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Naturpark Niederlausitzer Heide
EU-Geld aus dem Heimatfonds

Vor der Pflanzaktion. Minister Jörg Vogelsänger (Mitte) im Pomologischen Schaugarten in Döllingen. Für einen der 400 Bäume hat er nun die Patenschaft. Der Garten ist Lehrort, Festplatz und Genbank von Obstsorten.
Vor der Pflanzaktion. Minister Jörg Vogelsänger (Mitte) im Pomologischen Schaugarten in Döllingen. Für einen der 400 Bäume hat er nun die Patenschaft. Der Garten ist Lehrort, Festplatz und Genbank von Obstsorten. FOTO: Wendler
Bad Liebenwerda. Die EU fördert die Entwicklung des ländlichen Raumes.Wie das hilft, zeigt der Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Von Wendler

Als Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) am Nachmittag zum Spaten greift, hat es angefangen zu regnen. Der Himmel über dem Pomologischen Schau- und Lehrgarten Döllingen hängt grau und schwer über der Landschaft, als Vogelsänger einen „Danziger Kantapfel“ in die Erde pflanzt, für den er nun Pate ist. Der Schaugarten mit 400 heimischen Obstgehölzen von fast 60 Sorten, darunter alte Raritäten, gehört zum Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Parkleiter Lars Thielemann hätte sich für den Ministerbesuch auch besseres Wetter gewünscht. Doch er ist froh, dass Vogelsänger sich fast einen Tag für den Besuch Zeit nimmt.

Der Minister wiederum wird sich an diesem regnerischen Novembertag bei dem Naturpark dafür bedanken, dass hier seit Jahren EU-För­dergelder aus dem „Heimatfonds“ ELER so sinnvoll ausgegeben werden: „Wir sind in Brüssel gelobt worden, dass wir bei der Nutzung dieser Förderung so weit vorn liegen.“ Der Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft habe daran einen Anteil, so Vogelsänger.

Der vor 21 Jahren gegründete Naturpark, das sind 480 Quadratkilometer im Süden von Brandenburg zwischen Lauchhammer, Bad Liebenwerda, Doberlug-Kirchhain und Finsterwalde. 46 Dörfer und Städte gehören dazu. Die Hälfte der Fläche wird landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist Wald. „Wir haben hier eine besondere Artenvielfalt“, versichert Parkleiter Thielemann.

Für Vogelkundler sei das Gebiet, das zum Teil aus Bergbaufolgelandschaft besteht, schon lange ein Anziehungspunkt. Doch wie schafft es eine Region, mit diesem Park zu wirtschaften? Wer Brandenburgs Landwirtschaftsminister Vogelsänger an diesem Tag begleitet, erfährt, dass es nur sehr langsam gelingt und in kleinen Schritten.

„Wir sind nicht der Spreewald“, sagt Parkleiter Thielemann. Da habe jeder bei dem Namen gleich Bilder im Kopf: „Bei uns müssen diese Bilder erst entstehen.“ Dazu ist die Niederlausitzer Heide für Berliner etwa zwei Stunden Fahrzeit entfernt. „Im Naturpark Fläming sind die Hauptstädter in nur einer Stunde“, so Thielemann. Das sei schon ein Entscheidungskriterium für den Wochenendausflug.

Spektakuläre Sehenswürdigkeiten gibt es – abgesehen von der nahegelegenen begehbaren Förderbrücke F 60 – kaum. Doch Naturliebhaber und Erholungsuchende, besonders auch Radtouristen, können viel entdecken: Große zusammenhängende Waldbestände, Niederungen und Moorflächen, einen der größten unzerschnittenen Traubeneichenwälder Deutschlands. Viele Vogelarten bis hin zum Seeadler.

Doch Parkchef Thielemann zeigt dem Landwirtschaftsminister bei seinem Besuch vor allem, wie mit dem Naturpark auch Arbeit geschaffen wird. Es geht um die Erzeugung regionaler Produkte, Vermarktung und Verarbeitung, zum Beispiel im landwirtschaftlichen Betrieb von Kathrin Preußer.

Zur Mutterkuhhaltung bewirtschaftet der Betrieb seit über fünfzehn Jahren auch 50 Hektar Streuobstwiese mit 4000 Apfel-und Birnen-Bäumen. Aus den Früchten entsteht Saft in Bio-Qualität und Obstler. Den lässt Kathrin Preußer bisher in der Nähe von Magdeburg brennen. Bald schon könnte das in Lauchhammer-West im Betrieb von Christian Wolf geschehen.

