der Fahndung nach Berlin-Attentäter Anis Amri nicht im eigenen Social-Media-Bereich reagiert. Ein nächtlicher Hinweis, der erst am nächsten Morgen bei Schichtbeginn entdeckt wird? Solche Pannen wollte man vermeiden.

Und wie will die Brandenburger Polizei künftig verhindern, dass ihre Fahndungsfotos ein Eigenleben im Netz entwickeln? Presse-Chef Herbst verweist auf Vorgaben, die der Datenschutzbeauftragte der Brandenburger Polizei mitgegeben hat. Aufgrund dieser Hinweise soll künftig so verfahren werden. Die Bilder werden in einem eigenen Container auf der Internetseite der Polizei abgelegt. Auf diesen wird dann aus allen sozialen Kanälen verwiesen. Soll das Foto gelöscht werden, wird der Container geschlossen und das Bild verschwindet aus dem Netz.