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| 13:30 Uhr

Wolfshybriden sorgen für heftige Debatte
Experten streiten über Halbwölfe in der Lausitz

Wenn der Wolf mit dem Hund ... Hybriden sorgen für Diskussionen.
Wenn der Wolf mit dem Hund ... Hybriden sorgen für Diskussionen. FOTO: Fotolia / fotolia
Weisswasser/Diehsa. Leben in der Lausitz reinrassige Wölfe oder Wolf-Hund-Mischlinge? Dieser Frage gehen Wissenschaftler, Biologen, Jäger und weitere Interessierte nach. Aus den Untersuchungsergebnissen werden allerdings unterschiedliche Schlüsse gezogen. Von Torsten Richter-Zippack und Frank Hilbert

Für Christian Lissina, den Vorsitzenden des Vereins Sicherheit und Artenschutz aus Bärwalde (Landkreis Görlitz), ist die Sache klar: Unter den Lausitzer Wölfen sind Mischlinge aus Wolf und Hund. Dass Halbwölfe oder Wolfshunde und Wolfshybriden (siehe Infokasten) aus Gründen des Artenschutzes aus der Natur entfernt werden sollten, gilt bei Wildbiologen als unbestritten. Tierschützer indes behaupten, die Mischlinge seien nicht gefährlicher als reinrassige Wölfe. Die geringe Scheu der Lausitzer Tiere vor der Zivilisation nährt den Verdacht, dass Hybriden weit verbreitet seien.

Im Frühjahr sei diese These durch Schädeluntersuchungen von Wölfen im Görlitzer Senckenberg-Museum für Naturkunde bestätigt worden, behauptet Lissina. „Ende April wurden für uns dort rund 70 Wolfsschädel bereitgehalten. Denn eine 100-prozentige Methode zur Erkennung von Wolf-Hund-Mischlingen ist die Schädelanalyse“, erklärt der Großdubrauer (Landkreis Bautzen). Bislang habe der Verein mehrfach eine solche Untersuchung bei der sächsischen Landesregierung beantragt. Diese sei aber immer abgelehnt worden. Durch die Unterstützung von Landtagsmitglied Andreas Heinz (CDU) wurde die Schädelanalyse dann doch ermöglicht.

Aus den rund 70 Wolfsschädeln hatten die im Ehrenamt tätigen Protagonisten sechs Exemplare nach territorialer Herkunft ausgesucht. „Alle sechs weisen Wolfs- und Hundemerkmale auf und sind somit als Mischlinge einzustufen“, sagt Christian Lissina. Zwischen 30 bis 54 Prozent der untersuchten Merkmale gelten als typisch für Hunde. „Die sechs Schädel müssen demnach zweifelsfrei als Hybride eingestuft werden“, resümiert Lissina. Zur Überprüfung der Analysen wurden die Fotos der untersuchten Schädel sowie die Ergebnisse von mehreren Sachverständigen in Finnland und Kanada vorgelegt, die inzwischen die Ergebnisse bestätigt hätten.

Bereits seit dem Jahr 2004 befasst sich der Verein Sicherheit und Artenschutz mit der Wiederansiedlung der Wölfe in Sachsen und insbesondere mit wissenschaftlichen Untersuchungen der deutschen Populationen. Bereits bei einem im Jahr 2007 durch den Verein organisierten Symposium hätten Sachverständige darauf hingewiesen, dass die damals veröffentlichten Fotos keine reinrassigen europäischen Grauwölfe zeigen.

Prof. Hermann Ansorge, Kurator des Görlitzer Senckenberg-Museums, forscht seit rund 30 Jahren an Säugetierschädeln. „An den Schädeln ist zu erkennen, ob es sich um Wolf oder Hund handelt“, erklärt auch der Wissenschaftler. Seine Einrichtung sei durchaus offen für die Belange von Hobbyforschern. Ansorge bestätigt die Untersuchung des Vereins Sicherheit und Artenschutz. „Allerdings haben die daran beteiligten Protagonisten die Veröffentlichung der Ergebnisse mit mir nicht abgestimmt. Das ist ein grober Vertrauensbruch“, kommentiert Hermann Ansorge. Es handele sich bei den Teilnehmern der Schädelanalyse vom 27. April um keine Wissenschaftler.

Stattdessen sorgten diese Leute nur für Unruhe. „Wir haben die Schädel selbst untersucht“, erzählt Ansorge weiter. Herausgekommen sei, dass es sich um Wölfe handele. Lediglich ein Mischling konnte identifiziert werden. Dies sei ein Hybrid aus dem Neustädter Rudel. Bereits 2003 hatte sich die damalige Neustädter Wölfin mit einem Hund verpaart und Wolf-Hund-Mischlinge zur Welt gebracht. Anfang 2004 wurden nach Informationen des Kontaktbüros Wölfe in Sachsen zwei der vier Welpen eingefangen und nach Bayern verbracht, die dort verstarben. Der Verbleib der beiden weiteren Hybriden ist indes unklar. Allerdings konnten deren Merkmale in der verbliebenen Lausitzer Wolfspopulation nicht mehr nachgewiesen werden.

