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| 17:55 Uhr

Cottbus
Kriminalität oder völlige Überforderung

Kurz vor der geplanten Eröffnung 2012 wurden am Terminal des künftigen Hauptstadtairports BER viele zusätzliche Arbeiten verrichtet. Bei der Abrechnung über Stundenzettel soll ein Subunternehmer massiv betrogen haben.
Kurz vor der geplanten Eröffnung 2012 wurden am Terminal des künftigen Hauptstadtairports BER viele zusätzliche Arbeiten verrichtet. Bei der Abrechnung über Stundenzettel soll ein Subunternehmer massiv betrogen haben. FOTO: dpa / Christophe Gateau
Cottbus. Wegen Betruges muss sich vor dem Landgericht Cottbus ein ehemaliger Subunternehmer des Flughafenbaus in Berlin verantworten.

Frank K. wirkt nicht so, wie man sich einen ausgebufften Betrüger aus der Baubranche vorstellt. Ein schmaler 53-Jähriger in Jeans und Jackett mit offenem weißen Hemdkragen. In sich gekehrt sitzt er an diesem Vormittag neben seinem Anwalt auf der Anklagebank der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichtes Cottbus. Der frühere Bauunternehmer, der inzwischen wieder als Angestellter arbeitet, schweigt. „Mein Mandant will keine Aussage machen“, teilt sein Verteidiger Henry Schlenker dem Gericht mit.

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Cottbus wirft K. Betrug vor. Als Subunternehmer soll er 2012 auf der Baustelle des Flughafens BER in Schönefeld gegenüber einer Arbeitsgemeinschaft (Arge) von vier Baufirmen reihenweise falsche Stundenabrechnungen eingereicht haben. Auf den Stundenzetteln, so die Anklage, sollen auch Bauarbeiter gestanden haben, die zum fraglichen Zeitpunkt im Urlaub oder krank waren.

Die auf falschen Stundenabrechnungen beruhenden Rechnungen seien dann von der Arge an die Flughafengesellschaft weitergegeben worden. Dieser soll dadurch laut Anklage ein Schaden von 247 000 Euro entstanden sein. Doch schon der erste Prozesstag machte deutlich, dass es vermutlich schwer wird, den Vorwurf nachzuweisen.

Denn die Ereignisse, um die es in diesem Fall geht, spielten sich zwischen April und Juni 2012 ab. Nach einer ersten kleinen Verschiebung von sieben Monaten sollte der neue Hauptstadtflughafen im Juni 2012 um jeden Preis in Betrieb gehen. Die Folge davon war offenbar ein ziemliches Chaos auf der Baustelle ohne genaue Kontrolle, wer wann wo arbeitete und was erledigte.

Vier große Baufirmen hatten sich zu einer Arge „Ausbau“ zusammengeschlossen. Sie bekamen den Auftrag, das Fluggastterminal mit zwei zusätzlichen Piers zu errichten. Ab etwa einem Jahr vor der ersten geplanten Eröffnung, so berichtet ein Zeuge vor dem Landgericht, seien durch Verzögerungen immer mehr zusätzliche Arbeiten nötig geworden. Es gab Nachträge und später Ergänzungen zum eigentlichen Bauauftrag für das Terminal.

In dieser Phase kam die damalige Berliner Montagefirma von Frank K. zum Zuge. Sie war bereits vorher auf der Baustelle tätig und übernahm nun viele der zusätzlichen Aufträge, die vor allem darin bestanden, Wände aufzureißen und später wieder zu verschließen.

Abgerechnet wurden die Arbeiten über standardisierte Stundenzettel. Auf denen war vermerkt, welcher Mitarbeiter, an welchem Tag und an welchem Auftrag wie lange gearbeitet hatte.

2013, so berichtet ein Innenrevisor der Flughafengesellschaft als Zeuge vor Gericht, seien bei einer Stichprobe Unregelmäßigkeiten bei den Stundenabrechnungen für das Hauptgebäude festgestellt worden. Eine tiefere Prüfung habe den Verdacht noch ausgeweitet. Mehrere Tausend doppelt abgerechnete Stunden seien dabei zusammengekommen. Die Arge habe versucht, die Differenzen mit Fehlern beim Kopieren der Stundenzettel zu erklären.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters André Simon räumt der Zeuge ein, dass niemand mehr sagen kann, wer wann auf der Baustelle war: „Es gab keine Kontrolle, welcher Arbeitnehmer vor Ort im Einsatz war.“ Anfangs eingerichtete Baustellentore, die nur mit Zusgangskarten passiert werden konnten, seien wieder abgeschafft worden.

Erst viel später habe es eine Zeiterfassung aller Mitarbeiter auf der Baustelle gegeben. Nach dem geplatzten Eröffnungstermin im Juni 2012 habe auch die Firma gewechselt, die für die Projektsteuerung und Bauüberwachung verantwortlich gewesen sei. Der hätte auffallen müssen, ob die abgerechneten Stunden plausibel waren, so der Zeuge.

Aufgefallen seien die Abrechnungsfehler jedoch nur durch die aufgetauchten Namensdoppelungen. Ob denn die Stunden nur unter falschem Namen abgerechnet, aber von einem anderen Mitarbeiter geleistet worden sein könnten, will der Kammervorsitzende wissen. Der Zeuge schließt das nicht aus.

Ein Bauleiter der damaligen Arge, über dessen Tisch die Stundenzettel gingen, berichtet als zweiter Zeuge an diesem Tag, dass es gar nicht immer möglich war, unter dem damaligen Arbeitsdruck die Scheine immer gleich zu kontrollieren. Sie seien auch nicht immer wie gefordert „zeitnah“ ausgefüllt worden.

Und der ehemalige Bauleiter liefert noch eine andere Erklärung für das, was Frank K. auf die Anklagebank brachte. Der damalige Bauunternehmer habe nur acht eigene Leute gehabt, später jedoch mit über 70 Personen auf der Baustelle gearbeitet. Diese seien wiederum Subunternehmer von K. gewesen. Das könnte dem Berliner über den Kopf gewachsen sein, vermutet der Zeuge.

„Der hatte kein richtiges Büro hinter sich, der war mit der ganzen Abrechnung überfordert“, nimmt er den Angeklagten in Schutz. Sicher ist er sich außerdem, dass die Arbeiten, die K. mit seiner Firma erbringen sollte, auch realisiert wurden. Doppelabrechnungen, die aufgefallen waren, seien K. gestrichen und nicht bezahlt worden. Der habe sich nie dagegen gewehrt.

Der Prozess vor dem Cottbuser Landgericht wird am kommenden Montag fortgesetzt.

Rechtsanwalt Henry Schlenker (l.). Sein Mandant Frank K. schweigt vor dem Landgericht Cottbus.
Rechtsanwalt Henry Schlenker (l.). Sein Mandant Frank K. schweigt vor dem Landgericht Cottbus. FOTO: LR / Wendler, Simone