Wolf hat eine gebrauchte Brennanlage gekauft und umgebaut. Ende des Jahres soll sie in Betrieb gehen, kündigt der Nebenerwerbslandwirt an. Die Brennerei werde ein Schaubetrieb. „Wir dürfen das Logo des Naturparkes verwenden, das hilft uns bei der Vermarktung“, so Wolf.

Menschen wie Kathrin Preußer und Christian Wolf zusammenzubringen, das ist für Naturparkchef Lars Thielemann ein wichtiger Teil der Arbeit. Dazu gehören Petra Wetzel, die mit ihrer Heidemanufaktur in kleinen Mengen regional erzeugtes Obst verarbeitet, ebenso wie Frank Schreiber, mehrfach ausgezeichneter Spitzenkoch im „Goldenen Hahn“ in Finsterwalde.

Schreiber bezieht seine Kartoffeln aus der Nähe und kauft Eier für sein Restaurant beim Bio-Gut Besenborstel in Sonnewalde. Der Betrieb bietet eine regionale Bio-Abo-Kiste an und vermarktet seine Produkte auch in Richtung Berlin. Die Entstehung wurde durch eine Idee des Naturparkes initiiert, der Betrieb anfangs über zwei Jahre gefördert.

Der „Goldene Hahn“ in Finsterwalde, der Eier von Besenborstel verarbeitet, ist auch Mitglied der „Regionalen Speisekarte“, ein Projekt, welches von der Naturparkverwaltung angestoßen wurde. Ein Dutzend Restaurants vom einfachen Landgasthof bis zum Spitzenbetrieb von Frank Schreiber verarbeiten unter diesem Logo regionale Produkte von Landwirten, Jägern und Fischern. „Ich bin stolz, dort mitzumachen“, versichert der Chef des „Goldenen Hahn“.

Für Naturparkchef Lars Thielemann ist die Zusammenarbeit mit Schreiber wichtig: „Viele Vogelkundler, die in die Region kommen, wollen am Abend auch gut essen.“ Und für Vogelliebhaber nimmt ein anderes Naturparkprojekt immer greifbarere Konturen an, welches das Zeug zum Spektakulären hat: die Wiederansiedlung des Auerhuhns.

In der Greifvogelstation der Oberförsterei Hohenleipisch präsentiert Thielemann dem Landwirtschaftsminister den Stand der Auerhuhnpopulation. 60 bis 70 Tiere leben bereits wieder im Freiland. Ziel sei es, einen stabilen, sich selbst reproduzierenden Bestand zu erreichen. Auerhühner, die vor 100 Jahren in großer Zahl in der Niederlausitzer Heide lebten, sind alles andere als leicht wieder in die Natur zurückzubringen, so Thielemann. Viele derartige Vorhaben seien gescheitert. Fünfzehn Jahre hätten deshalb die sorgfältigen Vorbereitungen im Naturpark gedauert, wo die letzten der Großvögel Mitte der 90er-Jahre in freier Wildbahn gesichtet worden waren. Anders als in anderen Regionen seien keine Zuchttiere ausgewildert worden, sondern Auerhühner, die aus dem reichhaltigen Bestand in Schweden eingefangen wurden. Vorher war der Waldbestand sorgfältig analysiert worden, um den Tieren einen geeigneten Lebensraum zu bieten.

Sichtungen, genetische Untersuchungen von Federresten und Daten von Sendern, mit denen noch zehn  Tiere ausgerüstet sind, liefern Informationen über den Bestand. „Wir konnten Nachkommen der ausgesetzten Tiere nachweisen und bereits deren Nachkommen“, so Thielemann. Das zeige, dass es funktionieren kann.

Dabei haben Auerhühner in freier Wildbahn mit Habicht und Fuchs gefährliche Feinde. Aus hundert gelegten Eiern der Großvögel schlüpfen nur drei Jungvögel, die das erste Lebensjahr überstehen.

Bis 2020 sollen im Naturpark Niederlausitz weitere in Schweden gefangene Tiere freigelassen werden. Bis dahin ist auch die Finanzierung des Auerhahn-Projektes gesichert. 1,4 Millionen Euro für einen Zeitraum von fünf Jahren zahlt die EU dafür.

Lars Thielemann, Naturparkleiter, mit ausgestopftem Auerhahn. Rund 60 dieser Tiere wurden bereits in der Niederlausitzer Heide wieder angesiedelt.
Lars Thielemann, Naturparkleiter, mit ausgestopftem Auerhahn. Rund 60 dieser Tiere wurden bereits in der Niederlausitzer Heide wieder angesiedelt. FOTO: Wendler