Schon vor dem Messestart um 11 Uhr haben sich Schlangen vor der Halle 19 unterm Funkturm in Berlin gebildet. Sex-Sternchen wie Micaela Schäfer heizen unter Diskorauch und hämmernden Beats den Wartenden auf den Stufen des Eingangs am Hammerskölt Platz in Berlin-Charlottenburg ein. Die pinkfarbenen Klebestreifen, mit denen ihre Körper wie Tape-Art-Kunstwerke umschnürt sind, lassen viel Haut frei und bedecken nur die intimsten Bereiche.
Die Erotik-Messe Venus hat seit Donnerstag wieder ihre Pforten geöffnet. Nach zweijähriger pandemiebedingter Abstinenz erwarten 250 Aussteller aus 40 Ländern bis Sonntag wieder mehr als 30.000 Menschen unterm Funkturm.

Sexspielzeug zum Messe-Rabatt

Zum 25-jährigen Jubiläum der Sex-Messe (Tickets ab 55 Euro) bekommt jeder Besucher ein Masturbations-Egg gratis in die Hand gedrückt. Die Spielzeugauswahl in den Messehallen ist aber um ein Vielfältiges größer. Vom „Sinnlichen Federkitzler“ über den „Vagina-Unterdruck-Masturbator“ bis zum „Reizvollen dreiteiligen Bett-Fesselspiel“ ist alles zu rabattierten Messe-Preisen zu haben. An Glücksrädern kann man Augenbinden und andere kleine Sextoys gewinnen, an den Buden Popcorn, Hotdogs und Schafskäse im Fladenbrot und Caipirinha ordern.
Die meisten Besucher sind aber gekommen, um sich hochwertige Geräte wie den „Mytim“, einen Vibrator mit zusätzlicher Elektrostimulation vorführen zu lassen. „Nehmen Sie ihn einmal richtig in die Hand“, rät Jessica Hofmann und freut sich über die überraschten Augen der Messebesucher und Besucherinnen, wenn sie neben der Vibration auch noch die elektrischen Impulse zu spüren bekommen.
„Auch bei normalen Berührungen sendet die Haut solche Impulse an das Gehirn, so sprechen die Geräte quasi Körpersprache“, erklärt die Verkäuferin eines bayerischen Herstellers, der ursprünglich mal sein Geschäft mit der Entwicklung von Medizintechnik begonnen hat. „Mit dem Gerät kann man auch gut den Beckenboden trainieren“, betont die Messedame.

Von Vibrator bis Lockenstab

An einem Stand von „Gold Curl“ sind die Elektrostäbe aber tatsächlich nur zum Lockenmachen da. Ein paar der Besucher lassen sich von den Produktverkäufern die Haare stylen. Doch die meisten haben sich schon vorher in Schale geworfen und präsentieren ihre Spitzen- und Netz-Wäsche, die sie sonst nur im Ehebett tragen, nun frei Haus.
„Meine Frau ist Exhibitionistin und zeigt sich gerne so in der Öffentlichkeit“, sagt Michael, der mit sieben Bekannten aus Dänemark angereist ist. Der 61-Jährige ist als einziger im Anzug erschienen, während seine Frau ein schwarzes Mieder trägt. Der Älteste aus der Truppe trägt dagegen nichts weiter als einen rosafarbenen Tanga-Slip. Nach einem kurzen ersten Rundgang durch Räume mit Fetisch-Kleidung und Accessoires machen die Dänen erstmal Mittagspause am Bierstand.
Leichtbekleidete Besucher bei einer Bierpause auf der Erotik-Messe Venus in Berlin.
Leichtbekleidete Besucher bei einer Bierpause auf der Erotik-Messe Venus in Berlin.
© Foto: Maria Neuendorff
Auf einer der vielen Bühnen peitscht eine füllige Domina auf einen blanken weißen Hintern ein. Ein paar Sklaven werden von herrischen Blondinen durch die Hallen an Hundeleinen geführt, mancher Körper ist nur von einem Netzteil bedeckt.
Franzi und Dennis aus Sachsen sind eher gekleidet, als würden sie die Grüne Woche besuchen. 2014 war das Paar erstmals gemeinsam auf der Venus. „Mein Freund wollte abchecken, was mich erotisch so interessiert“, erzählt die 36-Jährige. Im ersten Moment sei sie schüchtern gewesen, habe aber schnell Gefallen an der Mischung aus der Produkt-Schau und erotischer Unterhaltung gefunden.

