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| 20:00 Uhr

„Ostdeutsche fühlen sich abgehängt“
Eine Quote für den Osten?

Frauke Hildebrandt (l.) und Brandenburgs SPD-Generalsekretär Erik Stohn saßen auf dem Podium in Luckenwalde und diskutierten mit zahlreichen Gästen.
Frauke Hildebrandt (l.) und Brandenburgs SPD-Generalsekretär Erik Stohn saßen auf dem Podium in Luckenwalde und diskutierten mit zahlreichen Gästen. FOTO: Lorenz Reck
Luckenwalde. Ostdeutsche fühlen sich nicht abgehängt, sie sind es! Mit dieser und ähnlichen Thesen versucht eine bislang wenig bekannte Sozialdemokratin aus einer namhaften Familie Diskussionen über die Nachwendezeit loszutreten. Von Ulrich Thiessen

Peng! Die Frau auf dem Podium schleicht sich nicht an Themen ran, versucht nicht mit wohlfeilen Redewendungen das Publikum zu gewinnen. Etwas muss aus ihr heraus und dann schießt es eben hervor: „Ich bin wahnsinnig genervt, wenn ich höre: Die Ostdeutschen fühlen sich abgehängt! Das ist kein Gefühl - das ist eine Ungerechtigkeit!“, schleudert Frauke Hildebrandt zu Beginn des Abends quasi als Begrüßung ins Luckenwalder Publikum. Die Tochter der schon legendären brandenburgischen Sozialministerin gleicht ihrer Mutter in vielem: Das Temperament, die Art und Weise hin und wieder in einen Berliner Slang zu fallen und eine gewisse Freude am Provozieren.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung startete am Donnerstagabend in Teltow-Fläming eine Reihe zu ostdeutschen Geschichten. In Sachsen hat die dortige SPD-Integrationsministerin Petra Köpping schon vor zwei Jahren mit Diskussionsrunden zur ostdeutschen Gefühlslage begonnen und ihre Erfahrungen in dem Buch „Integriert doch erst mal uns“ zusammengefasst. Auch die brandenburgischen Sozialdemokraten wollen sich an das Thema herantasten. Deshalb saß neben Frauke Hildebrandt, der Professorin für frühkindliche Bildung an der Potsdamer Fachhochschule, der Generalsekretär des Landesverbandes Erik Stohn.

Der Ort des Geschehens ist wie die wahr gewordene Prophezeiung von Helmut Kohls blühenden Landschaften: Der ehemalige Bahnhof der Kreisstadt Luckenwalde. Er wurde im vergangenen Jahrzehnt mit einem preisgekrönten goldenen Anbau versehen und beherbergt heute   die Stadtbibliothek.

Frauke Hildebrandt stellt die Erfolge der vergangenen 28 Jahre nicht infrage. Aber sie verweist darauf, dass nur 1,7 Prozent der deutschen Führungselite aus dem Osten kommt. Die Demokratie sei in Gefahr, wenn eine Gruppe dauerhaft nicht repräsentiert wird. Und dann fragte sie, ob es nicht Zeit für eine Quote bei der Besetzung von Chefposten wäre.

Stohn neben ihr kommentiert das nicht. Wie auch! Sein Chef, Landesvorsitzender Dietmar Woidke, hat als Ministerpräsident zuletzt zwei Minister und eine Staatssekretärin mit westdeutschen Biografien in die Regierung geholt. Eine davon, Bildungsministerin Britta Ernst, hatte in dieser Woche für Aufregung gesorgt, als sie in einem Interview davon sprach, dass die Ostdeutschen Unterschiedlichkeiten nicht so leicht aushalten und deshalb vielleicht eher AfD wählen.

Frauke Hildebrandt betonte, dass viele Westdeutsche zu wenig wissen, wie die Nachwendeerfahrungen eine ganze Generation traumatisierten. Es brachen nicht einfach die Arbeitsplätze weg, sondern auch die damit verbundenen sozialen Netze. Man musste  völlig neue Regeln lernen und sogar seine Sprache anpassen.

„Die Wende war wie ein Taifun, der durch mein Leben rauschte“, berichtete eine Frau im Publikum. Sie habe zur Wendezeit ein Kind erwartet und sich erst einmal fragen müssen, ob sie es zur Welt bringen soll. In der Diskussion der rund 50 Zuhörer heißt es immer wieder, dass das Gefühl Ossi zu sein, sich vererbt.

Die Hoffnung, dass die nächste Generation keine Unterschiede mehr kennt, habe sich nicht erfüllt. Auch die zweite Generation trägt das mit sich rum, sagte Sören Kosanke, SPD-Landtagsabgeordneter und zur Wendezeit gerade mal zwölf Jahre alt. Es werde zu wenig in den Familien über die Zeiten und ihre Konsequenzen geredet, in der Schule schon gar nicht, hieß es immer wieder.

Insgesamt wurde sehr nachdenklich, verhalten diskutiert und selbst die Forderung von Frauke Hildebrandt, dass die Ostdeutschen nicht länger warten dürfen, bis irgendjemand die Tarife angleicht, sondern selbst kämpfen müssen, bekam nur höflichen Applaus. Auch die Frage zur sogenannte Wahrheitskommission für die Aufarbeitung der Treuhand-Arbeit, wie sie die sächsische SPD vorgeschlagen hatte, stieß in Luckenwalde nicht auf Interesse.

Nach der Veranstaltung zeigte sich, dass Frauke Hildebrandt sich doch von ihrer Mutter unterscheidet. Ist das wirklich richtig, jetzt so eine Diskussion loszutreten, wollte sie wissen und schien, jenseits des temperamentvollen Auftritts, von Zweifeln geplagt.

Als Gradmesser für den Bedarf an solchen Debatten kann die Veranstaltung kaum genommen werden. In Luckenwalde wurden die Einladungen nur über den begrenzten Verteiler der Friedrich-Ebert-Stiftung verteilt.