Das Doppelte sei in diesem Jahr für einen importierten Gänsebraten zu zahlen, prognostizierte der Chef des Bundesverbands Bäuerliche Gänsehaltung der „Bild“-Zeitung Anfang der Woche. Als Vergleichswert nannte er den Kilopreis von vor einem Jahr von 4,50 Euro.
Eine importierte Gans kommt in Brandenburg mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Polen, dem Gänsefleischimporteur Nummer 1 in der Europäischen Union. Knapp 900.000 Tiere wurden nach Branchen-Angaben im vergangenen Jahr im Nachbarland aufgezogen; die Zahl lag deutlich unter den Millionenmarken der Vorjahre. Zumeist handelt es sich um weiße Hausgänse, die verbreitetste Art in Polen. Laut dem Rat nationaler Geflügelproduzenten werden jedes Jahr rund 40 Prozent der Gänse in Polen nach Deutschland verkauft, bereits geschlachtet oder lebend. Bei Enten sind es sogar 50 Prozent.

Weniger Fälle von Vogelgrippe in Polen

In Polen haben Geflügelbauern in diesem Jahr viel weniger mit der Vogelgrippe zu kämpfen zu haben als im vergangenen Jahr. Nur 35 Infektionsherde zählten Polens Veterinäre 2022 – in Deutschland sind es mehr als doppelt so viele. Und vor einem Jahr brach die Krankheit in Polen in mehr als 400 Beständen aus und zwang zu entsprechend vielen Tötungen.
Dafür wird das Nachbarland jetzt von der Inflation geschüttelt, die mit gut 17 Prozent deutlich höher liegt als in Deutschland. Tierfutter und Strom ist auch teurer. Ziehen Bauern jetzt auch weniger Tiere auf?

Gibt es in Polen auch Bio-Gänse?

„Bei uns macht sich diese Krise kaum bemerkbar, weil unsere Bauern nur in kleinem Stil Tiere aufziehen“, sagt Andrzej Klonecki der Stiftung der Züchter der „Polnischen Weißen Gans“, einer Vereinigung in der Wojewodschaft Kujawien-Pommern. Die Stiftung schult und unterstützt mithilfe von EU-Mitteln Feierabendbauern und -bäuerinnen in der bio-nahen Gänsezucht bis zu hundert Tieren auf ihren privaten Höfen. Verkauft wird das Fleisch, aber auch Daunen und Federn – nach der Schlachtung. „Pro-ökologisch, aber ohne Zertifikat“, erklärt Klonecki. Die Kleinbauern ziehen zumeist einige Dutzend Tiere auf, schlachten selbst und verkaufen auf lokalen Märkten. Dafür gibt es Steuerbefreiungen.
Die Nachfrage sei „riesig“, so Klonecki, deswegen lohne sich das. 40 bis 50 Złoty, umgerechnet etwa 9 bis 11 Euro, pro Kilogramm müsse man für so eine Hofgans hinlegen. Im November vor einem Jahr nannte Klonecki noch einen anderen Kilopreis für das quasi-Bio-Gänsefleisch: 20 Złoty.

Region Bromberg veranstaltet am Martinstag ein Festival

Die Region Kujawien-Pommern promotet die Gans als seine regionale Marke und organisiert sogar jedes Jahr ein Gänsefestival, bei dem man Gänse kaufen und Gansleber und andere Gänsedelikatessen probieren kann. Gänsebraten erfreut sich nämlich in Polen wachsender Beliebtheit. Produzenten sollen im Vorfeld des Festivals mit einem Preis von 26 Złoty pro Kilogramm (5,50 Euro) werben, kann man in einem Branchenmedium lesen.
Das Festival beginnt am Freitag, 11. November, dem Martinstag und polnischen Unabhängigkeitstag, der in Polen Feiertag ist, in dem Ort Przysiek in der Nähe von Bydgoszcz (Bromberg) – 350 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt.

Auf Słubicer Basar bezahlt man für eine Gans elf Euro pro Kilogramm

Wer nicht so weit reisen will, kann aber auch ganz in der Nähe eine Gans oder Ente für Weihnachten vorbestellen. Schlachtgänse und -enten von Kleinbauern kann man zum Beispiel in Słubice, der Nachbarstadt von Frankfurt (Oder) im „Smakowita Wieś“ bestellen (Plac Przyjaźni 18), einem Laden für Bio-Fleisch und regionale Delikatessen.
Die Tiere stammten von einem 60 Kilometer entfernten Hof im Lebuser Land aus Freilandhaltung, so eine Verkäuferin. Für eine Gans zahle man pauschal 250 Złoty (ca. 53 Euro), für eine Ente 120 Złoty (ca. 26 Euro). Bei einem Gewicht von rund fünf Kilogramm pro Gans kommt man etwa auf den Preis, den auch die Kleinbauern rund um Andrzej Klonecki veranschlagen.
Auf dem Kleinen Basar in Słubice kann man auch spontan und ohne Bestellung einen Gänsebraten erstehen. Fünf junge frisch geschlachtete Tiere liegen dort am Mittwoch, auch aus der Region und laut dem Händler auch aus Freilandhaltung: elf Euro je Kilogramm kosten sie, Stand jetzt. Der Preis werde auf Weihnachten zu wohl steigen, meint der Händler. Für die Enten liege der Kilopreis bei neun Euro. Im Supermarkt Intermarché ist es kaum günstiger. Für ein Entenfilet „Supreme“ werden dort ebenfalls fast neun Euro je Kilogramm verlangt.
Die Preise für den Feiertagsbraten nähern sich also dem Wert an, den der Verbandschef der Bäuerlichen Gänsehalter für eine polnische Gans in deutschen Supermärkten prognostiziert. Diese stammen jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Gänse-Großfarm.