VIP-Karten als Geburtstagsgeschenk vom Freund

In diesem Jahr habe sie sich riesig gefreut, als ihr Freund ihr VIP-Tickets zum Geburtstag geschenkt hat. Mit den Dauerkarten wollen beide nun alle vier Tage auskosten und dürfen auch an Abendveranstaltungen teilnehmen. „Ich finde die Messe in diesem Jahr etwas klein. Aber ich freue mich auf die Partys, am meisten auf den Venus Award“, sagt der 36-Jährige.
Gleich zwei von den goldenen, Oskar-ähnlichen Trophäen stehen im Glaskasten von Fred Graf, der mit seiner Internetseite Erotische.Hypnosen.com unter anderem schon 2015 den Preis des innovativsten Produktes gewonnen hat. Seit ein paar Jahren bietet er mit seinem Team im Internet Hörspiele an, die nicht nur Sex-Fantasien anregen, sondern ohne Berührung zum Höhepunkt führen sollen.

Erotische Hypnosen vor Ort

Wer will, kann sich auch auf einem Sitzkissen direkt am Messestand für ein paar Minuten in Trance versetzen lassen. „Wenn du heute Abend von deinem Partner das Wort Lust hörst, dann wird dich ein wohliges Gefühl durchströmen“, haucht Vive, einer der Hypnotiseure einer Probandin ins Ohr.
„Eine bleibende Suggestion kann nie ohne den Wunsch des Hörers gesetzt werden. Denn die Wirkung der Hypnose beruht auf der eigenen Fantasie und dem freiwilligen Einlassen auf die erzählte Geschichte“, erklärt Graf nach der kurzen Vorführung, die eher einer Entspannungs-Meditation gleicht. Bei den Messe-Darstellern sei es einfacher als beim normalen Publikum, betont er. „Die sind es ja gewöhnt, einen Orgasmus vor Publikum zu haben.“

Autogramme von Porno-Stars

Doch die Porno-Stars haben gerade keine Zeit für Hypnose-Sessions. Sie müssen Autogramme schreiben oder rekeln sich in lasziven Posen vor Laptops, die ihre Performances nochmal auf große Leinwände übertragen. So kann auch jeder etwas sehen, denn da ist sie dann doch wieder, die klischee-behaftete Traube alternder Männer, die mit ihren Kameras gierig jeden blanken Busen ablichten.
Ansonsten ist alles ein wenig bunter, feministischer und diverser. So ist auch Drag-Queen Ella Mortadella ein Gesicht der Messe. Es gibt Spitzen-Unterhosen für Männer und eine „Women Area“, in der nur Frauen Zutritt haben und in deren Kabinen durchtrainierte Kerle die Hosen herunterlassen.

Gleitgel mit Kribbeleffekt

Doch es kann durchaus auch züchtig zugehen auf der weltgrößten Sex-Messe. Die Hostessen am Stand von „Oh! Holy Mary“ präsentieren im Nonnen-Outfit handgemachte pflanzliche gewachste Holzdildos. Der neueste Schrei ist aber ein Gleitgel mit Wärmeeffekt.
Durch Zutaten wie Hanf kribbele die Intim-Kosmetik wie ein Flüssigskeitsvibrator auf den Schleimhäuten und sorge für noch intensivere Erlebnisse beim Sex, berichtet eine der jungen Frauen. „Ich habe es mit meiner Freundin und meiner Tantra-Gruppe schon selbst getestet und alle waren begeistert.“
Julia Kanis und Anastasia Podgorni präsentieren als Nonnen verkleidet Hanf-Gleitgel mit Wärmeeffekt.
Julia Kanis und Anastasia Podgorni präsentieren als Nonnen verkleidet Hanf-Gleitgel mit Wärmeeffekt.
© Foto: Maria Neuendoff
Den absoluten Messe-Renner hat aber Trans-Model Kim Tawo mitgebracht und der ist schon fast ausverkauft. Für 15 Euro verkauft der Mann mit der lila Perücke Schildchen mit elektronischer LED-Laufschrift, die man sich an die Brust heften kann.
250 Aussteller aus 40 Ländern bieten Produkte aus den Bereichen Erotik und Lifestyle an.
250 Aussteller aus 40 Ländern bieten Produkte aus den Bereichen Erotik und Lifestyle an.
© Foto: Maria Neuendorff
Die Botschaft darauf kann man selbst programmieren und so unter anderem seinem Umfeld wortlos seine Vorlieben mitteilen. „Durex“ steht auf dem Vorführstück, ein Hinweis auf gefühlsechte Kondome. Man kann aber über die dazugehörige Computersoftware auch ganze Sätze programmieren, erklärt der Standbetreiber. Sein letzter Kunde habe sich von ihm folgenden Spruch eintippen lassen: „Glotzen 5 Euro, lächeln gratis.“