Heute sagen „alle genetischen Untersuchungen des Senckenberg- Forschungsinstitutes für  Naturschutzgenetik“ im hessischen  Gelnhausen, „dass in der Lausitz komplett reinrassige Wölfe leben“, erklärt Hermann Ansorge. Bundesweit, so schätzt der Görlitzer Experte, hätten  maximal ein bis zwei Prozent der Wölfe überhaupt Hundegene. Hierzulande seien lediglich zwei Fälle von Wolfshybriden bekannt. Neben dem Neustädter Rudel handele es sich um Tiere bei Ohrdruf in Thüringen. Hinzu geselle sich ein Fall im nördlichen Tschechien. In Südeuropa seien die Hybridzahlen ungleich höher. Der Grund: „Dort gibt es viel mehr frei laufende Hunde“, begründet Hermann Ansorge.

Seit Mai 2014 lebt eine Wölfin aus dem Spremberger Rudel auf dem Gelände des Bundeswehrübungs-Platzes Ohrdruf in Thüringen. Dort hat sie sich mit einem freilaufenden Hund gepaart. Das Ergebnis sind sechs Mischlinge. Davon sind inzwischen im März/April dieses Jahres drei entnommen worden.  Wie Silvester Tamás vom Naturschutzbunde Deutschlands (Nabu) in Thüringen der RUNDSCHAU auf Nachfrage bestätigt, kann derzeit nur noch einer der drei verbliebenen Hybriden per Kamerafallen auf dem Übungsplatz-Gelände nachgewiesen werden. Und zwar in unmittelbarer Nähe zur Mutter. Über die anderen beiden Hybrid-Welpen gebe es keine Erkenntnisse. Möglicherweise seien sie abgewandert oder gestorben. Dennoch soll in den nächsten Monaten erneut versucht werden, die Hybriden per Kastenfallen lebend zu fangen, um sie in den Bärenpark nach Worbis zu bringen.

Der Streit um Halbwölfe in der Lausitz geht weiter. Der Verein Sicherheit und Artenschutz zweifelt die Ergebnisse und Schlussfolgerung der öffentlich beauftragten Experten an. Er will jetzt mit einem privaten Labor zur Gen-Analyse von Wölfen zusammenarbeiten, sagt Christian Lissina. Die Forensische Genetik und Rechtsmedizin am Institut für Hämatopathologie GmbH aus Hamburg untersucht neben Hunden, Füchsen und Schakalen auch Wölfe. Darunter fallen nach Angaben von Leiterin Dr. Nicole von Wurmb-Schwark Proben aus Deutschland und Frankreich. „Die Frage nach der Hybridisierung ist schwierig pauschal zu beantworten. Wir haben aber häufiger Proben, bei denen wir keine sichere Zuordnung zu den Grauwölfen machen können und die, anders als die Wölfe in unserer Datenbank, eine hohe Ähnlichkeit zum hundetypischen Merkmalsmuster bestimmter Rassen zeigen“, erklärt die Expertin. In Deutschland handele es sich dabei meist um die Hunderassen Labrador, Retriever und Owtscharka. Über die Zusammenarbeit mit bestimmten Vereinen sagt Nicole von Wurmb-Schwark aus Datenschutzgründen nichts.

Das Verhalten der Wolfshybriden hängt indes von ihrem Lebensumfeld ab. „Wenn die Hybridwelpen von einer Wölfin in freier Natur geboren werden, wachsen sie wie Wolfswelpen auf. Die wolfstypische Vorsicht kann jedoch durch den Anteil an Hundegenen geringer  ausgeprägt  sein. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen allerdings, dass wild aufgewachsene Hybriden für den Menschen genauso wenig gefährlich sind wie Wölfe“, heißt es aus dem Rietschener Kontaktbüro.

Aus Sicht des internationalen Artenschutzes stellt Hybridisierung zwischen Wild- und Haustieren eine Gefahr für die wildlebende Art dar. Der Einfluss von Haustiergenen könne sich insbesondere bei kleinen Populationen nachteilig auf die Angepasstheit, Fitness und Überlebensfähigkeit der Wildtierform auswirken.

Um eine Verbreitung von Hundegenen in der Wolfspopulation zu vermeiden, werden in einer Empfehlung der Berner Konvention zum Erhalt der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume aus dem Jahr 1979 die Vertragspartner aufgefordert, eindeutig bestätigte Wolf-Hund-Hybriden unter staatlicher Kontrolle aus der Natur zu entnehmen. Im Freistaat Sachsen ist eine Entnahme im Managementplan vorgesehen.

Indes schlägt Prof. Andreas Bitter, Inhaber der Professur Forsteinrichtung an der Technischen Universität Dresden und Vorsitzender des Sächsischen Waldbesitzerverbandes, vor, ein Forschungsprojekt zur Hybridisierung der Lausitzer Wölfe anzuschieben. „Wenn dafür keine Millioneninvestition notwendig ist, wäre es ein gangbarer Weg“, sagt Bitter.